Begegnung auf dem Hauptfriedhof Wolfenbüttel
Vom Hotel in Frankfurt aus habe ich Martina angerufen und sie informiert, dass ich am nächsten Tag mit dem Zug nach Hause kommen würde.
„Kann dein Agent dich diesmal nicht mitnehmen?“, fragte sie.
„Nein“, erwiderte ich leichthin. „Übrigens, nicht dass du dich erschreckst, ich komme mit einem eingegipsten Arm.“
„Oh Gott“, meinte sie, „dann war euer Unfall wohl doch etwas heftiger. Aber sonst ist alles ok?“
„Ja“, sagte ich nur. Was tatsächlich passiert war, wollte ich ihr lieber erklären, wenn ich zu Hause war.
In dieser Nacht habe ich kaum geschlafen. Immer wieder durchdachte ich die Ereignisse der letzten Tage und suchte nach einer harmlosen Erklärung für alles. Vor allem aber legte ich mir immer wieder neu die Worte zurecht, mit denen ich Martina alles berichten wollte. Sie sollte sich nicht zu sehr aufregen und sich schon gar nicht irgendwelche überflüssigen Sorgen machen. Erst gegen Morgen fiel ich in einen unruhigen Schlaf. Im Traum stand ich im Halbdunkel unversehens vor einem Bühneneingang. Mein Verleger klopfte mir leicht auf die Schulter: „Zeit für Ihren Auftritt!“ Ich fasste mich und trat festen Schrittes auf die Bühne hinaus. Aber anstatt in helles Rampenlicht einzutauchen und – wie üblich – vom höflichen Beifall eines erwartungsvollen Publikums empfangen zu werden, war ich plötzlich von völliger Dunkelheit umhüllt. Nur ein leises Rascheln war zu vernehmen. Erst allmählich konnte ich Gestalten ausmachen, die sich langsam durch den Raum bewegten. Menschen, die ich nicht kannte und die Dinge sagten, die ich nicht verstand...
Zuerst hat Martina reagiert wie immer, wenn etwas Schlimmes passiert ist: Vollkommen ruhig und auf das konzentriert, was nun als Erstes zu tun war. Sie zog mir mein Hemd aus, inspizierte meinen eingegipsten Arm und klebte mir ein frisches Pflaster auf die immer noch deutlich sichtbare Platzwunde über dem linken Auge. Währenddessen versuchte ich, in Ruhe und der Reihe nach zu berichten, was geschehen war, und ihr nochmal zu erklären, dass ich ihr das alles nicht schon am Telefon hatte eröffnen wollen, um sie nicht unnötig zu beunruhigen. Erst, als wir beim Abendessen saßen, ging es los:
„Ich verstehe dich nicht! Du hast mir was von einem kleinen Unfall erzählt, und als ich nachgefragt habe, hast du sogar noch gesagt, es wäre nichts weiter passiert! Und das, obwohl gerade dein Freund Michael ums Leben gekommen war. Du hast mich also hemmungslos belogen, was du noch nie getan hast – soweit ich weiß. Nicht mal deine Stimme hat gezittert dabei. Ja, bist du denn völlig gefühllos? Ich erkenne dich gar nicht wieder!“
In der tiefen Stille, die diesem Ausbruch folgte, war mir plötzlich, als würde ein Schalter umgelegt. Auf einmal war ich hellwach. Wie aufgeweckt aus einer langen Trance. Ja, es klingt verrückt, aber erst in dem Moment habe in aller Klarheit realisiert, dass Michael wirklich und endgültig tot war. Und dass das auch meine Schuld war! Ich versuchte es ihr zu erklären:
„Du, bei diesem ersten Anruf stand ich noch voll unter Schock. Man hatte mir zwar gesagt, dass Michael diesen Unfall nicht überlebt hatte. Aber meine letzte und einzige Erinnerung war, dass er neben mir sitzt und plaudert. Er hat sogar Witze gemacht. Dass vielleicht der Papst ein Vorwort für mein Buch schreiben könnte und so... Alles danach, und dass er angeblich tot war, das habe ich nur wie hinter einer Glasscheibe wahrgenommen. Oder wie auf einer Leinwand. Ein Film, der mit meiner Realität nichts zu tun hatte.“
„Aber wir haben danach doch noch ein oder zwei weitere Male telefoniert. Spätestens dann hättest du doch etwas sagen können. Das heißt, eigentlich hättest du dich sowieso gleich in den Zug setzen und nach Hause zurückkommen müssen, statt da auf der Messe rumzulaufen und zwischendurch sogar noch auf irgendwelche ‚witzigen Veranstaltungen‘ zu gehen!“
„Du hast recht“, gab ich zu. „Vielleicht habe ich durch diesen Unfall doch so eine Art Trauma abbekommen. Ich wusste nur, was Michael und ich uns auf der Buchmesse vorgenommen hatten, und als ich dann dort war, habe ich das Programm automatisch so abgespult. Es war wie ein Versprechen, das man einhalten muss.“
Martina schwieg eine Weile. Dann fragte sie plötzlich: „Weißt du, wann und wo er beerdigt werden wird?“
„Wieso? Echt keine Ahnung.“
„Es ist doch wohl das mindeste, dass du einen Kranz schickst. Schließlich hat er diese Fahrt nicht zuletzt deinetwegen unternommen. Weißt du, ob er ursprünglich aus Berlin ist?“
Ich überlegte.
“Also, unterwegs – in der Nähe von Hannover – hat er erwähnt, dass er erst vor kurzem mal wieder in der Gegend gewesen war. In Wolfenbüttel. Zur Beerdigung seiner Mutter. Nehme an, dass er dann wohl von dort stammt. Aber was bringt uns das jetzt?“
„Männer!“, sagte Martina. „Dann wird wahrscheinlich auch er in Wolfenbüttel beerdigt.“
Erst da nahm bei mir der Gedanke Gestalt an, dass es doch eigentlich angemessener wäre, wenn ich bei der Trauerfeier dabei wäre, statt nur einen Kranz zu schicken.
„Dann sollte ich vielleicht sogar hinfahren zu dieser Beerdigung“, sagte ich.
Martina zögerte. „Ich weiß nicht so recht. Irgendwie habe ich da so ein komisches Gefühl. An deiner Stelle würde ich mich in nächster Zeit völlig unauffällig verhalten und nichts unternehmen, was irgendwie mit dem Unfall oder deinem Buch zu tun hat. Eigentlich ganz gut, dass wir bald erst mal eine Weile weg sind.“
Damit spielte sie auf unsere große ‚Nostalgiereise‘ an, die wir zwei Wochen später antreten wollten. Ich fand, jetzt übertrieb sie mal wieder ein wenig. So seltsam das ein oder andere gewesen sein mochte, einen wirklich konkreten Anhaltspunkt dafür, dass es sich nicht um einen ganz normalen Unfall gehandelt hatte, oder dass dieser Gregor Neumann mehr war als ein etwas seltsamer oder jedenfalls undurchschaubarer Mensch, hatten wir doch eigentlich nicht. Das sagte ich dann auch.
„Jetzt solltest du jedenfalls erst mal bei der Lokalzeitung in Wolfenbüttel anrufen“, meinte sie daraufhin nur. „Vielleicht gibt dir dort jemand Auskunft, ob es eine Traueranzeige für Michael in diesem Blatt gegeben hat. Und da wird üblicherweise dann auch der Tag und genaue Ort der Trauerfeier genannt. Ach, lass mal, ich mach das schnell selber.“
Wenig später hatte sie bei einer lokalen Gärtnerei, die ihr von der hilfsbereiten Dame von der Wolfenbütteler Zeitung empfohlen worden war, einen Kranz bestellt, der pünktlich zu der zwei Tage später angesetzten Beerdigung an die Grabstätte geliefert werden würde. Auf der Schleife nichts als mein Vorname. Als wir ins Bett gingen, sagte ich ihr dann, dass ich mir schäbig vorkäme, nur so einen anonymen Kranz zu schicken. Michael wäre zwar wohl auch ohne mich nach Frankfurt zur Buchmesse gefahren. Trotzdem hätte ich das Gefühl, es ihm schuldig zu sein, ihm persönlich ein letztes Geleit zu geben. Schließlich war ich der letzte gewesen, mit dem er zusammen war.
„OK!“, sagte sie schließlich. „Aber den Kindern sagen wir erstmal nichts von alldem. Wir wollen sie nicht unnötig beunruhigen.“
Zum Glück war die Beerdigung erst gegen Mittag angesetzt, so dass ich am gleichen Tag hin- und anschließend auch gleich wieder zurückfahren konnte. Ich parkte meinen Wagen am Rand der B 79, die direkt an der Rückseite des Friedhofs entlangführt, und wartete ab, bis ich sicher sein konnte, dass die Trauerfeier in der Friedhofskapelle begonnen hatte. Ich hatte Martina versprochen, mich dort nicht mit hineinzusetzen und mich überhaupt unauffällig im Hintergrund zu halten. Als ich mich der Kapelle näherte, hörte ich, dass schon die Orgel spielte. Ich schlenderte langsam zwischen den Gräbern in der Nähe der Kapelle herum, um den Aufbruch des Trauerzuges nicht zu verpassen, da ich nicht wusste, wo auf diesem weitläufigen Friedhof Michael seine letzte Ruhestätte finden würde. Ein untersetzter, kräftig wirkender Herr im dunklen Trenchcoat, der trotz des bedeckten Himmels eine Sonnenbrille trug, war die einzige Person, der ich unterwegs begegnete. Als das letzte Orgelstück verklungen war, positionierte ich mich ein Stück entfernt von der Kapelle, aber so, dass ich das Portal im Auge hatte.
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