Sie hatte schon viele unnütze Geschenke von ihnen bekommen, aber das hier war wohl das langweiligste von allen. Während Hanna noch nach Fassung rang und ein Danke zwischen ihren Zähnen durchpresste, hatte Trude auch schon eine Erklärung für ihr Geschenk.
„Christian hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Irgendwann hat er das ganze Dorf fotografiert. Daraus entstand dann die Idee, einen Bildband zur Siebenhundertjahrfeier drucken zu lassen. Im Stadtarchiv fand er altes Material über Rothwald, und einige Familien stellten Fotos von früher zur Verfügung. Inzwischen ist Christian guter Fotograf geworden und hat sein eigenes Fotostudio in der Stadt eröffnet“, erzählte sie ihrer Enkelin.
Hermann war von Anfang an gegen dieses Geschenk. Aber Harald und Trude meinten, wenn sie sich intensiver mit ihrer Heimat beschäftigte, würde sie schon von alleine ihren Fehler eingestehen und nach Hause zurückkommen. An Hannas Blick sah er sich bestätigt.
„Hamburg ist so weit weg von deinem Zuhause und da dachten wir, es wäre schön, wenn du ein Stück Heimat mit nach Hamburg nimmst“, versuchte er die eigentliche Absicht zu vertuschen.
„Danke. Eine schöne Idee von euch“, bedankte sie sich höflich bei ihrer Familie.
„Trude, du hast doch Hannas Lieblingskuchen gebacken. Lasst uns zum Nachtisch übergehen“, versuchte Hermann seiner Enkelin eine kleine Freude zu machen. Er drückte kurz ihre Hand und lächelte sie dabei an.
Während Hermann wieder aufstand und begann, den Tisch abzuräumen, wickelte Hanna ihren Fotoband wieder ins Papier ein. Enttäuscht legte sie ihr Geschenk weg. Sie stellte die Suppenteller zusammen und trug sie in die Küche. Für Trude blieb nur noch der Topf übrig, und Harald schaute ihnen dabei zu.
Hanna brauchte einen Moment für sich. In Ruhe spülte sie die Teller und das Besteck unter heißem Wasser ab, bevor sie alles in die Spülmaschine einräumte. Ihre Großeltern kümmerten sich in der Zwischenzeit um den Kuchen und neues Geschirr.
Nebenbei erwärmte der Wasserkocher das Teewasser, was schnell zu sprudeln begann. Hanna goss das kochend heiße Wasser in die bereitstehende Teekanne und sog das sich verbreitende Aroma des Früchtetees ein. Ein Geruch, den sie seit drei Jahren nicht mehr gerochen hatte. Sie trank in Hamburg nur noch Kaffee.
Sie musste an ihre Eltern denken. Sie fragte sich, ob sie sie schon längst vergessen hätten. Seit dem sie Rothwald verlassen hatte, blieben auch ihre monatlichen Zahlungen aus. Sie konnten nur von ihrer Großmutter von ihrem Weggang erfahren haben, denn sonst hatte niemand aus der Familie Kontakt zu ihnen.
Harald und ihre Mutter hatten sich noch nie besonders gut verstanden. Er war wohl froh, als sie nach München ging. Er versuchte seinen Neid gegenüber seiner Schwester immer zu verbergen, aber Hanna hatte es oft an Kleinigkeiten bemerkt. Er hatte eine bestimmte Art, in Gesprächen nebenbei gewisse Sätze fallen zu lassen, die seine Schwester und ihren Mann in ein negatives Licht rückten. Manchmal glaubte Hanna, ihr Onkel würde ihre Mutter hassen.
Trudes Stimme holte Hanna aus ihren Gedanken zurück in die Küche.
„Kommst du mit dem Tee? Wir wollen Kuchen essen“, rief sie nach ihrer Enkelin.
„Ja, ich komme“, antwortete Hanna und entfernte die Teebeutel aus der Kanne.
Vorsichtig trug sie sie ins Esszimmer, wo sie allen einschenkte. Auf ihrem Teller lag bereits ein Stück Zitronenkuchen mit Zuckerguss. Bevor auch sie ihr Stück aß, wollte sie die Aufmerksamkeit von sich ablenken und fragte nach den Neuigkeiten im Dorf.
Klatsch und Tratsch hatten Harald schon immer begeistern können, deswegen ging er jeden Sonntagmorgen zu seinem Stammtisch und den regelmäßigen Treffen des örtlichen Schützenvereins. Er wusste über alles und jeden im Ort Bescheid. Er konnte sich wie viele in Rothwald nicht vorstellen, sein Heimatdorf zu verlassen.
Sein Arbeitsplatz war vom ersten Tag an der gleiche. Nach der Schule begann er wie sein Vater eine Ausbildung zum Schreiner bei Gerd Nölle im Sägewerk. Das machte ihn glücklich. Als Junge war er am liebsten im Wald und kletterte auf Bäume. Er kannte alle Baumarten in Rothwald, und es gab keinen Tag, an dem er nicht irgendwelche Holzstücke mit sich rumtrug und aus ihnen etwas herstellte.
Hermann arbeitete während seines ganzen Berufslebens im Sägewerk als Schreiner, einer anderen Tätigkeit war er nie nachgegangen. Sein Sohn besuchte ihn oft bei der Arbeit, um von ihm zu lernen. Als Jugendlicher arbeitete Harald bereits in den Ferien dort, um sich noch schneller und besser mit der Materie Holz befassen zu können. Da war es nur naheliegend, dass er auch Schreiner werden würde. Handwerklich war er sehr geschickt. Viele Arbeiten an seinem Elternhaus übernahm er selbst. Natürlich mit dem Wissen, dass es irgendwann in sein Eigentum übergehen würde.
Manchmal dachte er auch an andere. Für Jonas hatte er zu seinem dritten Geburtstag einen Bauernhof angefertigt. Viele Abende hatte er liebevoll an dem Haus in seiner Werkstatt gearbeitet und die Tiere geschnitzt. Sogar Hanna hätte sich mit elf Jahren noch über ein so wunderschönes Geschenk gefreut.
Jonas war ein kleiner Sonnenschein, der alle zum Lachen brachte. Jeder hatte Zeit für ihn und beschäftigte sich gerne mit ihm. Sein quirliges Kinderlachen erfüllte dieses Haus mit Leben. Kaum war sein dritter Geburtstag vorbei, verkündeten Robert und Marianne ihren Umzug ohne Hanna nach München.
„In drei Jahren passiert viel in einem Ort. Einige haben geheiratet und Kinder bekommen. Ältere Leute sind verstorben. Wir hatten drei neue Schützenkönige, und beim Stammtischturnier sind wir Holzfäller noch unschlagbar. Zwei neue Familien sind hierher gezogen, aber mit denen gibt es keine Probleme. Sie haben sich schnell ins Dorfleben eingefügt, und ihre Kinder sind keine verzogenen Bälger, obwohl sie die ersten Jahre in einer Großstadt aufgewachsen sind. Du weißt ja selber, wie schnell Unfrieden durch Fremde kommen kann, wenn die sich nicht an die Regeln halten wollen. Mit dieser Familie Brenner gab es nur unnötigen Ärger, aber, Gott sei Dank, ist die irgendwann wieder verschwunden. Den Laden hat letztes Jahr Andreas mit seiner Frau übernommen. Er hat Anja geheiratet. Und die Bäckerei gehört nun Felix, weil Werner einen Schlaganfall hatte und nicht mehr arbeiten kann. Maria muss sich jetzt den ganzen Tag um ihn kümmern. Eva ist dann von der Backstube in den Laden gewechselt, damit Maria nicht auch noch dieser zusätzlichen Belastung ausgesetzt war. Felix und Eva werden nächstes Jahr heiraten. Offiziell ist zwar noch nichts, aber die eine oder andere Planung steht schon im Raum. Wenn die beiden Kinder bekommen, wird das Bäckerhaus viel zu klein sein für alle, deshalb wollen sie rechtzeitig anbauen. Der Huberbauer ist bereit, einen Teil seiner Wiese zu verkaufen. Somit können Felix und Eva Maria bei Werners Pflege besser unterstützen. Das sind erst mal die wichtigsten Ereignisse der letzten Jahre. Du wirst in den nächsten Tagen alle wiedertreffen, dann wirst du weitere Neuigkeiten erfahren“, schloss Harald seinen Bericht über die wichtigsten Dorfereignisse im Schnelldurchgang.
„Dann hat sich nicht so viel verändert, fast alles ist beim Alten geblieben“, zog Hanna ein Abschlussresümee.
Sie hatte ihrem Onkel so aufmerksam zugehört, dass sie vergessen hatte, ihren Kuchen zu essen. Das holte sie hastig nach. Sie sprach ihrer Oma ein weiteres Lob für ihre Backkunst aus, was diese aber genauso überflüssig empfand wie das erste.
Es war kurz vor zwanzig Uhr, gleich begann die Tagesschau , dessen Gucken jeden Abend eins der täglichen Rituale war. Für Hanna waren es in der kurzen Zeit bereits genug Rituale. Sie entschied sich für einen Spaziergang, um sich aus dieser beklemmenden Situation zu befreien.
Hanna verließ alleine das Haus und zog sich im Gehen ihre schwarze Fließjacke an. Es war inzwischen wesentlich kühler als am Nachmittag, und routinemäßig steckte sie ihre Hände in die Jackentaschen, um sie zu wärmen.
Читать дальше