»Es gibt keine Preisnachlässe.«
Stinksauer verließ die Reiseleiterin die Lobby und informierte Hannes von dieser Unverschämtheit.
»Was heißt, es gibt keine Kurkarten und keine Ermäßigungen? Wo immer ich Kurtaxe zahlen muss, bekomme ich Nachlässe für kulturelle Einrichtungen und Veranstaltungen. Mit der Konus Karte kann man sogar kostenfrei die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen.«
Als ehemaliger Schwarzwälder kannte er sich auf diesem Gebiet aus.
»Vermutlich denken unsere Fahrgäste, wir wollten uns mit dem Geld einen schönen Abend machen.«
»Davon kannst du ausgehen.«
Auch Hannes war stocksauer. Das würde er so nicht auf sich beruhen lassen.
Nachdem der Bus geparkt, ihr Zimmer bezogen und das eigene Gepäck ausgepackt war, wollten Hannes und Susanne auf der Terrasse einen Kaffee trinken. Sie fuhren mit dem Fahrstuhl zurück ins Erdgeschoss und begaben sich in Richtung Außenbereich, als einer ihrer Fahrgäste auf sie zutrat.
»Ich habe meinen Geldbeutel im Bus liegen lassen«,sagte der schlanke, etwas unscheinbar wirkende, ältere Mann zu Hannes.
»Kann ich den noch holen?«
Hannes seufzte innerlich, der Busschlüssel lag natürlich oben im Zimmer. Er fuhr also noch einmal hinauf und holte ihn. Zusammen mit dem Fahrgast ging er zum Bus.
Susanne begab sich in der Zwischenzeit auf die Terrasse und bestellte einen Schümli Kaffee für ihren Mann sowie ihren obligatorischen Latte macchiato. Die Getränke standen gerade auf dem Tisch, als die zwei Männer zurückkamen. Der Mitreisende wollte die beiden zum Dank für die Mühe einladen, setzte sich zu ihnen und bestellte sich ein Bier.
Susanne betrachtete staunend sein Outfit. Zu einer hellgrauen Hose trug er ein weißes Hemd mit roten und blauen Blockstreifen. Sie fühlte sich vierzig Jahre zurückversetzt.
»Mein Name ist Rüdiger Berger«, stellte der Fahrgast sich vor. »Leider lasse ich häufiger etwas liegen und weiß dann oft nicht wo.«
›Na‹, dachte Susanne, ›das kann ja heiter werden. Hoffentlich vergisst er nicht eines Tages seinen Kopf.‹
Sie beteiligte sich nicht weiter an dem Gespräch, sondern setzte sich mit der Dresdner Kurtaxe im Internet auseinander.
Eine halbe Stunde später schaffte Herr Berger es, sein Bier auszutrinken und den Weg in sein Zimmer zu finden ohne, dass etwas zurückblieb.
Die beiden Zurückgebliebenen genehmigten sich zwei weitere Kaffees. Die hatten sie nach dem Ärger und den Anstrengungen der Fahrt auch verdient. Hannes nahm eine Zigarette aus der Packung. Dann blickte er über den Tisch:
»Hast du wieder einmal mein persönliches Feuerzeug eingesteckt?«
Susanne schaute ihn an.
»Ich würde mich doch nicht an deinem persönlichen Feuerzeug vergreifen. Bestimmt ist es wieder in einer deiner Taschen.«
Hannes griff in die Hosentasche, zog die Hand aber leer raus.
»Hab‘ ich gar nicht.«
»Hier, nimm solange meins. Es wird schon wieder auftauchen. Vermutlich liegt es oben.«
Endlich brannte die Zigarette.
Susanne klärte Hannes darüber auf, was es mit dieser ominösen neuen ›Kurtaxe‹ auf sich hatte. Laut Internet sollten damit die kulturellen Einrichtungen der Landeshauptstadt mitfinanziert werden. Abgesehen von dieser idiotischen Begründung, denn man bezahlte bereits hohe Eintrittsgelder, verstand sie es nicht als ihre Aufgabe, mit einem Klingelbeutel durch den Bus zu gehen, um eine, in ihren Augen, ungerechtfertigte ›Kurtaxe‹ dieser Nichtkurstadt zu kassieren. Obwohl das Leipziger Bundesverwaltungsgericht längst ein Urteil fällte, das Geschäftsreisende davon ausnahm, hatte der Hotelmitarbeiter die Abzocksteuer auch für sie und ihren Mann verlangt.
Hannes ärgerte sich genauso darüber, und beschloss bei Gelegenheit die zuständige Stelle im Dresdener Rathaus aufzusuchen. Er würde ihnen das Urteil aus Leipzig vorhalten und seine zu Unrecht geforderte Taxe zurückfordern. Zum Glück hatte sich Susanne eine Extraquittung für ihren Beitrag geben lassen.
Sie besprachen noch kurz das Programm der folgenden Tage, tranken ihren Kaffee aus, bezahlten den Rest und brachen auf. In Kürze gab es Abendessen. Dafür wollten sie sich noch ein bisschen frisch machen.
Das Programm der nächsten Tage sah eine Stadtrundfahrt und einen Rundgang durch sächsische Hauptstadt vor. Weiterhin wollten sie Meißen sowie das Elbsandsteingebirge besuchen.
Den Stadtrundgang und die folgende Freizeit der Gruppe am nächsten Tag, nutzten auch Hannes und Susanne als Gelegenheit, die wiederauferstandene Stadt zu besichtigen. War Hannes erst im letzten Jahr dort gewesen, so hatte Susanne die Stadt noch weitgehend als Ruinenstadt in Erinnerung, denn ihr Besuch lag immerhin fast ein Vierteljahrhundert zurück.
Beide waren von der wiederaufgebauten Frauenkirche und der dazu passenden Umgebung beeindruckt. Zum ersten Mal hatten sie das Gefühl, dass ihr Soli und die vielen Spenden für die Wiederherstellung, sinnvoll angelegt waren.
Dabei fiel ihnen erneut das ›Kurtaxenproblem‹ ein. Somit führte ihr Weg im Anschluss ins Dresdner Rathaus. Es erwies sich als mühsam, den offensichtlich frisch eingerichteten Raum des ›Kurtaxen-Dezernates‹ zu finden. Auch der junge Mitarbeiter dort schien neu und unerfahren.
Auf die Forderung des Busfahrers, ihm die zu Unrecht kassierte ›Kurtaxe‹ zu erstatten und gleichzeitig eine Bescheinigung über die weitere Befreiung davon auszustellen, da er schließlich geschäftlich nach Dresden käme und nicht als Tourist erklärte dieser:
»Die Kurtaxe muss jeder bezahlen, der nach Dresden kommt. Immerhin zahlt die Stadt davon die Orchester, die Wärter im Zoo und das Futter für die Tiere dort.«
Hannes empfand deutlich das Gefühl, im falschen Film gelandet zu sein.
»Im Regelfall habe ich einen Bus dabei, wenn ich komme, und fahre meine Gruppen durch die Gegend. Wie bitte soll ich dann kulturelle Einrichtungen besuchen.«
»Nach Dienstschluss haben Sie aber doch die Möglichkeit dazu.«
Während Hannes noch nach Worten suchte, konnte Susanne sich nicht mehr beherrschen. Zynisch bemerkte sie:
»Ach, somit sind wohl alle Männer potentielle Vergewaltiger? Immerhin hätten sie ja die Möglichkeit dazu.«
Der Jüngling lief bei diesen Worten puterrot an und rang sich nur noch ein: »Ich mache hier doch nur meine Arbeit und das ist alle noch ganz neu.« ab. Dann reichte er Hannes einen vierseitigen Antrag auf Rückerstattung der Kurtaxe, den er zuerst ausdrucken musste.
»Sie müssen aber die Originalquittungen ihrer Hotelrechnung mitschicken.«
Es wurde immer besser. Seit wann gab man Originale aus der Hand, die man zudem noch für die Steuererklärung brauchte? Na, man würde sehen. Unzufrieden verließen die beiden diese Zentrale willkürlicher Entscheidungen.
In Meißen, das sie am dritten Tag der Reise besuchten, entdeckten sie ein witziges Geschäft, in dem es alles gab, außer Lebensmitteln und Kleidung. Mehrere Räume, die ineinander übergingen, quollen über von Kitsch, Krempel und Spielwaren. Für Germanns ein El Dorado. Zum einen fanden sie das obligatorische Katerdienst-Mitbringsel für ihre Nachbarin Doris, zum anderen wechselte sogleich ein neues ›Malen nach Zahlen-Bild‹ den Besitzer. Susanne liebte diese Sisyphusarbeit.
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