Eine alte, vertraute Stimme fesselte sie an das Haus.
„Hallo Hanna, da bist du ja endlich. Wir warten bereits mit dem Essen auf dich. Ich hoffe, es muss nicht aufgewärmt werden. Du weißt doch, dass Opa seine festen Mahlzeiten braucht. Wenn es noch länger dauert, wird er den Rest des Abends schlechte Laune haben“, tadelte ihre Oma sie zur Begrüßung.
Hanna konnte sich nicht daran erinnern, ihren Großvater jemals mit schlechter Laune erlebt zu haben, schon gar nicht wegen aufgewärmtem Essen. Vielleicht hatte sich das ja in den letzten Jahren geändert, vermutete sie und bereitete sich innerlich auf einen Vorwurf von ihm vor.
Die erwartete Vorhaltung blieb aus. Der Großvater freute sich über die Ankunft seiner Enkelin. Er nahm sie in den Arm und streichelte ihr ein wenig zittrig über den Kopf. Er begrüßte sie herzlich.
„Schön, dass du wieder zu Hause bist.“
Lange hielt der alte Mann seine Enkelin umarmt, bis seine Frau alle aufforderte, sich endlich zu setzen. Prüfend fuhr sie mit den Händen an den Schüsseln entlang und befand das Essen für noch ausreichend heiß. Der Reihe nach nahm sie einen Teller nach dem anderen und füllte sie mit Erbsensuppe. Anschließend verteilte sie an alle ein Stück Weißbrot, so wie sie es immer getan hatte. Zuerst bekam ihr Mann seine Portion, dann Harald, anschließend sie. Sie selbst nahm sich immer zum Schluss.
Hanna ließ ein paar Blicke durchs Esszimmer schweifen. Sie musste nicht darüber nachdenken, ob sich etwas verändert hatte. Sie stellte schon beim Betreten des Hauses keine Veränderung festgestellt. Jede Blume stand an ihrem Platz. Die Kissen waren noch in der gleichen Anordnung auf den Stühlen und Sofas wie bei ihrer Abreise. Alle Figuren und Fotos präsentierten sich wie angewachsen auf ihren Plätzen.
Sie hatte nicht wirklich etwas anderes erwartet, und das war auch mit ein Grund, warum sie an ihrem achtzehnten Geburtstag das Haus verließ. Sie brauchte Luft zum Atmen. Hier hatte sie das Gefühl elendig zu ersticken. Sie hatte nur ihre wichtigsten Sachen gepackt, ihr Sparbuch geplündert und war am Bahnhof in den ersten Zug gestiegen, der gerade zur Abfahrt bereit war. So führte sie ihr Weg nach Hamburg. Ihr Zielort war ihr egal, er musste nur weit genug weg von ihrem Zuhause sein.
Ihr neues Leben begann ganz schnell und unkompliziert. Sie fand eine billige Unterkunft in einer Pension und einen Job direkt am nächsten Morgen. Einen zweiten Arbeitsplatz für den Abend erhielt sie drei Tage später. Abends spülte sie Geschirr in einem Restaurant und morgens bediente sie in einem Frühstückscafé.
Die ersten Wochen waren hart für Hanna, denn tagsüber war sie zwischen den Jobs auf Wohnungssuche und konnte sich kaum Ruhepausen gönnen. Durch einen glücklichen Zufall vermittelte ihr ein Kollege im Restaurant die Wohnung eines Bekannten. Dieser zog gerade um, und es gab noch keinen Nachmieter. Wohnung war übertrieben, es war ein winziges Zimmer mit Kochzeile und einem kleinen Bad mit Dusche. Es war allemal günstiger als das Zimmer in der Pension, und eine nervige und überaus neugierige Pensionswirtin gab es auch nicht.
Niemand in dem Haus interessierte sich für Hanna, aber das beruhte auf Gegenseitigkeit. Obwohl sie bereits seit fast drei Jahren in diesem Haus lebte, hatte sie noch nicht alle Nachbarn im Haus gesehen. Ihre kleine Wohnung lag im vierten Stock, was täglich ein längeres Treppenlaufen erforderte. Es gab einen Fahrstuhl, der jedoch dauerhaft außer Betrieb war und nun wie ein stummer Hausbewohner vor sich hinvegetierte.
Manchmal verglich Hanna sich im Vorbeikommen mit dem Aufzug. Jeder Hausbewohner wusste, dass es ihn im Haus gab, doch alle ignorierten ihn. Wenn aber schwere Einkäufe und quengelnde Kinder nach oben zu befördern waren, verfluchten ihn alle aufs Äußerste. Hin und wieder fragte sie sich, ob sie ebenfalls von ihnen verflucht wurde, weil sie diesen Umstand kommentarlos hinnahm. Den Gedanken verwarf sie dann schnell wieder, weil er ihr doch zu absurd erschien. Schließlich kannte sie niemand in diesem Haus.
Sobald sie genug Geld gespart hatte, wollte sie sich nach etwas Besserem umsehen. Aber solange war diese kleine Dachkammer ihr Reich, in dem ihr niemand Vorschriften machte oder Dinge an einen festen Platz stellte, wo sie bis in alle Ewigkeit zu verweilen hatten.
Hanna war nicht nach Reden zumute, doch sie wusste, es würden gleich unzählige Fragen auf sie einprasseln, auf die sie nur mühsam Antworten finden würde. Ihnen die Wahrheit zu sagen wäre vergebliche Mühe. Tief in ihrem Innern kannten sie sie, davon war Hanna überzeugt, aber die wollten sie natürlich nicht hören.
Mit den Fragen würden weitere Vorwürfe kommen, doch da musste sie jetzt und in der nächsten Zeit durch. Sie selbst hatte die Entscheidung getroffen, hierher zurückzukehren. Ob sie letzten Endes gut sein wird ist fraglich. Sie hatte keine Wahl, wenn sie endlich die richtigen Antworten finden wollte.
Hanna hatte jetzt zwei Wochen Urlaub, hoffte aber, dass sie nicht solange werde bleiben müssen. Sie hatte keinen Hunger, obwohl sie viele Stunden unterwegs war. Wenn sie nichts aß, kämen deswegen gleich schon Vorwürfe wie: Bist du jetzt was Besseres gewohnt? Oder: Ist dir unser Essen nicht mehr gut genug? Sie wollte den ersten Abend in Ruhe überstehen und achtete darauf, möglichst wenig Spielraum für spitze Bemerkungen zu lassen.
Hanna fiel es nicht leicht, ihren Besuch anzukündigen. Sie vermied einen Anruf, weil sie nicht wusste, wie sie sich am Telefon verhalten sollte. Sie entschied sich für einen kurzen Brief, der nur wenige Informationen über sie enthielt. Sie schrieb lediglich, sie lebe in Hamburg, es gehe ihr gut, und sie würde am achtzehnten Oktober für ein paar Tage zu Besuch kommen. Der Brief endete mit der Ankunftszeit des Zuges und mit dem Hinweis, dass sie vom Bahnhof direkt zu ihnen kommen werde.
Auf der ganzen Fahrt war sie sich nicht sicher, ob ihr überhaupt Einlass gewährt werden würde. Vor einer verschlossenen Tür zu stehen wäre dann keine Überraschung für sie gewesen. Das müsste sie dann halt so hinnehmen. Es hätte vielleicht auch was Gutes, denn damit nähme man ihr die Entscheidung ab, sich dem Ganzen zu stellen. Ihr Vorhaben machte ihr Angst.
Hanna hatte sich viele Varianten zurechtgelegt, um auf jede Frage ihrer Familie vorbereitet zu sein. Es war heute genau drei Jahre her, als sie wortlos verschwand.
Sie hatte wieder Geburtstag. Seit ihrem Verschwinden hatten diese Tage keinerlei Bedeutung mehr für sie. Vorher schon, denn jeder weitere Geburtstag führte sie zu ihrem langersehnten Ziel- dem achtzehnten Geburtstag, ihre Freiheit.
Trude, Hannas Großmutter musterte sie beim Essen mit vielen Blicken. Die lockere, bunte Kleidung ihrer Enkelin missfiel ihr. Eine schlabberige Hose, in die sie mindestens zweimal passte, und der giftgrüne Pullover mit der langen Zipfelmütze ließen sie in ihren Augen zu einer Clownsfigur werden, über die sich jeder lustig machte. Die vielen bunten Bänder in ihren Haaren rundeten den unvermeidlichen Spott nur noch ab.
Die Großmutter wollte beim Essen keinen Streit provozieren und schob diesen Unsinn auf das verderbliche Großstadtleben. Sie war davon überzeugt, sobald Hanna die ersten Tage wieder zu Hause verbracht hätte, würde sie schon zur Vernunft kommen.
Im Gegensatz zu seiner Frau gefiel Hermann die äußerliche Veränderung seiner Enkelin. Sie hatte sich von einer grauen Maus in einen wunderschönen Schmetterling verwandelt. Er hatte es sich für sie gewünscht, als sie spurlos verschwand. Er hoffte so sehr, dass sie irgendwann glücklich werden würde.
Die letzten zwei Jahre vor ihrem unerwarteten Verschwinden war er sehr besorgt um Hanna gewesen. Ihr ging es zunehmend schlechter, ohne erkennbaren Grund. Oft saß sie schweigend bei ihnen und sah sie alle nur unentwegt an. Sie redete auch nicht mehr viel. Der einzige Grund das Haus zu verlassen war die Schule.
Читать дальше