Hier, am Fuße des Pyrenäenpasses, bekommt man alles, was ein Pilger braucht: Jakobsmuscheln, Pilgerstöcke, Strohhüte, Anhänger für die Halskette ... vieles davon ist verziert mit der baskischen Rose. Diese sieht einem Symbol in der deutschen Geschichte nicht unähnlich. Den Vergleich will ich lieber nicht weiter ausführen, jedoch ist eine gewisse optische Ähnlichkeit vorhanden.
Zunächst besorge ich mir im Pilgerbüro den Pilgerpass – für die Stempel, die ich auf dem Weg sammeln werde und reserviere mir einen Platz in der Herberge. Diese wurde augenscheinlich komplett neu renoviert, jedenfalls ist sie sehr sauber und äußerst gemütlich. Der Eindruck wird sich auch bei den späteren Unterkünften wiederholen. Nach dem großen Ansturm von Pilgern im Jakobusjahr 2010 scheint einiges in die Infrastruktur der Herbergen investiert worden zu sein.
Etwas fremd fühle ich mich in dieser neuen Umgebung. Den Nachmittag habe ich viel Zeit, die Stadt und die historische Festungsanlage mit der Zitadelle im Zentrum zu erkunden. Ich begebe mich auf die Burganlage, um etwas zu Picknicken, sitzend auf einer Bank genieße ich die Aussicht auf die grüne Pyrenäen-Landschaft. Eine Idylle, die eine unheimlich entspannende Wirkung hat.
Beim Lesen meiner Emails bekomme ich einen Schreck – zwei neue, sehr wichtige Nachrichten, Kunden beschweren sich wegen Programmierfehlern in meiner Software. Und die sollte ich möglichst kurzfristig beheben. Schlimmer hätte es nicht kommen können – zu einem Zeitpunkt, an dem ich die Wanderung noch nicht einmal begonnen habe. Ich hatte mir ein Smartphone angeschafft, um notfalls damit arbeiten zu können, unterwegs. So umständlich das Programmieren über das kleine Touchdisplay so eines Gerätes auch ist – mit einem Laptop hätte ich kaum auf eine mehrwöchige Wanderung gehen können.
Vor der Tour hatte ich einkalkulieren müssen, dass ein ernsthaftes Problem auftauchen könnte, das sich auf diese Weise nicht lösen lässt. Ich müsste die Tour abbrechen und zurückfahren, um das Problem von zuhause zu beheben. Um flexibel zu bleiben, hatte ich auch noch keine Rückreise gebucht – hier und jetzt, bevor ich überhaupt auf den Weg gestartet bin, abbrechen zu müssen, der Gedanke gefällt mir ganz und gar nicht.
Das Vornehmen von Korrekturen mittels Smartphone und das Übertragen von geänderten Dateien hatte sich zuerst schwierig gestaltet, aber vielleicht hat es funktioniert. Telefonat mit einem Kunden, Mitteilung per Email mit dem Anderen – alles scheint in Ordnung zu sein. Die Katastrophe ist abgewendet.
Der Pass über die Pyrenäen
2. August, St.-Jean-Pied-de-Port → Roncesvalles
Morgens um 5 Uhr ist es mit der Nachtruhe in der Herberge vorbei, als die ersten Pilger im Schein von Taschenlampen hektisch mit dem Packen ihrer Rucksäcke beginnen. Zwei Stunden später bin ich der letzte Pilger, der sich bereit macht – ich schalte die Zimmerlampe an und zwei, die noch am Packen sind, äußern sich dankbar, da sie jetzt nicht mehr blind im Dunklen wühlen müssen. Bei der Übernachtung für 10 Euro ist noch ein kleines Frühstück - Brot, Marmelade und Kaffee - inklusive. Es wird Zeit zu starten.
Der Pfad führt durch die Ortsmitte, von Anfang an mit gut sichtbaren Jakobsmuscheln oder gelben Pfeilen markiert, es folgt ein Anstieg, der durch eine grüne und danach felsige Landschaft führt, bald habe ich die Höhe erreicht. Eine beeindruckend weite Sicht über die Bergkämme der Pyrenäen. Ein Gefühl der Freiheit stellt sich ein. Großartig! Was war der wichtigste Auslöser, diese Tour zu unternehmen? - kommt mir in den Sinn. Jahrzehnte ist es her, wir hatten damals mit der Familie eine Mehrtageswanderung in Norwegen unternommen. Vielleicht war es die Idee, einen alternativen Sprachurlaub zu unternehmen? Oder Bücher, die ich über den Weg gelesen habe? Wie als Antwort kommt mir ein altes Gedicht in den Sinn:
Die Straße gleitet fort und fort,
Weg von der Tür, wo sie begann,
Weit überland, von Ort zu Ort,
Ich folge ihr, so gut ich kann.
Ihr lauf ich raschen Fußes nach,
Bis sie sich groß und breit verflicht
Mit Weg und Wagnis tausendfach.
Und wohin dann? Ich weiß es nicht.
Das Gedicht des Hobbits von J.R.R. Tolkien! Tatsächlich - das könnte es sein - die Erinnerung an die Abenteuer des kleinen Helden aus dem Auenland war die eigentliche Motivation, den ersten Schritt zu wagen. Eine sehr abenteuerliche und ereignisreiche Wanderung auf dem Jakobsweg steht mir ebenso bevor.
Auf der ersten Etappe hinauf in die Pyrenäen gelange ich am frühen Vormittag zu einer Hütte mit einer vorgelagerten Terrasse zum Rasten. Die passende Zeit, bei einer Kaffeepause Kräfte zu sammeln. Nach einer weiteren Wanderung aufwärts, in luftigen Höhen, treffe ich mittags auf einen Wohnwagen, der als Imbiss dient. Dort probiere ich zu einem Kaffee etwas baskischen Schafskäse, der als regionale Spezialität angeboten wird. Der Verkäufer in dem Campinggefährt malt eine Strichliste des Tages an seinen Wagen, die eine Statistik der Nationalitäten der vorbeikommenden Pilger zeigt. Fast alle Länder der EU sind vertreten. Sogar die indische Nation.
Dem Inder begegne ich am nächsten Tag – mich hatte gewundert, wie jemand von dort auf die Idee gekommen war, den Jakobsweg zu gehen. Als ich erfahre, dass er momentan in Madrid studiert, stellt es sich nicht mehr als so abwegig heraus.
An einem Platz in der Höhe sind Marienstatuen aufgestellt. Und dort, wenn man den Felsen weiter erklimmt, wird man durch eine Aussicht auf die Gebirgsketten rundum belohnt. Folgt man fortan dem Weg über den Pass, findet man die Rolandsquelle. Jemand erfrischt sich dort gerade an dem kühlen, frischen Quellwasser – ein Spanier, der im spartanischen Stil wandert, ohne ein Trinkgefäß mitzunehmen. Sicherheitshalber trage ich selbst dagegen 3 Liter Wasser.
Etwas später auf einem Waldweg treffe ich auf eine Familie, die mit einem Kinderwagen die Pyrenäen überquert. Spanier sind wohl etwas anders gestrickt. Die Etappe bis zum nächsten Ort beträgt 27 Kilometer über die Höhen der Pyrenäen. Man überwindet 800 Höhenmeter bis zum höchsten Punkt – auch wenn es eine Erleichterung ist, dass der Anstieg ziemlich gleichmäßig und stetig bergauf führt.
Der Ibañeta-Pass - seinerzeit hatte diesen auch Napoleon auf seinem Spanienfeldzug für die Überquerung der Pyrenäen mit seinen Truppen gewählt - befindet sich bald auf Wolkenhöhe, jedenfalls hat sich hier dichter Nebel festgesetzt. Nach der Heidelandschaft in der Höhe und einem Rastplatz, an der viele Pilger gerade eine Brotzeit halten, durchquere ich auf einem steilen Pfad abwärts einen dichten Wald und gelange am Ende an einen kleinen Bach.
Dort, vor mir, erhebt sich eine gigantische Klosteranlage aus der Ebene. Roncesvalles! Der Legende nach soll der ruhmreiche Ritter Roland hier sein Ende gefunden haben. Eine bronzene Statue am Fuße des Klosters erinnert an den Helden, der dem Tal seinen Namen gab. Vielleicht sehenswert ist auch der Schrein, in dem eine überdimensionale Krone dem mittelalterlichen Kaiser Karl ›dem Großen‹ gewidmet ist. Charlemagne, wie er hier genannt wird.
Das ehemalige Kloster in Roncesvalles dient als Pilgerherberge. Ich lasse meine Credentials - den Pilgerausweis - stempeln und verbringe dort die Nacht.
Ritter Roland & die Schlacht bei Roncesvalles
Drei Tage sind vergangen, seit Karl mit seiner Armee aufgebrochen war. Den Feind im Rücken, mussten sie über den Pass und durch schwieriges Gelände. Bis in die dunklen Nächte haben sie Waffen und Nahrung durch dichten Wald transportiert, den kaum ein Sonnenstrahl zu durchdringen vermag. Ein Kraftakt für die erschöpften Männer, unter Aufbietung all ihrer Reserven – eine endlose Karawane aus Trägern und Packpferden hatte sich den steilen Pfad hinauf bis zum Pass gequält, um in der Höhe mit dichtem Nebel konfrontiert zu werden.
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