„Mehr Drehzahl!“, brüllte der Käpt’n zu mir ‘rüber. Kann er haben. Dachte ich mir. Denn als ich zum Gashebel griff und ihn ein Stück vorschob, gab der Diesel nur ein kurzes ‘Bloff’ von sich.
Aus. Der Diesel war aus! Sofort begann unser Spitzgatter damit, sich quer zur See zu legen und entsetzlich zu rollen.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich unseren Skipper immer als ruhigen, besonnen Seemann erlebt. In diesem Augenblick aber, in diesem Moment, schwang in seiner gepressten Stimme etwas anderes mit. Angst. Unterdrückte Panik. Der Versuch, sich zur Ruhe zu zwingen. Er hatte die Verantwortung für uns Törngäste. Mir wäre es nicht anders ergangen. Bis dahin war auch ich noch einigermaßen ruhig gewesen, einfach aus meiner relativen Unerfahrenheit heraus, die Gefährlichkeit der Situation richtig einzuschätzen. Als wir jetzt jedoch begannen, mit dem Cockpit-Süllrand grünes Wasser zu schöpfen, sackte auch mir das Herz in tiefere Regionen.
„Fang die Fockschot (oder was auch immer) da ein und beleg sie irgendwo.“
Das war an mich gerichtet. An Backbord flatterte eine Leine außenbords. Während ich nach dem wild schlagenden Ding angelte, war unser Käpt’n am Steuer dabei, den störrischen Diesel wieder in Gang zu bringen.
„Verdammter Mist !“
Ich kriegte diese vermaledeite Leine einfach nicht zu greifen. Der Angler stand immer noch auf dem Vordeck und hielt den Mast umklammert. In meinem Rücken ratschte der Anlasser hilflos vor sich hin.
„Ruhig, ganz ruhig, immer mit der Ruhe“, hörte ich die jetzt wieder besonnene Stimme unseres Skippers in meinem Rücken.
Hab’ ich dich, du Biest. „Käpt’n, ich hab sie!“
„Da an der Klampe belegen.“
„Okay, Käpt’n.“ Also, wickel, wickel, wickel, wickel .....
„Mann, wie oft willst du denn noch wickeln? Einmal ‘rum und dann eindrehen, reicht völlig.“
„Okay, Skipper, ist fest!“
Und erst jetzt drang ein gleichmäßiges Nageln in mein Bewusstsein. Der Diesel ! Der Diesel lief wieder!
Wir hatten sofort in die Strömung gedreht und liefen jetzt mit den Seen ab, auf Heimatkurs.
„Keine Chance heute.“
Unseren Käpt’n hatte der Vorfall scheinbar doch ganz schön beeindruckt.
„Kein neuer Anlauf. Wir laufen zurück. Allerdings haben wir jetzt eine Menge Zeit. Wir haben immer noch ablaufend Wasser. Zu wenig Wasser, um jetzt noch nach Harlesiel zurückzukommen. Die Tide kentert in einer Stunde, dann drei Stunden auflaufend Wasser und dann müsste es reichen. Fürs erste gehen wir ‘mal nach Wangerooge.“
Auf der Wattseite der Insel steuerten wir den Hafen an. Erst jetzt merkte ich, wie müde ich war. An meiner linken Hand spürte ich Feuchtigkeit. Blut. Ich hatte mir bei der Aktion vorhin den Handrücken aufgerissen. Wann ? Wo ? Keine Ahnung.
„Auf der Insel finden wir schon was, um dich zu verpflastern. Übrigens, will jetzt jemand ein Bier?“
„Klar Käpt’n, jetzt ja.“ Nach so einer Sache hat man sich ein Bier verdient, meinen Sie nicht auch, liebe Leser? Prompt breitete sich eine warme Wohligkeit in mir aus. Eine Gefahr auf See überstanden zu haben, das ist doch schon ‘was, oder?
„Käpt’n, ich nehm’ mir noch eins, okay ?“
Dann waren wir im Hafen von Wangerooge. Anlegeplätze Mangelware. Einzig eine Kaimauer, wegen des Tideniedrigwassers himmelhoch aufragend. Schild mit der Aufschrift ‘Nur für Berufsschifffahrt !’
„Hier gehen wir ‘ran“, entschied der Käpt’n.
„Geht ihr nicht!“, kam eine Stimme von oben. Der Hafenkapitän, in voller Uniform.
„Gehen wir doch! Und vor allen Dingen, stell dich nicht so an, du .....“
Aha, dachte ich mir, man kennt sich. Der Hafenkapitän entschwand.
„Und wie kommen wir an der Mauer hoch, Skipper?“
„Da vorne ist eine Leiter eingelassen, genau da machen wir fest.“
Jetzt sah ich sie auch, diese elendig schmale, schwarz gestrichene, scheinbar endlos lange Leiter. Doch kam mir in diesem Moment mein durch den Genuss der beiden Biere leicht beflügeltes Selbstvertrauen zu Hilfe. Sprosse für Sprosse, nicht nach unten sehen und - oben stand ich. Kein Problem, ging ganz leicht. Wer so eine Gefahr auf See besteht, der wird schließlich nicht vor so einer blöden Leiter kapitulieren, oder?
Merken Sie was, liebe Leser?
„Da drüben liegt das Seebäderschiff Harlesiel . Die warten auch auf auflaufend Wasser und haben bestimmt eine Notapotheke für deine Hand an Bord. Außerdem können wir bei denen auch noch ein Bier trinken.“
Nett von unserem Skipper, dass er noch an meine Verletzung dachte. Die Blutung hatte aufgehört und ich hatte die Sache schon fast vergessen. Aber gut verpflastert ist halb verheilt.
Tatsächlich war es kein Problem, auf der Harlesiel meine Hand verbunden zu bekommen. Unser Skipper gab im Bordrestaurant eine Runde aus. Auf den Schreck von vorhin. Und als er dann feststellte, dass es Zeit wurde, wieder auszulaufen, weil in der Zeit, die wir vom Inselhafen zum Harle-Fahrwasser brauchen würden, die Tide weit genug aufgelaufen wäre, da gab er noch eine Runde aus. Eine schnelle, zum Abschied.
Unser Spitzgatter da unten, längs der Kaimauer, war uns während unseres Inselaufenthaltes ein beträchtliches Stück entgegengekommen. Gleichzeitig war die verflixte Leiter um das gleiche Stück kürzer geworden. Kein Problem für einen echten Seemann, oder ?
So dieselten wir, leicht müde, ansonsten aber quietsch vergnügt an der beschaulichen Insel vorbei, zurück Richtung Fahrwasser. Auf der Hinfahrt war mir dieser Weg gar nicht so lang vorgekommen. Aber unser Käpt’n hatte die Zeit scheinbar richtig berechnet.
„Jetzt haben wir auf jeden Fall genug Wasser unterm Sporn, um gemütlich nach Hause zu kommen“ freute er sich und blinzelte in die Sonne, die zum ersten Mal auf diesem Törn durch die aufreißende Wolkendeck hindurch schien.
Zwei Minuten später sagte es „Rummms!“
Fahrt Null, der Diesel wirbelte sandiges Wasser auf. Aufgelaufen! Was hatte der Skipper damals gesagt? „Mit den Sanden, da kenn’ ich mich aus!?“ Pustekuchen.
Stille an Bord. Der Käpt’n schaltete die Zündung aus, der Diesel verblubberte.
„Tja, ..jetzt haben wir Zeit, Männer. Will einer noch‘n Bier?“
Zeittotschlagen geht mit einer Flasche Bier in der Hand am besten. Warum also nicht ?
„Ach, und da hab ich ja auch noch ‘ne Buddel ‘n’ Sööten’. Hat einer Lust?“
Zeittotschlagen geht mit einer Flasche Bier in der einen Hand und einem Glas ‘n’ Sööten’ in der anderen noch besser.
Wir mussten an diesem Nachmittag noch einiges an Zeit totschlagen, bis die Seenixe wieder aufschwamm. Mit kleiner Fahrt ging es dann zurück, durch den Kutterhafen, durch die Schleuse und hinein in den Yachthafen. Ganz mitbekommen habe ich das leider nicht mehr. Sehr nützlich wäre meine Mithilfe sicherlich auch nicht mehr gewesen. Ich hatte eben ein bisschen viel Zeit totgeschlagen....
Endlich ein eigenes Boot!
„Bei diesem verdammten Mistwetter hältst du es im Zelt einfach nicht aus. Gute Idee von dir, nochmal auf ein Bier hierher zu gehen.“ Der Floh rieb sich die Hände.
Nach der Kälte draußen kam uns dieser Raum richtig überheizt vor. Andis Wangen begannen, langsam rot anzulaufen.
„Dauernd schlagen die Zeltwände im Wind. Mag ja ganz gemütlich sein. So langsam macht mich das aber verrückt.“ Ich schüttelte mich. „Und angeblich haben wir Hochsommer.“
Ein gemütlicher Campingurlaub hatte es werden sollen. War es auch. Zumindest zum Teil. Zehn Tage hatten wir bereits bei schönstem Sonnenschein in Otterndorf an der Elbmündung verbracht. Nun waren wir jedoch seit fünf Tagen in Schuby an der Ostsee und das Wetter war beständig. Beständig Wind bis Stärke sechs, beständig Regen.
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