„Da, die gibts auch noch!" Martina hatte eins dieser typischen kleinen Jiaozi-Restaurants entdeckt. Ein zur Straße offener Raum direkt an der Ecke. An den zwei vorderen Tischen konnte man von hier aus die Gäste auf kleinen Hockern sitzen sehen, vor sich auf großen Tellern Berge von den mit Hackfleisch und viel Knoblauch gefüllten Teigtaschen und daneben die Tellerchen mit Sojasoße, Essig und Chili-Öl zum Reintunken.
„Schade, dass wir das nicht vorher gesehen haben", sagte ich. „Da hätten wir mindestens genauso gut essen können, wie hier oben.“
„Und zu einem Zehntel des Preises“, ergänzte Martina.
In diesem Augenblick ertönt der Klingelton meines Handys. Sophie! Professor Wang ließ ausrichten, er bedauere, dass er nur etwa eine halbe Stunde Zeit für mich haben würde. Immerhin. Zu meiner Erleichterung hatte Martina überhaupt nichts dagegen, dass ich die Gelegenheit zu einem Treffen mit einem alten Bekannten aus Shanghai nutzte, die sich da so überraschend ergeben hatte. Sie erinnerte sich sogar noch an Prof. Wang. Wir hatten ihn einmal in der Residenz zu Gast gehabt. Ja, ihr war es eigentlich auch ganz recht, sich nach den anstrengenden Tagen zuvor an diesem Nachmittag einfach nur ein wenig im Hotel auszuruhen.
Ich nahm die U-Bahn, denn so kam ich am schnellsten rüber in die Westberge, wo der große Campus der zentralen Parteihochschule gleich neben dem Sommerpalast liegt. Von der Station Beigongmen der Linie 4 ist es nur ein kurzes Stück zu Fuß bis zum Haupttor. Der Wachsoldat vor dem Pavillon neben der mit einem Scherengitter versperrten Einfahrt musterte mich misstrauisch. Ich nannte ihm den Namen von Professor Wang, woraufhin er erst mal telefonierte. Schließlich reichte er mir einen Besucherpass und bat mich, zu warten. Man würde mich abholen. Statt der vertrauten Gestalt von Prof. Wang kam nach einer Weile eine junge Chinesin auf mich zu. Fröhlich lächelnd streckte sie mir die Hand entgegen.
„Guten Tag! Professor Wang hat mich gebeten, Sie abzuholen. Ich bin Assistentin in seinem Institut. Sie können mich Angie nennen.“
Etwas verblüfft, hier so unbefangen und gleich auch noch auf Deutsch angesprochen zu werden, folgte ich ihr über das mit auffallend hohen Birken bestandene Gelände auf ein großes Gebäude mit imposantem Säulenvorbau zu. Dabei erfuhr ich von der weiter munter plaudernden Angie, dass sie Germanistik an der Tongji-Universität in Shanghai studiert und anschließend noch ein Soziologiestudium an der Humboldt Universität in Berlin drangehängt hatte. Den Professor Wang hatte sie kennengelernt, als sie eine Delegation der Zentralen Parteihochschule unter seiner Leitung ein paar Tage in Berlin als Betreuerin und Dolmetscherin begleitet hatte. Der hatte dann auch dafür gesorgt, dass sie hier eine Assistentenstelle bekommen hatte. Sie freute sich, als ich ihr erzählte, dass ich in meiner Zeit in Shanghai gelegentlich Vorträge vor Studenten der Germanistischen Fakultät der Tongji gehalten hatte.
„Da war ich wohl leider schon in Berlin“, meinte sie.
Auch am Eingang des Empfangsgebäudes stand ein Wachsoldat, der erneut meinen Ausweis prüfte. Ich musste sogar noch meine Mappe öffnen, damit er sich vergewissern konnte, dass tatsächlich nur ein Hefter mit bedrucktem Papier darin war. Wir nahmen den Fahrstuhl in den dritten Stock, wo Angie mich in einen Empfangsraum führte. Dort wartete Prof. Wang schon auf uns.
„Huanying, huanying“, begrüßte er mich auf Chinesisch und ich antwortete mit den üblichen Floskeln. Dann wechselten wir aber ins Deutsche, wie wir es auch früher meistens getan hatten. Ich wusste, dass Wang sich über jede Gelegenheit freute, seine hervorragende Beherrschung unserer Sprache unter Beweis zu stellen. Er entschuldigte sich, dass er unser Treffen erst so kurzfristig hatte bestätigen können.
„Sie können es nun aber durchaus als besondere Ehre werten, dass man ihnen nach gründlicher Prüfung so kurzfristig Zutritt zu den heiligen Hallen der Zentralen Parteihochschule gewährt hat“, sagte er in scherzhaftem Ton.
„Diese Ehre weiß ich sehr wohl zu schätzen“, gab ich ernsthaft zurück. „Wie ich ja auch in Shanghai Ihre Unterstützung immer sehr geschätzt habe. Ohne Sie hätten wir so manchen exklusiven Termin für unsere Delegationen aus Deutschland nie bekommen, mit dem Bürgermeister, etwa, oder mit dem Parteisekretär. Wissen Sie noch? Einmal haben Sie uns sogar kurzfristig noch Jack Ma herbeigezaubert – für den Ministerpräsidenten eines unserer Bundesländer.“
„Die Zusammenarbeit mit Ihnen hat mir immer besondere Freude gemacht“, versicherte er mir.
„Einen schönen Arbeitsplatz haben Sie hier“, setzte ich unseren höflichen Austausch fort, indem ich auf das große holzgerahmte Bild über der Sitzgruppe wies, vor der wir standen. Es zeigte das Gelände der Parteihochschule von oben mit der Silhouette der Westberge im Hintergrund.
„Setzen wir uns doch“, sagte er und wir nahmen – der förmlichen chinesischen Sitte entsprechend – nebeneinander in den schweren weißen Ledersesseln mit dem schönen Rosenholztischchen dazwischen Platz. Angie setzte sich auf einen Stuhl auf der anderen Seite von Prof. Wang dazu. Während wir an dem Tee nippten, der wie üblich in großen Deckeltassen auf dem Tischchen zwischen uns bereitstand, erkundigte er sich, ob mein Rat China betreffend in Deutschland nach wie vor so gefragt sei, und wie es der Frau Bundeskanzlerin gehe. Ich musste natürlich so tun, als nähme ich die schmeichelhafte Unterstellung, ich würde unsere Kanzlerin weiterhin gelegentlich treffen, tatsächlich ernst. Sie erfreue sich bester Gesundheit und regiere Deutschland nach wie vor mit ruhiger Hand, beantwortete ich sein Kompliment, mit ziemlicher Sicherheit wahrheitsgemäß. Auf mein Gegenkompliment, dass er in seiner neuen Funktion hier an der Kaderschmiede für Chinas oberste Führung ja nun eine hohe Verantwortung für die Zukunft des Landes übernommen habe, erwiderte er nur lachend, er sei hier ja nur rein akademisch tätig, aber immerhin froh, so wenigstens einer weiteren Karriere als Bürokrat entflohen zu sein. Doch, seine wiedergewonnene akademische Freiheit hier genieße er durchaus. Dann wurde er ernst:
„Manche glauben ja, unsere Hochschule sei eine Anstalt zur Indoktrination und Gleichschaltung der Führungskader unseres Landes. Das ist aber ein großer Irrtum. Hier wird über so ziemlich alles offen und oft auch sehr kontrovers diskutiert. Fragen Sie meine junge Kollegin hier. Gerade in ihrer Abteilung unseres Instituts gibt es oft heiße Diskussionen über Fragen wie Menschenrechte oder Religionsfreiheit zum Beispiel.“ Angie nickte zustimmend. „Auch mein Freund Alexander von der Hanns-Seidel-Stiftung, mit der wir – wie Sie wissen – bestens zusammenarbeiten, wird ihnen das bestätigen können“, ergänzte Wang. „Ich will mal so sagen: Die Fenster hier in China sind nicht so perfekt isoliert, wie in Deutschland. Auch bei geschlossenen Fenstern kommt so immer genug frische Luft rein.“ Er lachte. „Ich kenne ja die Diskussion in Deutschland über fehlende Meinungsfreiheit in China. Manchmal denke ich aber, wir Chinesen sind etwas mutiger als die Deutschen.“
„Wem sagen Sie das“, erwiderte ich. Und schnell fügte ich hinzu: „Religionsfreiheit ist in diesem Zusammenhang ein gutes Stichwort.“ Eine bessere Gelegenheit, das Gespräch wie zufällig auf mein eigentliches Anliegen zu lenken, würde sich kaum nochmal bieten.
„Ich finde, es wird bei uns in Deutschland zum Beispiel viel zu wenig über die Risiken und Nebenwirkungen von Religion gesprochen. Und das, obwohl es inzwischen auch bei uns islamistische Terroranschläge gegeben hat.“
„Da haben Sie recht.“ Wang nickte. „Auch in Chinas Geschichte haben religiöse Verirrungen ja gelegentlich verheerende Folgen gehabt. Denken sie nur an den Taiping-Aufstand. Mindestens zwanzig Millionen Tote, nur weil sich da jemand für den kleinen Bruder von Jesus hielt und Gottes Friedensreich auf Erden errichten wollte.“
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