Die Porzellanmanufaktur hingegen enttäuschte sie. Hatte die Gästeführerin zwar erzählt, es gäbe dort ein Outlet, in dem man Meißner Porzellan preiswerter bekäme, so hatte sie völlig vergessen zu erwähnen, dass selbst eine winzige Mokkatasse auch dort, noch immer hundertfünfzig Euro kostete.
Die Souvenirs zum Preis von fünf Euro stellten sich als eine Art ›geköpfte‹ Engel raus, die scheinbar von Auszubildenden im ersten Lehrjahr hergestellt wurden. Auch die Kantine fand nicht ihren Beifall. Zwar gab es den Kaffee aus Meißner Porzellan. Er kostet allerdings wesentlich mehr, als in einem Café mit Steingutgeschirr.
Am diesem Abend fehlte ihnen die Lust auf das dreigängige Menü der Halbpension. Da zumindest Hannes seit Wochen in den verschiedensten Hotels unterwegs war, wollten sie endlich etwas Handfestes essen. Sie fragten den Rezeptionisten nach einem netten Lokal mit bodenständiger Kost und dieser schickte sie in die Parallelstraße zu ›Oma‹.
Die Gaststätte ›Oma‹ in der Cossebauder Straße fand sofort ihre Zustimmung. Ein, mit dicken Steinen gepflasterter Weg, führte durch den Biergarten zu einem kleinen Haus. Große Blumentöpfe säumten diesen und über den Köpfen der anderen Gäste flatterten alte Kleidungsstücke auf einer Wäscheleine. Tische und Stühle entsprachen dem gesamten antiquarischen Ambiente.
Neugierig betraten die beiden den Gastraum. Hier offenbarte sich ihnen eine altbekannte Welt, wie sie ihre Kindheit begleitet hatte. Alte Sofas, Lampen und Stühle gruppierten sich vor einem Schwarz-Weiß-Fernseher mit Drehknöpfen. In der Ecke stand ein uraltes Klavier, als warte es nur, dass die Oma anfinge, darauf zu spielen. Liebevoll gesammelte antike Bügeleisen, Waagen und andere alte Küchenutensilien rundeten das Ensemble gekonnt ab. Die beiden waren begeistert und freuten sich über den unerwarteten Einblick in die gute alte Zeit. Da das Wetter sich von seiner schönen Seite zeigte, zogen die zwei allerdings den Biergarten vor.
Der Kellner brachte eine vergilbt wirkende Speisekarte. Schon beim ersten Blatt vergaß Susanne sofort, etwas auszusuchen, denn sie musste zunächst das vorn eingeheftete Gedicht lesen. Hannes agierte schneller. Entdeckte er doch Fleischsülze mit Spiegelei, Remoulade und Bratkartoffeln. Ein Gericht, das er im Saarland selten bekam. Zusätzlich bestellte er einen Beilagensalat.
Nachdem das Poem gelesen war, entschied sich Susanne für das Schnitzel mit Kroketten. Das hätte auch ohne Karte ihren Wünschen entsprochen. Dann stieß sie auf die nächsten Verse. Diese Speisekarte war über die Menüvorschläge hinaus lesenswert. Für einen geringen Betrag wechselte ein Exemplar den Besitzer.
Als das Essen kam, hielten beide angesichts der Riesenportionen die Luft an. Davon hätte man drei Tage lang leben können! Aber es schmeckte alles hervorragend, sodass sie weit über den eigentlichen Hunger hinaus aßen. Das erforderte dann dringend einen Verdauungsspaziergang. So schlenderten die zwei durch den Dresdener Vorort Cotta zurück ins Hotel.
Auf dem Weg fiel ihnen auf, dass neben wunderschön sanierten Altbauten immer wieder ruinenähnliche Häuser standen. Auch säumten viele kleine Einfamilienhäuser ihren Weg. Manche längst renoviert, anderen fehlte eindeutig ein frischer Anstrich. Die DDR-typischen Plattenbauten gab es in diesem Stadtteil nicht.
Besuch in Schloss Pillnitz
Am vierten Tag des Aufenthaltes führte die Reisegruppe ins Elbsandsteingebirge und nach Pillnitz. Hannes fuhr an der Dresdener Altstadt vorbei und überquerte die Elbe über das ›Blaue Wunder‹. Diese bekannte Brücke verbindet die beiden Stadtteile Blasewitz und Loschwitz. Das Bauwerk erhielt seinen Namen aufgrund des ursprünglich hellblauen Anstrichs. Hier hält sich allerdings hartnäckig das Gerücht, sie sei eigentlich grün gewesen. Durch Witterungseinflüsse hätten sich aber die Gelbanteile verflüchtigt und so sei nur das Blau übrig geblieben. Als ›Wunder‹ galt die Spannweite der Metallkonstruktion, die keinen Strompfeiler in der Elbe benötigte.
Weil die Gästeführerin über diese Brücke fahren wollte, und für die Rückfahrt ein Schiff von Pillnitz aus gebucht war, führte der Weg in Elbsandsteingebirge zunächst am Schloss vorbei. Gemeinsam mit ihr wanderte die Gruppe zur Basteibrücke und genoss den grandiosen Ausblick über das Elbtal.
Im Anschluss ging es auf der schmalen Landstraße zurück in Richtung Schloss Pillnitz. Dort fuhr Hannes auf einen unbefestigten Parkplatz, der bereits für das Ausladen der Fahrgäste zehn Euro kostete. Leider schickte man zusätzlich die PKW-Fahrer auf diesen eigentlichen Busparkplatz, denn die zogen auf ihrem dafür vorgesehenen Platz nur selten einen kostenpflichtigen Parkschein. Für die Busfahrer bedeutete das ein mühsames Umkurven der PKWs und Parken auf, im Grunde genommen, nicht dafür geeigneten Flächen. Da der Parkwächter den Betrag sofort bei der Einfahrt kassierte, entschied Hannes, dass sie dort stehen bleiben und sich ein wenig umsehen würden, um später einen Kaffee zu trinken.
Von Schloss Pillnitz wussten die beiden, dass es ein Lustschloss im wahrsten Sinne des Wortes gewesen war. So erwarb 1694 der sächsische Kurfürst Johann Georg den Bau für seine Mätresse Magdalena Sibylla von Neitschütz. Nach dessen Tod erbte es der Bruder, August der Starke. Der wiederum schenkte es seiner Lieblingsmätresse, Gräfin von Cosel. Nachdem diese aber 1716 in Ungnade gefallen von August auf die Burg Stolpen verbannt wurde, holte er es 1718 durch Enteignung wieder zurück. Während die Gräfin die letzten neunundvierzig Jahre ihres Lebens auf Stolpen verbrachte, diente das Schloss von da an der höfischen Gesellschaft als Repräsentationsbau für Spiel und Unterhaltung.
Die Reisenden hatten zusammen mit der Gästeführerin eine Führung im Schloss gebucht. Susanne ging, einen neuen Reisemagneten zu kaufen. Im Anschluss suchte sie das Schlossrestaurant auf, in dem Hannes bereits wartete. Auf den Rundgang durch die berühmten Gärten verzichteten sie, da diese mittlerweile nicht mehr kostenfrei waren.
Nachdem die Gruppe das Schiff für die Rückfahrt bestiegen hatte, fuhren Hannes und Susanne mit dem leeren Bus zurück nach Dresden, wo sie auf die Truppe warten sollten, um sie ins Hotel zurückzubringen. Vorher gab es aber noch Freizeit, damit die notwendigen Mitbringsel gekauft werden konnten. Hannes würde die Fahrgäste, die nicht in der Stadt bleiben wollten, am frühen Abend am Taschenbergpalais abholen.
Auf der Fahrt mit dem Bus durch Niederpoyritz erblickten sie plötzlich auf der linken Seite einen Modelleisenbahnladen. Der Busfahrer widerstand der Versuchung eine Vollbremsung hinzulegen. Leider gab es im gesamten Ort keinen geeigneten Parkplatz für den 13-Meter-Bus, sodass sein Geldbeutel geschont wurde. Nach Kassel war das jetzt der zweite Laden, den Hannes nicht besuchen konnte. So würde die Modelleisenbahn im Keller nie fertig.
In Dresden erwarteten sie auf dem Parkplatz unter der Karola-Brücke die vorgesehene Ankunftszeit des Elbdampfers, der ihre Gruppe brachte. Dort standen sie direkt am Schiffsanleger, sodass die Fahrgäste vor dem Stadtbummel Kamerataschen und Jacken in den Bus legen konnten. Mit acht Euro für eineinhalb Stunden erwies sich dieser Platz wesentlich teurer als der an der Marienbrücke in der Nähe der ehemaligen Zigarrenfabrik. Der kostete für den kompletten Tag nur sieben Euro.
Die ›Tabakmoschee‹ Yenidze hatte bereits zu Diskussionen im Bus geführt. Viele der Mitreisenden waren der Meinung, es sei eine Moschee, bis Hannes ihnen die wirkliche Bedeutung erklärte.
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