Am Ende des Waldes folgen Felder, bald eine Brücke, kurz darauf eine Entfernungsangabe: 8 Kilometer bis Pamplona. Erleichtert denke ich, fast habe ich es geschafft - bin ich auch - und kann mich bald ausruhen. Die Sonne des Nachmittags brennt unerbittlich vom Himmel, kein Schatten in Sicht, der etwas Abkühlung spenden würde. Nach einer halben Stunde passiere ich eine Festungsruine, kurz darauf sehe ich einen Wegweiser mit einer Entfernungsangabe. Der besagt, es wären noch 10 Kilometer bis Pamplona. Ich frage ich mich selbst laut: Welchen Weg habe ich denn noch vor mir? Und wann werde ich, wenn überhaupt, heute noch ankommen?
Über einen Bergpass weiter, an abgeernteten Feldern entlang, parallel zur Schnellstraße. Stunden später durchquere ich eine heruntergekommen wirkende Vorstadt, überall sind Graffiti zu sehen, häufig mit dem Schriftzug, der darauf hinweist, dass man sich im Baskenland befindet:
»Pilgrim, you are in Euskerian Country!«
Auf dem Weg durch eine Betonsiedlung taucht eine Gruppe von Kindern auf, die mir entgegenlaufen. Hier bin ich lieber vorsichtig – diese Siedlung vermittelt nicht gerade den Eindruck von Sicherheit. Etwas überrascht bin ich, als die Kinder mich mit Handschlag begrüßen wollen. Einem Pilger die Hand zu schütteln, oder ihn zu berühren, soll Glück bringen. Eigentlich war ich bisher nur auf der Wanderung. Nun bin ich ein echter Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela! Ein erhebendes Gefühl.
Pamplona! Die Hauptstadt der baskischen Region Navarra ist rundum mit Festungsmauern umgeben - man durchquert erst ein unteres Festungstor, dann ein oberes Stadttor und gelangt in die Innenstadt. Hier wird man auf die politischen Aktivitäten aufmerksam gemacht, fast an jedem Haus der Altstadt wehen Banner, die ein autonomes Baskenland - Euskadi auf baskisch – fordern. Viele Bürger scheinen die Unabhängigkeit Navarras anzustreben.
Von Pompeius gegründet ist Pamplona - Iruña in der baskischen Sprache - vor allem berühmt wegen der Stierläufe, die eine Woche lang vom 7. - 14. Juli stattfinden. Besucher kommen von weit her zu diesem Fest, das ursprünglich Firminus dem Märtyrer gewidmet wurde. Stiere werden durch das Zentrum bis zur Arena getrieben. Vorneweg rennen besonders Mutige, oder Leichtsinnige, zumeist Jugendliche. Einige werden von Stieren erwischt, ihren Hörnern durchbohrt oder niedergetrampelt.
Informationen zu Übernachtungsmöglichkeiten erhalte ich bei einer Touristeninformation. Die erste Möglichkeit ist die zentrale Herberge Jesús y Maria, dort hängt ein Schild am Eingang und verkündet: komplett ausgebucht. Es gibt nur noch eine zweite Herberge, die Casa Paderborn, die jedoch viel zu weit außerhalb liegt - jetzt noch weiter wandern, das machen meine Füße nicht mehr mit. Es ist halb sieben Uhr abends - in einer zentral gelegenen und belebten Straße der Fußgängerzone soll es noch Hotels geben. Einem Hinweisschild entnehme ich, man solle an einer Bar fragen - ein dort beschäftigter Kellner informiert mich: wenn ich mich noch eine halbe Stunde in Geduld üben könnte, würde ich ein Einzelzimmer bekommen.
Das Zimmer, das ich beziehe, ist zwar halbwegs gemütlich, aber ohne Fenster und zu warm. Mit einem Deckenventilator, der nur wenig Abkühlung verschafft. Trotz allem eine Wohltat - endlich kann ich mich ausruhen und die Füße hochlegen. Die noch immer nassen Klamotten verteile ich im Badezimmer zum Trocknen und entspanne mich danach mit einer Flasche Wein. Überflüssiges Gewicht reduzieren, den Wein hatte ich noch vor der Tour besorgt und will ihn nicht weiter im Rucksack schleppen. Später und nachts, noch eine letzte Zigarette vor dem Schlafengehen. Schwierigkeiten stellen sich bei dem Versuch ein, aus der Tür des Hotels herauszukommen, so überfüllt ist die Gasse mit Menschen. Es ist Freitag.
Mir wird erzählt, per Gesetz ist es in Pamplona zum Ende der Woche offiziell erlaubt, auf der Straße zu feiern und sich zu besaufen - daher sitzen sie überall auf der Straße mit einem Bier oder stärkeren Getränken. Und palavern. Das ist die Lieblingsbeschäftigung der Spanier.
Im Einzelzimmer werde ich nicht von Frühaufstehern geweckt und kann bis 9 Uhr ausschlafen. Ungünstigerweise ist die Wäsche bei dem schwülen Wetter noch nicht getrocknet und findet erneut einen Platz in der Plastiktüte.
Nach der harten Etappe des Vortages will ich mir nicht so viel vornehmen, eine Weile gemütlich durch Pamplona spazieren - eine Stadtbesichtigung ohne Rucksack. Anzuschauen gibt es Einiges.
Wegen der strategisch wichtigen Lage war die Stadt häufig umkämpft - im Laufe der Geschichte wurde Pamplona mehrmals zerstört. Die ältesten Teile der Befestigung stammen aus dem 16. Jahrhundert, der Zeit, als Navarra noch ein Königreich war. In dem ältesten Stadtteil kann man an den Mauern entlang durch die mittelalterliche Festungsanlage wandern und etwas über ihre Entstehung lesen - geschichtliche Informationen sind dort vielerorts auf Tafeln angebracht. Auf spanisch, baskisch, englisch und französisch. Am Rande der Festung befindet sich auch die Stierkampfarena, umgeben von einem Park.
Bei meinem Spaziergang durch das Stadtzentrum werfe ich einen Blick in die Kathedrale, in der gerade ein Gottesdienst stattfindet. Drei Priester halten eine Messe - für insgesamt drei Besucher.
Zwei Stunden und einige Fotos später begebe ich mich vorbei an einigen Kirchen, dem Parlament, dem Rathaus, über den Plaza del Castillo zurück, hole meinen Rucksack und folge wieder den Zeichen des Jakobsweges. Auf zur nächsten Etappe.
Zwei Jakobswege führen zusammen
4. August, Pamplona → Puente la Reina
Hinter Pamplona folgt eine Ebene mit ausgedehnten Feldern, auf denen Weizen und Sonnenblumen gedeihen. Bald ist das Ende des Tals erreicht, ein steiler Anstieg führt einen schmalen Pfad hinauf und verläuft danach an einem Bergkamm entlang. Windräder erheben sich vor einem blauen Himmel. Auf dem Schotterpfad überhole ich Radfahrer, die hier aufwärts nur schieben können und stellenweise ihren fahrbaren Untersatz den Weg hinauf tragen müssen.
Mittags - die Sonne brennt, kein Schatten weit und breit. Ein äußerst anstrengender Aufstieg für jeden, vor allem wegen der großen runden Kieselsteine, die immer ein Stück abwärts rollen, auf denen die Füße kaum Halt finden. Langsam geht es vorwärts - einen Schritt vor, einen halben zurück.
Auf dem höchsten Punkt wird man für die Strapazen mit einem weiten Blick über die Felder und Berge ringsum belohnt. Und mit einer grandiosen Kulisse aus lebensgroßen Pilgerfiguren, die vor dem Horizont entlangziehen. Alto del Perdón, wörtlich übersetzt die ›Höhe der Gnade‹. Die Bezeichnung passt, den kräftezehrenden Aufstieg hat man nun heil überstanden. Das könnte man denken, wenn man hier zum ersten Mal unterwegs ist - man kennt den Abstieg eben noch nicht. Fast alle Pilger, die ich abends oder ein paar Tage später treffe, hatten nach diesem steilen Hang abwärts ernsthafte Probleme mit Blasen an den Füßen oder sich starke Gelenkschmerzen zugezogen, wie ich.
Unterwegs beim Abstieg treffe ich einen Koreaner und wir wandern einige Zeit zusammen. Die Unterhaltung gestaltet sich sehr schwierig, da er mit einem starken asiatischen Akzent englisch spricht, in einer Art Silbensprache. Er hätte, so verstehe ich, den Jakobsweg in Szechuan begonnen.
Das kann ich kaum glauben und finde es sehr ungewöhnlich, dass er von einer Provinz in China gestartet ist. Bei dem Gedanken an die chinesische Küche und die Spezialität ›Hühnchen nach Szechuan-Art‹ läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Beeindruckt davon, wie weit er schon unterwegs sein müsste, den Weg quer durch Asien, durch Europa und jetzt hier in Spanien bis nach Santiago de Compostela, äußere ich ihm meinen Respekt und frage, wie lange er denn schon gewandert wäre? Der Koreaner entgegnet, der Weg wäre schon sehr weit, aber er wäre erst im Juli gestartet. »Dieses Jahr?«, frage ich. Verdutzt bin ich, als die Antwort lautet: »Ja!«. Wie lange man für die Entfernung zu Fuß braucht, kann ich nicht einschätzen, aber diese in wenigen Wochen zurückzulegen, wäre schon außergewöhnlich.
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