So durften damals in der Dresdener Innenstadt keine Fabriken gebaut werden. Also entschied der Fabrikant aufgrund der orientalischen Herkunft des Tabaks, ein ebensolches Gebäude zu bauen. Die schmalen Türme tarnten die notwendigen Schornsteine, in der gläsernen Kuppel trocknete man die Tabakblätter. So hatte er sein Werk und die Stadt kein Fabrikgebäude. Dass der Architekt danach aus der Reichs-Architektenkammer ausgewiesen wurde, war allerdings eine tragische Folge dieses Bauwerkes.
Heute ist die ehemalige ›Tabakmoschee‹ ein Büro- und Geschäftshaus, das in der Kuppel ein Restaurant und einen Märchenerzähler beherbergt.
Während sie auf die Ankunft der Gruppe warteten, saßen Germanns auf den Trittstufen der beiden Bustüren und überprüften ihre E-Mail Eingänge. Unterbewusst nahmen sie wahr, dass ständig andere Reisebusse ankamen und abfuhren. Hannes zündete eine Zigarette an. Plötzlich kniff er die Augen zusammen. Das musste er jetzt nicht wirklich haben. Schnellen Schrittes kam einer der anwesenden Kraftfahrer auf ihn zu – Waldemar Dengler!
Waldemar Dengler, genannt Waldi, weil er, gleich einem sturen Dackel, jedem klarzumachen versuchte, dass er der beste Busfahrer aller Zeiten sei. Der branchenbekannte Wichtigtuer hatte es zur Lebensaufgabe erhoben, alle Fahrer zu guten Reisebusfahrern zu erziehen. Die Welt war doch so groß. Warum musste er dann zeitgleich mit Hannes in Dresden auftauchen?
»Das geht ja gar nicht!«
Schon folgte die Belehrung.
»Ihr könnt doch nicht im Bus rauchen. Was sollen denn die Fahrgäste denken?«
»Siehst du hier Fahrgäste? Meine jedenfalls schwimmen noch auf der Elbe.«
Hannes war mehr als bedient.
»Deine Scheiben könntest du auch mal wieder putzen. Da kann ja niemand mehr rausgucken.«
Hannes, der die Frontscheibe noch immer nicht komplett von der klebstoffartigen Masse hatte befreien können, da diese seinen täglichen Reinigungsversuchen vehement trotzte, überlegte, ob hier der Tatbestand der Notwehr gegeben wäre, würde er diesen ›netten Kollegen‹ auf der Stelle in der Elbe ersäufen. Da er aber die rechtliche Seite nicht kannte und zudem der Wasserstand recht niedrig war, widerstand er der Versuchung und meinte nur:
»Komm Waldi, hau ab! Der Bus, den ich letzthin von dir übernehmen musste, stand vor Dreck und fiel fast auseinander.«
Sprach’s, zündet die nächste Zigarette an, wandte sich erneut seinen E-Mails zu. Beleidigt zog der Besserwisser ab, um weitere Fahrer mit seinen Thesen zu beglücken.
Kurze Zeit später spuckte der Elbdampfer ihre Gruppe aus. Sie versorgten sich im Bus mit Getränken und ließen unnötigen Ballast zurück.
Pünktlich um achtzehn Uhr stand Hannes am Taschenbergpalais. Dieses Schloss ließ August der Starke in den Jahren 1705 bis 1708 für seine Geliebte, Gräfin Cosel, bauen. Hatte er sie doch so in direkter Nähe zu seinem Wohnsitz. Ein überdachter Verbindungsgang zwischen Residenz und Palais ermöglichte ihm, unerkannt die Freundin aufzusuchen. Da diese Verbindung verglast war, fragte sich Susanne, ob er dort durchgekrochen war, damit ihn keiner sah.
Nach der Verbannung der Gräfin Cosel wurde der dreigeschossige Bau als Wohnung für die Kronprinzenfamilie verwendet. Bis ins 19. Jahrhundert hinein erfolgten immer wieder Veränderungen und Erweiterungen des Palais. Nach der Zerstörung 1945 baute man es erst 1995 wieder auf. Heute ist ein Luxushotel darin untergebracht.
Am vereinbarten Treffpunkt warteten die meisten der Reisegäste, die zum Abendessen ins Hotel gebracht werden wollten. Einige blieben in der Stadt, um den Abend dort zu verbringen. Sie kämen später mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück.
Während die Fahrgäste in die Stadt gingen, entfernte sich Rüdiger Berger von der Gruppe. Schnellen Schrittes eilte er in die Wilsdruffer Straße, wo er die einfahrende Straßenbahn der Linie 1 bestieg, die in Richtung Cotta fuhr. Hätten ihn die anderen saarländischen Mitreisenden gesehen, wären sie verwundert gewesen, denn genau in diesem Stadtteil lag ihre Unterkunft.
Berger verließ die Bahn an der Haltestelle, die dem Hotel am nächsten lag. Er nahm die Parallelstraße und bog in die Ockerwitzer Straße ein. An der Ecke blieb er vor einem kleinen Haus stehen, das ein verwilderter Garten umgab. Hohe, dichte Büsche verwehrten die direkte Sicht auf das Häuschen. Eine rostige Teppichstange stand links, weiter hinten sah man Teile einer morschen Brettergarage.
Rüdiger atmete tief durch. Wie lange war er nicht hier gewesen? Es musste über zwanzig Jahre her sein. Er wusste es ganz genau. Im November war es ein Vierteljahrhundert her, dass er Dresden verlassen hatte. Siebenundzwanzig Jahre seines Lebens hatte er dort gewohnt, bevor er 1987 zunächst in den vornehmen Stadtteil Plauen umzog.
Fast andächtig zog er einen altmodischen Gegenstand aus der Hosentasche. Er betrat das verwilderte Grundstück und ging langsam auf das Haus zu. Zögernd wurde der betagte Schlüssel in ein ebenso altes Schloss gesteckt und bedächtig umgedreht. Die antike Holztür knarrte beim Öffnen. Vorsichtig trat Rüdiger ein.
Staunend wanderte sein Blick durch den Hausflur. Nichts hatte sich verändert, seit er es zuletzt gesehen hatte. Nur in die Jahre gekommen und renovierungsbedürftig sah alles aus. Aber auch er war älter geworden.
Berger befand sich in dem Haus, welches viele Erinnerungen für ihn barg. Er wandte sich nach rechts. Dort lag das Wohnzimmer oder die ›Gute Stube‹, wie die Tante immer gesagt hatte. Sie war nur benutzt worden, wenn Besuch kam. Die wuchtigen Möbel standen an ihrem angestammten Platz. Eine dicke Staubschicht bedeckte sie.
Da waren seine Jugendweihe und das Abitur gefeiert worden. Er konnte alle Gäste an seinem geistigen Auge vorbeiziehen sehen. Die Eltern, die Schwester des Vaters, die bis zuletzt in diesem Haus gewohnt hatte, die Großeltern, einige Freunde und – Ilona. Als Rüdiger an sie dachte, musste er schlucken. Während er den Erinnerungen nachhing, hörte er plötzlich ein Geräusch. Hatte er die Haustür nicht geschlossen?
Es blieb ihm keine Zeit, länger darüber nachzudenken. Ein harter Schlag traf ihn am Kopf. Sofort wurde es um ihn Nacht.
Zurück am Hotel sah Hannes, dass auf der einzigen Parkmöglichkeit vor dem Haus bereits ein Reisebus stand. Das stellte ein Problem dar. Da morgen ein Ruhetag für ihn anstand, durfte er den Bus vierundzwanzig Stunden nicht bewegen. Das erforderte einem Parkplatz, wo er stehenbleiben konnte, ohne weitere Verkehrsteilnehmer zu behindern. Solche Plätze existierten allerdings nicht in der Nähe.
Also ließ Hannes zunächst die Fahrgäste aussteigen. Im Hotel fragte er nach dem Fahrer des anderen Busses. Der zeigte Einsicht und war bereit, ein Stück vorzufahren, wo er über Nacht stehen konnte. Seine Abfahrt stand für den Morgen an. Da Hannes den Bus erst am nächsten Abend bewegen durfte, kam dieser Platz für ihn nicht infrage.
Angesichts der schmalen Fahrbahn vor dem Hotel konnte Hannes nicht einfach rückwärts zurückfahren, um mit dem anderen Bus die Position zu tauschen. Er musste einmal um den Block fahren. Bevor er wieder links in die Straße abbiegen konnte, kam von oben ein Lothringer Bus aus Phalsbourg und belegte den gerade freigewordenen Parkplatz.
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