Irgendwann beginnen sich seine Schuhe in ihre einzelnen Plastikbestandteile aufzulösen. Traurig erzählt er, diese wären besonders teuer gewesen, fast neu - die Marke seiner Schuhe nenne ich lieber nicht, wegen eventueller Klagen eines viel beworbenen Sportschuhherstellers. Der Koreaner wechselt dann in Gummischuhe, eine Notlösung, die eher für den Hausgebrauch gedacht ist. Im nächsten Ort setzt er sich ab und will warten, bis die Geschäfte zum Ende der nachmittäglichen Siesta wieder öffnen und erklärt, er wolle sich hier nach einem Schuster erkundigen oder Ersatzschuhe organisieren.
Wieder allein auf dem Weg, denke ich darüber nach, was der Koreaner erzählt hatte. Keinen ganzen Monat sei er unterwegs gewesen von Szechuan. Unmöglich! Vielleicht gibt es ja einen Ort, der so ähnlich klingt. Mir kommt die passende Idee und ich klatsche mir auf die Stirn. Er meint Saint Jean! Die Stadt in den Pyrenäen, in der ich ebenso gestartet bin. St.-Jean-Pied-de-Port!
Die Sonne wirft schon lange Schatten, als ich in Puente-la-Reina ankomme und das erste Gebäude erreiche - das eine private Herberge ist. Die Angestellte am Empfang meint entschuldigend, sie wären leider weitgehend belegt, die restlichen Betten hätten andere reserviert. Schon wieder Pech mit der Unterkunft, denke ich, so spät bin ich heute doch gar nicht. Sie ergänzt, eine halbe Stunde könne ich warten, denn um 19 Uhr abends würden die reservierten Plätze an andere Pilger vergeben, wenn bis dahin keiner aufgetaucht ist. Ich habe Glück, da diese verschollen bleiben - ich habe damit ein Bett für die Nacht.
Hier gibt es auch eine Waschecke, im Garten ist eine Wäscheleine gespannt. Sehr gut. Meine seit Roncesvalles feucht gebliebene Wäsche entwickelt in der Plastiktüte mittlerweile einen unangenehmen Geruch von Schimmel, deswegen begebe ich mich ans erneute Waschen.
Ein Pilgermenü gibt es im Angebot: Für 10,90 Euro darf man sich bei einem umfangreichen Buffet so reichlich bedienen, wie man will. Zwei Hauptgerichte gibt es zur Auswahl, dazu eine Flasche Wein. Da kann ich nicht nein sagen. Den Bauch schlage ich mir mit allem Möglichen voll, besonders vorzüglich schmecken die spanischen Tapas. Und die Paella, bei der ich mir reichlich von den Muscheln und Krabben herausfische.
Abends mache ich es mir im Aufenthaltsraum gemütlich, denn es gibt hier WLAN-Zugang, einige Zeit beschäftige ich mich mit meinem Smartphone. Bis eine Pilgerfamilie erscheint. Der Familienvater packt eine Creme aus und massiert seinem ersten Sohn damit die Beine. Im Raum breitet sich ein penetranter Geruch aus, nach Eukalyptus vermutlich. Er verwendet immer mehr Creme und mit der Zeit wabert durch den Raum eine Wolke mit bestialischem Gestank, ich kann kaum noch atmen. Dann kommt sein zweiter Sohn an die Reihe, mit einer Beinmassage und der gleichen Creme. Das halte ich nicht mehr aus und ergreife die Flucht. Wahrscheinlich funktioniert die schmerzstillende Wirkung der Creme derart, dass der ätzende Geruch in der Nase alle sonstigen Empfindungen überdeckt und man die Schmerzen nicht mehr wahrnimmt.
In Puente la Reina, dem Namen nach die Brücke der Königin, vereinigen sich zwei Alternativen des Camino Francés: die Navarrische Route, auf der ich unterwegs bin, und die Aragonesische Route. Zweitere ist eine höhere und längere Variante - man überquert die Pyrenänen über den Somport-Pass.
Die Steinbrücke von Puente la Reina
Navarra im Norden befindet sich am Höhepunkt seiner Macht. Der Herrscher des Königreiches León ist bei einem Attentat ums Leben gekommen, Sancho III ›der Große‹ beansprucht das benachbarte Reich für sich und beherrscht damit die nördliche Hälfte der Halbinsel. Unter den maurischen Herrschern im Süden kommt es unterdessen zu Machtkämpfen, dort entstehen kleine, untereinander zerstrittene Königreiche, deren Macht zusehends schwindet. Die Christen im Norden profitieren von der Entwicklung. Es wird begonnen, in neue Infrastruktur zu investieren und Handelswege werden ausgebaut. Lange in Vergessenheit geratene römische Bautechniken werden wiederentdeckt. Zudem erhält man Unterstützung durch geschickte Baumeister und Architekten, die bei den Mauren ihr Handwerk gelernt haben.
In diese prosperierende Zeit fällt der Brückenbau von Puente la Reina. Seit der Römerzeit die wahrscheinlich erste Brücke, die aus Stein und nicht aus Holz errichtet wurde. Der Bau einer Steinbrücke ist eine aufwendige, kostspielige und gefährliche Arbeit, jedoch zahlt sich die Investition nach einigen Jahren mit dem vereinnahmten Brückenzoll aus. Zudem fördern Transportwege den Handel und damit auch den Wohlstand. Nahe der Brücke lassen sich Händler und Geldverleiher nieder, halten Märkte ab, nach einiger Zeit werden Ställe, Herbergen, Wirtschaften, Wechselstuben errichtet. Kaufleute, die unehrlichen Handel treiben, brauchen einen Ort, an dem sie beichten können oder jemanden, der sich um ihr Seelenheil kümmert. So entstehen auch Kirchen und Klöster - auch durch den Beitrag vermögender Pilger. Im Laufe der Zeit entwickelt sich um eine Brücke eine Stadt. Eine Entwicklungsgeschichte wie vielerorts auf dem Jakobsweg, die mit dem Bau einer Steinbrücke ihren Anfang findet.
Zuerst beginnt man mit dem Bau der Brückenpfeiler. Am Grund des Flusses muss ein massives Mauerwerk errichtet und mit Mörtel verbunden werden - im Trockenen. Für diese auf den ersten Blick unlösbare Aufgabe hatten damals die Römer eine besondere Technik entwickelt. Sogenannte Wasserkästen, die man heute als Spundwände bezeichnen würde. Die Form dieser Kästen stellt eine Raute dar, an der das Wasser seitlich vorbeifließen kann. Für den Zweck werden sie mit Teer abgedichtet. Sobald diese Konstruktion an beiden Ufern mit Seilen gegen die Strömung abgesichert ist, wird sie bis zum Grund des Flusses herabgelassen. Dort wird die Basis mit Kies und Lehm aufgefüllt, bis die Wand gegen Wasser abgedichtet ist. Nach und nach wird das Wasser aus dem Kasten geschöpft, bis der Grund des Flusses erreicht ist. Nun beginnt der gefährlichste Teil der Arbeit - mit Spitzhacken und Schaufeln Schlamm und Geröll entfernen, bis ein stabiler Untergrund entstanden ist, auf dem die Konstruktion eines Pfeilers beginnen kann. Lebensgefährlich für Arbeiter, die bei dieser Tätigkeit ohnmächtig werden können oder wenn es zu einem Wassereinbruch kommt.
Ist der Bau aller Brückenpfeiler abgeschlossen, der Mörtel getrocknet, haben die Wasserkästen ihren Zweck erfüllt und werden entfernt. Zwischen den Pfeilern werden Bogen aus Holz gespannt, auf diesen Schablonen sodann Steinbögen gemauert, die Konstruktion wird zu einem Bauwerk verbunden. Damit ist der komplizierte Teil des Brückenbaus abgeschlossen, die Zwischenräume der Bögen werden soweit aufgefüllt, um darüber eine Straße errichten zu können.
Bei der Brücke Puente la Reina befinden sich Freiräume wie Fenster zwischen den Bögen, die Platz für Statuen bieten - zu Ehren von Heiligen oder großzügigen Kaufleuten. Oder als Durchfluss für Hochwasser, welches wieder Platz für neue Statuen schafft.
5. August, Puente la Reina → Estella
Die morgendliche Wanderung beginnt mit einem längeren Aufstieg. Einige Kilometer weiter sehe ich einen Wegweiser: ›Cirauqui – Puente y Calzada Romana‹. Ein geschichtlicher Ort, hier gibt es also eine Brücke und eine Straße aus der Römerzeit.
Ein kurzes Stück über Kopfsteinpflaster geht es aufwärts und durch einen Torbogen, an dem man sich den Stempel für die Credentials holen kann. Einen Mini-Reiseführer habe ich mitgenommen, vielleicht erklärt er mir mehr über den Ort und ich lese: »Cirauqui. Wenn man zum Ortszentrum hinaufgeht, kommt man ziemlich ins Schnaufen«. Irritiert schüttele ich den Kopf, die anstrengende Strecke gab es weit vorher, kurz nach Puente la Reina. Der Autor des Büchleins war wohl ein Autopilger, der die 100 Meter Aufstieg in die Ortsmitte als besonders anstrengend empfindet.
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