Am 28.Oktober, nur zehn Tage nach Michaels Beerdigung ging es los. Natürlich fiel Martina gleich das Gewicht meines Handgepäcks auf, als ich die Tasche auf das Laufband vor dem Gepäckscanner hob.
„Mein Gott“, sagte sie, „was hast du denn da schon wieder alles drin? Früher habe ich das ja verstanden, als du immer noch irgendwelche Unterlagen dabeihaben musstest. Aber jetzt, als Pensionär?“
„Ich habe nur noch schnell das Manuskript mit eingepackt“, erwiderte ich im Tonfall größtmöglicher Harmlosigkeit. „Das ein oder andere könnte ich da bestimmt noch verbessern. Und auf der Reise werden wir ja öfter viel Zeit haben. Schon die neuneinhalb Stunden Flug jetzt, dann die Bahnfahrt zum Wutaishan und so.“
„Aha?“, konnte Martina gerade noch sagen, da musste sie schon vor mir durch den Bodyscanner. Anschließend waren wir beide erst mal beschäftigt, die Sachen vom Band zu holen, die Jacken wieder anziehen (Martina auch noch ihre Schuhe, die sie hatte ausziehen müssen), Handy wieder in die Jackentasche, Tablet ins Handgepäck, Geldbörse hinten rein und dann auch noch orientieren, in welche Richtung es zum Gate B 26 ging. Danach kam Martina nicht mehr auf das Manuskript zurück. Sie hatte sicher durchschaut, dass es da bei mir gewisse Hintergedanken gab. Dass sie trotzdem nichts sagte, interpretierte ich als stillschweigendes Einverständnis. Auf dem Weg zum Gate legte ich den Arm um sie und drückte sie kurz. „Endlich geht es los“, sagten wir beide gleichzeitig und mussten lachen, weil uns das ja öfter passiert.
Beim Anflug näherten wir uns ‚unserem‘ Peking wie erwartet von Süden her. Ich hatte extra Sitze auf der linken Seite des Flugzeugs gebucht. Viel früher als damals tauchten die ersten Vorstädte auf. Riesige Cluster eng aneinander gedrängter Hochhäuser, dazwischen Flächen, auf denen sich große Fabrikhallen mit den typischen blauen Dächern aneinanderreihten, alles verbunden durch ein dichtes Netz vielspuriger Autobahnen. Diese Satellitenstädte hatte es so weit draußen selbst bei meinem letzten Anflug von Shanghai aus fünf Jahre zuvor noch nicht gegeben. Richtung Stadtzentrum verdichtete sich das immer mehr zu einem einzigen Wald aus Hochhäusern.
„Da hinten sieht man sogar schon die Westberge“, rief Martina, die sich weit über mich lehnte, um besser sehen zu können. Über dem eigentlichen Stadtzentrum lag dichter Smog, aus dem nur einige der kubistischen und runden Formen der neuen Skyline Pekings herausragten. Aber im Hintergrund erkannte man tatsächlich die vertraute dunkle Silhouette der Berge im Westen der Stadt.
„Weißt du noch?“, fragte Martina. „Unsere Wochenendausflüge damals in den Sommerpalast?“
Sophie erwartete uns schon am Ankunfts-Gate im Terminal 3. Wir machten uns gemeinsam auf den Weg in die Tiefgarage, wo sie ihren Wagen geparkt hatte. Wir kannten sie aus unserer Zeit in Tokyo, wo sie in der Kulturabteilung meine beste Mitarbeiterin gewesen war. Ja, es gefiel ihr echt gut hier in Peking. Diese atemberaubende Dynamik bis in den letzten Winkel des Landes. Sie war erst vor kurzem auf Dienstreise ganz im Südwesten gewesen, hatte viele Strecken davon mit den neuen Hochgeschwindigkeitszügen zurückgelegt. Alles brandneu, hypermodern, blitzsauber und perfekt organisiert. Die Megastädte dort drüben – Chengdu oder Chongqing und selbst das bis vor kurzem noch recht beschauliche Kunming – hatten auf sie vielfach einen moderneren und dynamischeren Eindruck gemacht als das altehrwürdige Peking. Bevor Sophie losfuhr, warf sie noch einen Blick auf ihr Handy. „Ihr habt Glück“, sagte sie. „Die Luftbelastung liegt inzwischen deutlich unter 200. Gestern hatten wir noch Feinstaubwerte über 300 ppm.“
Auf der Fahrt in die Stadt tauchten hinter dem mit Kiefern bewachsenen Streifen links und rechts der Flughafenautobahn bald schon erste Hochhauskomplexe auf, die es fünf Jahr zuvor ebenfalls noch nicht gegeben hatte. Aber als wir vom Airport-Expressway auf den dritten Ring abgebogen waren, am Lufthansa-Center mit dem Kempinsiki-Hotel vorbeifuhren, und dann das Great Wall Hotel in Sicht kam, erschien uns alles plötzlich wieder vertraut.
„Ich mache noch schnell einen Schlenker durch Sanlitun mit euch“, meinte Sophie, als sie unseren ersten kleinen Anfall von Nostalgie bemerkte. „Da seht ihr dann auch schon mal, wo ich wohne.“
„Unglaublich“, meinte Martina, „hier sieht ja alles noch genauso aus wie damals!“
„Bis auf die schicken Bars, Restaurants, Boutiquen und Discos hier ein Stück links runter. Die gabs zu eurer Zeit bestimmt noch nicht“, rief Sophie von vorne.
„Und die Botschaft ist seitdem auch ein paar Grundstücke die Straße weiter runtergerutscht“, ergänzte ich, da wir gerade die Dongzhimenwai-Straße entlangfuhren.
„Ihr wart damals noch in dem alten Botschaftsgebäude?“
„Ja, und der Tayuan Diplomaten-Compound, wo du jetzt wohnst, war gerade erst im Bau.“
„Krass!“, meinte Sophie. „Ich wohne da nur, weil ich von da aus in drei Minuten in der Botschaft bin. Die meisten Kollegen haben sich was Schickeres gesucht. Aber eben weiter draußen.“
Direkt vor dem Tayuan-Compound machte sie kehrt und setzte uns dann vor dem Great Wall ab. Dort wollten wir – natürlich auch wieder aus nostalgischen Gründen – unsere insgesamt zehn Tage in Peking wohnen. „Bis heute Abend“, verabschiedete Sophie sich. „Jetzt wisst ihr ja, wie ihr zu mir kommt.“
Obwohl Martina und mir am Anfang der Jetlag noch etwas zu schaffen machte, wurde es ein langer, anregender Abend – und für mich selbst unerwarteterweise sogar noch ausgesprochen erfolgreich. Nachdem wir erst mal noch von unserer gemeinsamen Zeit in Tokyo geschwärmt und uns gegenseitig auf den neuesten Stand gebracht hatten, was dieser oder jener der dortigen Kolleginnen und Kollegen jetzt machte, erzählte Sophie mehr von ihrer Reise in den Südwesten. Sie hatte es geschafft, mit Hilfe eines Kollegen von der französischen Botschaft, der inzwischen stellvertretender Generalkonsul in Chengdu geworden war, bis nach Larung Gar vorzudringen. Eine von tibetischen Mönchen aufgebaute Klosteruniversität, die innerhalb weniger Jahre auf über zehntausend Studenten angewachsen war. Das interessierte mich natürlich. Zumal dieser Ort vor kurzem sogar in den deutschen Medien erwähnt worden war. Tibet-Aktivisten hatten berichtet, die chinesischen Behörden hätten begonnen, die ganze Ortschaft zu zerstören.
„Zerstören ist gut“, meinte Sophie. Da sei tatsächlich viel abgerissen worden, aber nur, um das Ganze zu sanieren und teilweise völlig neu aufzubauen. Das alles wäre bis dahin völlig wild gewuchert und hätte wohl mehr einem großen Slum als einem Kloster geähnelt. 2014 hatte es sogar eine große Brandkatastrophe gegeben. Inzwischen sähe es für die dortigen Verhältnisse ganz ordentlich aus. Die Hütten und Meditationsbaracken seien saniert und bunt angestrichen, an eine rudimentäre Kanalisation angeschlossen und einigermaßen fachgerecht elektrifiziert. Was sie am meisten gewundert habe: Auch die größeren Tempelbauten seien durchweg aufwendig restauriert, aber teilweise auch abgerissen und an gleicher Stelle originalgetreu wiederhergestellt worden, einschließlich der schönen Goldmalereien.
„Das sieht echt so aus, wie man sich Tibet vorstellt. Obwohl Larung Gar ja noch zur chinesischen Provinz Sichuan gehört.“
„Wie ist das Ganze denn finanziert worden?“, fragte ich. „Hauptsächlich wohl aus Spenden“, erklärte Sophie uns. Wie man höre, sei das Kloster sogar ziemlich vermögend. Aber die Infrastruktur habe zum Teil die Regierung finanziert. Die letzten 80 Kilometer bis zu der Kreisstadt in der Nähe seien sogar vierspurig ausgebaut worden.
„Wie seid ihr überhaupt da hingekommen? Muss man da als Ausländer nicht eine Genehmigung haben?“, wollte Martina wissen.
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