Auch Eveline erschrak über den plötzlichen Ruck, den das Auto vollführte, dann begann sie schallend zu lachen. Sie gab Susanne recht, bestätigte sie doch nur, was ihr gerade durch den Kopf gegangen war. Als die beiden wenig später am Haus der Perrins ankamen, konnte Eveline wieder lächeln und strahlte wieder die Selbstsicherheit und Entschlossenheit aus, die sie vor der Reise hatte.
Wie bei ihrem letzten Besuch hier, war es Julie, die die Tür öffnete.
Sie kam mit wiegenden Schritten auf Eveline zu und öffnete ihre Arme. Kaum war sie bei Eveline angekommen, schloss sie sie in eine feste Umarmung und strich sanft über ihren Rücken.
„Es ist schön, dich hier wieder zu begrüßen, Eveline, auch wenn die Umstände, die dich zu uns geführt haben, schrecklich sind. Marie wird immer in unserem Herzen sein. Robert hat sich etwas überlegt, um dir das Eingewöhnen hier so angenehm wie möglich zu gestalten.“
Nur langsam löste Julie die Umarmung und Eveline war dankbar, dass sie auf die üblichen Mitleidsbekundungsfloskeln verzichtet hatte.
„Danke, das ist sehr lieb von Ihnen, Maitresse Julie. Ich hätte mir auch gewünscht, dass es andere Umstände sind, die mich wieder hierher führen.“
Julie erzählte, wie sie die Nachricht erreicht hatte. Wie fassungslos beide darauf reagiert haben, war es doch ein so sinnloser Verlust eines lieben Menschen. Dann erzählte sie, was in der Zwischenzeit alles auf der Insel passiert war. Dass es auch ein paar Veränderungen am Haus gab. Schließlich musterte sie Eveline und deutete auf Evelines Kopf.
„Was ist denn mit deinen Haaren passiert? Das sieht ja schrecklich depressiv aus, so ganz schwarz. Ich werde dich morgen mit zum Friseur nehmen. Ich könnte auch mal wieder einen frischen Schnitt vertragen.“
Eveline wagte es nicht, zu widersprechen. Natürlich war die Haarfarbe Ausdruck ihrer depressiven Stimmung gewesen. Sie atmete tief durch und nickte dann sanft, gedanklich wieder bei Marie.
„Depressiv trifft es ganz gut, Maitresse Julie“, antwortete sie leise und winkte ab.
Sie wollte nicht mehr über all die Dinge nachdenken, die sie die letzten Monate so belastet hatten. Sie fand, dass es genug war, wenn immer und immer wieder die schrecklichen Augenblicke in ihren Träumen Gegenwart wurden. Der Psychologe hatte ihr gesagt, dass es normal sei. Jeder Mensch ginge anders mit Trauer um. Nur fand Eveline, es wäre an der Zeit, ihr Leben wieder zu leben.
Susanne verabschiedete sich wie gewohnt warmherzig, klärte noch kurz einige Dinge mit Julie und fuhr dann davon.
„Komm, wir gehen runter ans Wasser, Robert ist am Bootssteg und bastelt an Techniksachen, von denen ich nichts verstehe“, lachte Julie und nahm Eveline an die Hand.
„Ihr habt jetzt auch ein Boot?“
„Wir hatten schon lange ein Boot, nur lag es die ganze Zeit im Hafen. Nun haben wir das Alte verkauft und das Neue ist hier, seitdem der Anleger gebaut wurde.“
Beeindruckt folgte sie Julie, am Tennisplatz vorbei, an den sie sehr gemischte Erinnerungen hatte, hinunter zu der kleinen Bucht. Sie staunte nicht schlecht, als sie erst einen langen Mast, dann, nachdem große Büsche die Sicht freigegeben hatte, das ganze Boot sah.
Ein stattlicher Katamaran, der schon aus der Distanz, aufgrund des modernen Designs, sehr edel wirkte. Durch seine Breite wirkte es noch größer als das Boot, das sie von Louis kannte. Sichtlich beeindruckt ging sie näher und sah Robert, nur mit Badeshorts bekleidet aus dem Inneren des Aufbaus ins Freie treten. Das Boot verfügte über eine Art Terrasse mit gemütlich wirkenden Sitzgelegenheiten. Robert blickte hinauf zu den beiden Damen, die sich ihm näherten. Als er Eveline erblickte, verzog sich sein Gesicht zu einem Lächeln. Er legte das Werkzeug aus der Hand, ging die kleine Treppe am Heck hinunter und trat auf den Steg.
„Na, wen haben wir denn da?“, rief er Eveline entgegen.
„Es ist schön, dich hier wieder zu sehen, Eveline.“
Als beide bei Robert angekommen waren, machte Eveline einen höflichen Knicks und antwortete ihm mit sanfter Stimme.
„Ich freue mich auch, Sie wieder zu sehen, Monsieur Robert. Danke, dass Sie mich hier empfangen und gewillt sind, mich in Ihre Obhut zu nehmen.“
„Es war für uns eine Selbstverständlichkeit, nachdem was vorgefallen ist, Eveline. Wir wissen, wie viel du Marie bedeutet hast. Sollte es uns auf diesem Weg möglich sein, sie zu ehren, dann werden wir das natürlich tun. Natürlich spielt auch ein gewisser Egoismus mit, wenn wir dich hier aufnehmen. Das abzustreiten wäre eine Lüge.“
Eveline nickte dankbar und sah erneut zum Boot. Robert sah ihren neugierigen Blick und wandte sich zu seiner Frau.
„Du kannst Eveline ja das Boot zeigen, ich geh ins Wasser schwimmen. Die Arbeit an der Steuerung war anstrengend. Schick mir Eveline ins Wasser nach, sobald die Führung beendet ist.“
„Männer“, seufzte Julie und deutete mit einem Lächeln ihr zu folgen.
Man konnte das Boot über je eine Treppe an der linken und rechten hinteren Seite betreten. Zwischen den beiden Rümpfen war etwas erhöht der Wohnbereich. Im Freien der Teil, den Eveline aus der Distanz schon gesehen hatte. Eine Terrasse, auf der eine Gruppe von Leuten gemütlich im Freien, geschützt unter einem ausziehbaren Sonnensegel, sitzen konnte. Zwischen den beiden Treppen waren Ausleger, an denen ein Beiboot mit Außenbord Motor hing. Zusätzlich ragte von einem der Ausleger eine Metallstange senkrecht nach oben, an dessen Ende sich munter ein Windrad drehte. Unten im Wasser neben dem Rumpf schwamm Robert, und Eveline kam nicht umhin, seinen durchtrainierten gebräunten Körper zu bewundern.
„Lass uns reingehen, Eveline“, riss Julie Eveline aus ihrer Verzückung.
Sie schenkte Julie wieder ihre volle Aufmerksamkeit, die bereits eine der Glastüren geöffnet hatte und sie mit einer Handbewegung hereinbat. Im Inneren waren wieder Sitzgelegenheiten, die Wohnzimmer-Atmosphäre ausstrahlten. Direkt angrenzend war zur Rechten eine Küche. Im vorderen Teil an der großen Scheibe zum Bug hin, viele Instrumente und ein Steuerrad. Eveline sah sich staunend um. Jeweils zur linken und rechten Seite gingen Treppen hinunter in die Rümpfe. Julie nahm sie an die Hand und führte sie die Treppe in den linken Rumpf hinab.
„Hier wird deine Unterkunft sein, Eveline. Es ist zugegebenerweise recht eng, da sich im vorderen Teil das Lager für Segel und andere technische Dinge befindet. Aber du wirst hier schlafen und dich frisch machen können, während wir unterwegs sind.“
Eveline blickte sich in der kleinen Koje um. Das Bad bestand aus einer Nasszelle, sie würde also vor dem Spiegelschrank und der Toilette duschen. Natürlich würde es auf der anderen Seite ganz anders aussehen. Eine Ahnung, die sich im weiteren Verlauf der Führung bestätigte. Julie ließ Eveline jedoch nur einen kurzen Blick in ihre privaten Gefilde werfen. Als sie wieder im Salon angekommen waren, trat Julie hinter Eveline und griff das Schloss, das ihr Halsband verriegelte.
„Du wirst ein dauerhaftes Halsband bekommen, sobald du dich uns offiziell hingegeben hast, Eveline. Das hier ist nicht fürs Wasser geeignet.“
Sie nickte vorsichtig und hielt still, während Julie das Schloss öffnete und dann das Halsband abnahm. Eveline strich sich über den Hals, der sich mit einem Mal wieder ungeschützt und nackt anfühlte. Es mutete komisch an, hatte sie doch die letzten Monate ohne Halsband verbracht. Trotzdem fehlte ihr das Gefühl auf eine ihr unerklärliche Weise.
„Zieh dich aus und gehe ins Wasser baden Eveline. Ich werde es mir hier gemütlich machen.“
„Danke, Maitresse Julie“, erwiderte Eveline leise und zog sich wie angeordnet unter Julies prüfenden Blicken aus.
Das Wasser war frisch und genau das, was sie nach dem Flug brauchte. Auch wenn die vom Sturm aufgepeitschte See, draußen vor dem windgeschützten Strand es nicht ganz einfach machte zu schwimmen. Die Wellen waren nicht hoch, doch schwappten sie kreuz und quer durch die von Felsen umringte Bucht. Nicht nur einmal schluckte sie aus Versehen das salzige Nass. Robert war zu einem Bereich geschwommen, wo das Wasser glatter wurde. Eveline folgte ihm und als sie ihn erreichte, hatte er es sich bereits, im seichten Wasser sitzend, gemütlich gemacht.
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