Roland, der tapfere Neffe des Königs und ein verlässlicher Ritter ohne jeden Tadel, wurde abgeordnet, mit seinen Paladinen den Rückzug zu decken. Die Mauren könnten versuchen, ihnen während der Überquerung der Pyrenäen in den Rücken zu fallen. Auf dieser Seite des Gebirges und auf der gesamten Iberischen Halbinsel fand Karl, für den es nur Untertanen oder Feinde gab, weder Freunde noch Verbündete.
Mittags endlich erscheinen Späher bei Roland mit der Nachricht, Karls Truppen und die Transportkarawane hätten erfolgreich die Pyrenäen überquert. Keine Feinde sind gesichtet worden, der Weg scheint sicher. Die Nachhut solle sich sammeln und sogleich aufbrechen.
Roland seufzt erleichtert bei der Aussicht, endlich dieses gefährliche Tal verlassen zu dürfen. Seine Fußsoldaten marschieren nun diesen schmalen schlammigen Pfad aufwärts, der durch die Regengüsse der letzten Tage und von den Hufen der Packpferde aufgeweicht wurde. Fast unerträglich ist der Marsch mit Rüstung und Waffen.
Endlich ist eine Anhöhe erreicht. Der steile und an den physischen Kräften zehrende Aufstieg im Regen über den zerfurchten Untergrund, auf dem ihre Füße kaum Halt finden konnten, ist überwunden. Arm- und Beinschienen haben die Ritter abgelegt, für den Marsch wäre der Schutz allzu hinderlich gewesen. Die Helme ebenso – wegen des Nebels, in dem sie kaum noch ihre Hand vor Augen sehen konnten. Ein Platz auf einem Felsen bietet die passende Gelegenheit, um eine Pause einzulegen. Zeit zum Rasten. Eine kleine Mahlzeit wird eingenommen, zum Wärmen etwas Wein, Klatsch und Tratsch.
Die Truppe bricht wieder auf. Zunehmend mühsam setzen die Ritter ihren Weg über einen schmalen schlammigen Pfad fort und folgen Spuren. Unpassierbarer dichter Wald befindet sich auf der rechten Seite, linker Hand gähnt ein Abgrund. Der Ibañeta-Pass. An einer Quelle können die vollkommen erschöpften Männer ihren Durst stillen und sich von Schlamm reinigen.
Der Ruf einer Eule ist zu vernehmen - der sich nach einer menschlichen Stimme anhört, es folgen Schreie aus dem Nebel. Unbekannte Stimmen, in einer unbekannten Sprache. Wilde Männer brechen aus dem nebligen Wald und rennen auf die Truppe des Roland zu, alle mit Speeren bewaffnet und ohne Rüstung. Die erschöpften Franken wird völlig überrascht. Chaos und Verwirrung im dichten Nebel - es ist zu spät, um eine Schlachtordnung zu finden. Bedroht von einer wilden Horde, Männern mit Speeren und Heugabeln, werden die Soldaten in den dicht bewaldeten Abgrund gedrängt. In ihrer Rüstung können die Ritter in diesem Gelände kaum das Gleichgewicht halten. Der Paladin Olivier beschwört seinen Herrn inständig, das fränkische Heer mit dem Signalhorn zu Hilfe zu rufen – der stolze Ritter Roland lehnt ab.
Basken! - Karl hatte sich wahrlich keine Freunde gemacht, als er ihre Festung Pamplona zerstörte - im Morgengrauen haben sie sich an Rolands Truppe vorbei durch den Wald geschlichen, oberhalb des Weges im Wald versteckt und auf einem strategisch günstigen Hügel vor den Augen der königlichen Späher verborgen. Und dort gewartet, um blutige Rache zu üben.
Zwar sind die Basken in der Unterzahl, kennen jedoch in diesem Gelände jeden Winkel. Schnell gewinnen sie die Oberhand.
Die Paladine und einige verbleibende Soldaten halten mit dem Mut der Verzweiflung stand. Die Lage wird jedoch schnell aussichtslos. Hals über Kopf fliehen sie in den steil abfallenden Wald, ihre Verfolger im Rücken, durch dichten Nebel zurück ins Tal. Dort werden sie von weiteren Gegnern überrascht. Sie sind eingekesselt, ein Kampf um Leben und Tod beginnt. Die Niederlage ist absehbar - dennoch geben die Soldaten und Ritter nicht auf. Es geht nur noch darum, ihre Haut so teuer wie möglich zu verkaufen. Möglichst viele Feinde mit in den Tod zu nehmen.
Rücken an Rücken kämpfen die letzten Überlebenden. Bis zur völligen Erschöpfung. Der Kampf ist verloren. Es geht nur noch um Ruhm und Ehre.
Auf Drängen seines treuen Begleiters - Bischof Turpin - stößt Roland in sein Horn Olifant. Ein letzter Hilfeschrei, der weithin hörbar ist. Aber zu spät. Tödlich verletzt schmettert Roland sein Schwert Durendal mehrmals gegen einen Felsen und schlägt eine gewaltige Bresche - keinesfalls darf diese mächtige Waffe in die Hände des Feindes geraten.
Der Held ist gefallen.
3. August, Roncesvalles → Pamplona
Frühstück ist in der Klosterherberge auf Selbstbedienungsbasis. Die Auswahl wird durch den Münzautomaten bestimmt. Ein eingeschweißter Croissant und ein Kaffee genügen fürs Erste.
Im Klosterkeller sammle ich meine Klamotten, die ich abends noch gewaschen hatte, vom Wäscheständer. Alle Kleidungsstücke sind komplett nass geblieben, einfachheitshalber verstaue ich alles in einer Plastiktüte. Da ein unangenehmer kalter Nieselregen niedergeht, ziehe ich vor dem Verlassen der Unterkunft einen Plastikponcho über. Diese sehr gewichtssparende Version von einem Regenschutz mitzunehmen, fand ich besonders geschickt - es handelt sich dabei im Prinzip um einen Müllbeutel, in den zwei Löcher für die Arme und ein Überzug für den Kopf integriert sind. Das wiegt nur ein paar Gramm. Bei dem Versuch, den Poncho über den Rucksack zu ziehen, habe ich erst etwas Schwierigkeiten, ein Hospitalero bietet mir seine Hilfe an. Hospitaleros sind Freiwillige, die sich um die Herbergen kümmern und Pilger versorgen.
Am Ortsende nennt ein Schild die Entfernung zum Ziel – 790 Kilometer bis Santiago de Compostela. Da habe ich mir Einiges vorgenommen. Nach meiner Schätzung werde ich insgesamt 5 Wochen zu Fuß unterwegs sein auf dieser Wanderung. Falls ich nicht vorher aufgebe.
Der Regen lässt glücklicherweise nach, über drei leichtere Pässe führt der Wanderweg entspannt voran. Ab und zu passiere ich Verkehrsschilder, die fast ausnahmslos alle bemalt und kreativ umgestaltet sind, immer sehr witzig. Es scheint in der Gegend wohl Volkssport zu sein. Oder es sind künstlerisch veranlagte Pilger vorbeigekommen.
Zur Mittagszeit endet der Pfad an einer alten Brücke und ich gelange in die Siedlung Zubiri. Baguette und Chorizo, eine spanische Salamispezialität, besorge ich mir in einem Supermarkt und geselle mich am Flussbett unterhalb der Brücke zu einigen anderen Pilgern für ein Picknick.
Zubiri ist baskisch und bedeutet Dorf an der Brücke. Die Legende der Brücke erzählt von einem Ereignis, das sich beim Bau des mittleren Pfeilers zugetragen haben soll. Nach unvorhergesehenen Schwierigkeiten, die sich bei dessen Errichtung ergeben hatten, wurde tiefer in den Fels gegraben, dort wurde der Leichnam einer Jungfrau gefunden. Einer Schutzheiligen gegen Krankheiten, die vor allem gegen Tollwut helfen soll. Nach dem Fund wurde ihr Körper wieder an der gleichen Stelle beigesetzt - seither soll der Legende nach jeder, der die Brücke überquert, ob Mensch, ob Tier, von Krankheiten erlöst werden.
Weil der Tag noch recht jung ist, beende ich die Etappe nicht in Zubiri und wandere nun über einen von Felsstaub bedeckten Boden - durch das Areal von Magna, einer gigantischen Zementfabrik.
Im nächsten Dorf komme ich zuerst an einem Cola-Automaten vorbei, danach an einem Brunnen. Ein großes Hinweisschild wurde seitlich angebracht, auf dem darauf hingewiesen wird, dass das Wasser nicht chloriert und aus dem Grund nicht als Trinkwasser geeignet ist. In acht Sprachen. Was mich nicht irritiert - hier fülle ich meine Wasserflaschen auf, kostenlos. Ein Polizeiwagen fährt in dem Moment langsam an mir vorbei, hält neben mir an und der Polizist, der am Steuer sitzt, macht mich darauf aufmerksam, dass man dieses Wasser nicht trinken dürfte, da es nicht chloriert und unhygienisch wäre. Es hatte nur gefehlt, dass er auf den Cola-Automaten hinweist, der nur 10 Meter von hier entfernt ist.
Etwas später überholen mich zwei Holländer, begrüßen mich und erzählen, in dem Ort, an dem der Weg gerade vorbeiführt, gäbe es eine Herberge - dort könnte man übernachten. Oder weiter bis nach Pamplona, das wäre jedoch eine Tagesetappe von insgesamt 42 km. Marathonentfernung - von Roncesvalles aus gerechnet. Das hört sich nach einer Herausforderung an, mich packt der Ehrgeiz. Also folge ich dem Weg weiter, durch malerische Dörfer, fühle mich etwas in das Allgäu und in die Voralpen versetzt. Das Baskenland ist eine der wohlhabendsten Regionen Spaniens, die Ortschaften sind attraktiv und gepflegt, umgeben von einer intensiv grünen Landschaft. Häufig führt der Weg durch dichten Urwald. Den hätte ich in Spanien niemals erwartet.
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