Bildhaft formuliert: Der Betroffene hat aus und durch seine Kindheit Wunden (psychische Verletzungen) erhalten, die weder geheilt noch zugewachsen und richtig vernarbt sind. In diese alten, aber letztlich weiterhin offenen, eitrigen Wunden wird mittels von zum Ur-Defizit in inhaltlicher Verbindung stehender Vorkommnisse wieder und wieder in die – gleiche - Wunde gestochen. Diese fängt erneut an zu bluten, vergrößert sich und schmerzt immer mehr.
In inhaltlicher Verbindung stehender Vorfall bedeutet beispielsweise, dass das in der Kindheit erwachsene Problem dank Herabsetzung, Nichtbeachtung, Beschämung, Zurückweisung und Nicht-Akzeptanz (oder die Akzeptanz war einzig an konkrete Bedingungen geknüpft) geprägt war und die in der Jugend oder im Erwachsenenalter gemachten Schlüsselerfahrungen den Menschen permanent mit seiner tiefen Problematik konfrontieren. Es entsteht also keine neue Wunde, da es um keine andere Angelegenheit geht, hingegen wird in die alte existente ständig tiefer gebohrt und infolgedessen der Schmerz stets größer und unerträglicher.
Alles Vorgänge oder Ereignisse, die sich jeden Tag tausendmal in den Gesellschaften ereignen und für die überwiegende Mehrheit der Menschen, deren identitätsgemäße Konstitution nicht so im außergewöhnlichen Maße (respektive in dieser Dimension) vorbelastet ist, zwar eine unangenehme Note haben, jedoch die mit einem gewissen Aufwand in der Lage sind, die Erlebnisse wegzustecken und – kompensatorisch - zu verarbeiten. Dies vollzieht sich oft in Gestalt entsprechend „milder/harmloser“ psychischer Reaktionsformen oder Ersatzhandlungen.
Metaphorisch ausgedrückt: Es macht prinzipiell einen großen Unterschied, auf welchen Boden bzw. Zustand etwas trifft. Wenn ein brennendes Zündholz auf feuchtes Gras fällt, dann passiert nichts Wesentliches, da es entweder gleich erlöscht oder nur noch ein bisschen nachglüht, ohne das Gras entzünden zu können. Sobald dieses Zündholz aber mit absolut trockenem, strohigem Gras in Berührung kommt, dann kann, je nach spezieller Situation (z. B. anfachende, verstärkende Winde), ein Brand bis hin zum unkontrollierbaren Flächenbrand entwickeln.
Übertragen auf die identitätsgemäße Problematik heißt dies, dass ein psychisch – ziemlich - stabiler Mensch (symbolisch feuchtes, vitales Gras), der bestimmten Aussagen oder Ereignissen ausgesetzt ist, die belastenden, weil zum Beispiel demütigenden Charakter haben (symbolisch brennendes Zündholz), mit diesen angesichts seiner psychischen Ressourcen (Wasser/Feuchtigkeit im Gras, sinnbildlich für Vitalität und Widerstandskraft) angemessen umgehen kann. Eine – relativ - gesunde Psyche kann dies in einem kurzen (Zündholz erlöscht wegen der Nässe) oder etwas längeren (Zündholz glüht noch nach) Zeitraum verkraften, ohne dass dies zu weiteren, eine Minderwertigkeit erzeugende, Auswirkungen (Entstehung eines Brandes) führt.
Einfach: Dieser Mensch kann die Beanspruchung ohne besondere Probleme und Nachwirkungen aushalten und wegstecken.
Im gegenteiligen Fall, sofern der Mensch ein erhebliches psychisches Defizit hat und somit diesbezüglich vorbelastet ist (symbolisch verdorrtes, substanzloses Gras), kann eine erneute Entwertung oder andere psychisch bedrückende Situation/Erlebnis (symbolisch brennendes Zündholz) zu einem großen Schaden werden, der sehr lange zur Bewältigung benötigt (symbolisch Brand) oder sogar in eine existenzielle Bedrohung in Anbetracht der Gefährdung der Funktionsfähigkeit (symbolisch Flächenbrand; keine Möglichkeit zur Verarbeitung) mündet.
Die soziale und ebenso gesellschaftliche Problematik liegt in dem jeweiligen Unverständnis der zwei unterschiedlichen Positionen füreinander. Was für den einen Menschen ob seiner Vorgeschichte eine immense Tragweite hat und durchaus eine Katastrophe oder eine Art Weltuntergang besagen kann (oder besser als solche/solcher empfunden wird), stellt für den anderen eine zu vernachlässigende Lappalie dar.
Beide Seiten können sich wegen ihrer ungleichen identitäts- bzw. selbstwertgemäßen Lage normalerweise nicht oder nur ungenügend in die Verfassung des Gegenübers versetzen. Die mangelnde oder sogar gänzlich fehlende Vorstellungskraft und Fähigkeit zur Nachvollziehbarkeit macht den gegenseitigen Umgang zu einem – unbewusst – schwierigen und daher zudem unkalkulierbaren Unterfangen. Leichtfertige oder gedankenlose (ohne eigentliches Hintergrundmotiv) Äußerungen und Handlungen können beim Pendant, auch wenn dies aufgrund der Wahrung der Fassade nicht offensichtlich zu erkennen ist (als Selbstschutz wird die Schwäche verborgen und Normalität bzw. Belanglosigkeit vorgegaukelt), psychische Verletzungen und Kränkungen verursachen, die im expliziten Fall und bei konkreter Häufung der Vorkommnisse dann unvorhersehbare und unkontrollierte Überreaktionen ergeben können.
Der Betroffene kann nicht mit Niederlagen umgehen, da angesichts seiner stark instabilen psychischen Konstitution die Verarbeitungsmöglichkeiten und die Frustrationspuffer (energetische Voraussetzungen) nicht vorhanden sind, und muss aus energetischer Sicht seine ganze Kraft auf das identitätsgemäße Pseudogleichgewicht konzentrieren, um wenigstens in den weiteren Lebensbereichen seine Funktionstüchtigkeit und zudem seine kräfteraubende Fassade aufrechtzuerhalten. Für den Umgang mit erneuten Enttäuschungen wären psychische Ressourcen notwendig, die diese Menschen in ihrer Entwicklung nicht bilden konnten und deshalb nicht zur Verfügung stehen.
Die Person ist gegenüber diesen negativen Erlebnissen hochgradig wehr- und hilflos – sie ist buchstäblich getroffen, fühlt sich entweder erheblich oder völlig entwertet - und flüchtet sich als Ausweg, auch anhand fehlender, für sie realisierbarer Alternativen, in kompensatorische Ersatzhandlungen, die sich wiederum in inhaltlichen Bezug zu seinem Ur-Mangel befinden.
Die Herabsetzung, Nichtbeachtung, Zurückweisung und Nicht-Akzeptanz haben zu einem Gefühl der Schwäche, des Scheiterns, des Verlierens, der Erfolglosigkeit, des Nichtkönnens und damit der Minderwertigkeit geführt (und dies in einer Welt, in der ausschließlich der Erfolg, die Stärke, der Sieg zählt und Schwäche, das Versagen, der Misserfolg ein großer Makel sind), das jetzt über die Gewalt genau mit dem Gegenteil, dem Gefühl der Macht, der Kraft, der Stärke und des Erfolgs, versucht wird, zumindest zu neutralisieren.
Der Konsum bzw. die Ausübung von Gewalt, unabhängig ob lediglich imaginär mittels entsprechender Fantasierung oder virtuell durch Videospiele, lenkt nicht nur während der Aktivität von der eigenen Situation und Befindlichkeit ab und verdrängt diese, sondern füllt den Selbstwertgefühlspeicher auf diese Weise dank der verbundenen Bestätigung und Befriedigung. Der Betroffene fühlt sich – natürlich bloß kurzzeitig – stark, mächtig und erfolgreich und kann, so paradox und grotesk es klingt, in seiner Sicht die Erwartungen der Gesellschaft bewerkstelligen.
Nach dieser temporären Befriedigung ist die Ernüchterung wieder präsent, zumal sich an seiner problembeladenen Lage nichts geändert hat und abermalige Frustrationen zu einer sich immer steigernden inneren Spannung führen. An diesem Punkt kommt darüber hinaus eine gewisse situationsgemäße Immanenz zum Tragen (Stichwort: Teufelskreis), da der Betroffene – mitbegründet kraft seiner laufend wachsenden Verzweiflung – nicht die richtigen Mittel hat und einsetzen kann, um das erhoffte und erforderliche Resultat, sprich eine Aufwertung und folglich eine Stabilisierung der unsicheren psychischen Verfassung, zu ermöglichen.
Diese unpassenden Verhaltensweisen zeichnen sich durch zwanghafte, getriebene, verbissene und aggressive Elemente aus, weil der psychische Erfolgsdruck beträchtlich ist und dies wird erneut zum Bumerang, da die Umwelt das registriert und mit Ablehnung reagiert. Der Betroffene möchte anders agieren, kann dies jedoch anlässlich seines psychischen Zustandes nicht. Er sitzt buchstäblich im psychischen Irrgarten (Stichwort: psychische Falle) und findet keinen Ausweg bzw. nicht den Weg nach draußen.
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