Opa Wolfgang nickt. „Das kann ich bestätigen, ich war meistens dabei.“
„Halten Sie sich doch raus, Sie unmögliche Person. Immerzu mischen Sie sich ein. Klingeln an meiner Tür und wollen mich belästigen.“
„Nun halten Sie aber mal die Luft an. Ich wollte Sie von der Geburt ihrer Enkelin in Kenntnis setzen. Ihnen somit freundlich einen Schritt entgegen gehen.“
„Ha!!! Wer´s glaubt? Lassen Sie mich jetzt durch, sonst rufe ich wirklich die Polizei. Sie nötigen mich hier zu Gesprächen und Blicken, die ich nicht will. Niemals! Haben Sie das verstanden?“ Nun bemerken sie, dass einige Passanten bereits stehen geblieben sind. Sie lacht höhnisch und ergänzt: „Zeugen stehen ja genug hier rum. Jenny, hast du nun erreicht was du wolltest, mich in der Öffentlichkeit bloß stellen und schlecht machen? Und Sie alle …“, wendet sie sich an die Menschen, „haben Sie nichts Besseres zu tun? Kümmern Sie sich doch um Ihre eigene Brut.“
Opa Wolfgang zieht Jenny sanft aus dem Weg. „Komm, hier ist Hopfen und Malz verloren. Es hat wirklich keinen Sinn. Lassen wir uns den schönen Spaziergang doch nicht von so einer unzufriedenen, unverbesserlichen Frau verderben.“ Er sieht, dass Jenny Tränen die Wangen runter laufen und reicht ihr ein Taschentuch. „Nun weine doch nicht. Du weißt doch wie sie ist. Ich verspreche dir hoch und heilig, dass ich es eben das allerletzte Mal versucht habe.“
Jenny seufzt. „Ich weiß, dass du es gut gemeint hast. Es tut mir nur leid um Natalie. Sie wird ihre Oma nie kennenlernen.“
„Willst du ihr so eine Oma etwa zumuten?“, fragt er entsetzt. „Oder glaubst du bei ihr noch ans Gute im Menschen?“
„Ich weiß auch nicht. Man soll doch die Hoffnung nie aufgeben. Zum Glück hat Natalie wenigstens euch … und ich auch“, ergänzt sie, als ihr auch die Verwandtschaft ihres Vaters in den Sinn kommt. „Warum sind manche Menschen so schlecht?“
Opa Wolfgang zuckt mit den Schultern. „Das weiß ich auch nicht. Solche Fragen kann dir Oma Anni bestens beantworten. Wir fragen sie nachher einfach mal. Lass uns nach Hause fahren und all das Schöne genießen, was wir haben.“
Am Samstag hat es wirklich geklappt. Christine konnte Olli und die Kinder davon überzeugen, den Nachmittag bei Lydia und Alex im Waldhaus zu verbringen. Die Herbstsonne scheint in ihren letzten Zügen zu liegen, jedoch reicht die Wärme aus, dass die Kinder durch den Garten toben können. Lydia hat auf der Terrasse ein großes Buffet aufgestellt mit allerlei Leckereien.
Christine überreicht ihr ein Paket mit noch warmem Kuchen.
„Du musst doch nichts mitbringen. Ich will auch mal alle verwöhnen“, sagt Lydia.
„Lass nur, du kennst doch meine Mutti. Sie bäckt und kocht ohne Unterlass und freut sich sehr, wenn es uns schmeckt.“
Alex streift mit den Jungs um die Bäume, sie schauen nach oben und gestikulieren aufgeregt.
„Was planen die denn?“, fragt Lydia.
„Ich geh mal lauschen“, meint Olli und schleicht von dannen.
Christine lacht. „Männer sind wirklich wie kleine Kinder.“
„Papa, ich sehe dich“, ruft Bertram und klatscht in die Hände.
„Ja, komm zu uns. Alex hat uns was ganz tolles versprochen“, meint Daniel.
„Das sollte doch ein Geheimnis bleiben, du Plaudertasche“, wirft Alex ein.
Richard lächelt Olli an. Er zupft an seinem Ärmel und fordert ihn auf, sich etwas runter zu beugen. Nur allzu gern kommt Olli der Aufforderung nach, denn er macht sich große Sorgen um seinen Sohn. Richard ist ein stilles Kind, spielt in jeder freien Minute Klavier, nur ab und zu malt er. An der frischen Luft trifft man ihn so gut wie nie. Nur wenn Christines Mutter ihn mitnimmt. In ihrer Nähe blüht er auf, erzählt und genießt das Zusammensein. Olli weiß, dass er unter der Trennung leidet und vor allem, weil seine leibliche Mama absolut keinen Kontakt sucht. Ihm scheint das trotz des liebevollen Umgangs mit Christine und Oma Hedi nicht vollkommen über die Trennung hinwegzuhelfen. Ganz anders kann der kleine Bertram seine neue Familie genießen. Er ist immer gutgelaunt, bester Freund aller Tiere auf dem Reiterhof.
Olli seufzt und hört Richard zu. „Papa, Alex wird uns ein Baumhaus bauen, aber das ist ein Geheimnis. Bitte verrate es nicht.“
Olli drückt ihn an sich und flüstert ihm ins Ohr: „Großes Indianerehrenwort. Ich verpetze euch nicht. Darf ich mitbauen? Frag mal Alex, bitte.“
Richard nickt und geht zu Alex. Auch ihn bittet er, sich zu bücken. Daniel und Bertram zieht er mit hinzu und bringt mit leuchtenden Augen seine Bitte vor.
„Na klar, das wäre toll“, sagt Alex. „Zwei starke Männer für die Schachtarbeiten und schweren Balken. Und drei Zwerge für die Planung und den leichten Rest. Abgemacht.“ Er hält seine Hände hin und alle klatschen ein.
„Männer, ich sage es ja. Zumindest sind sie jetzt beschäftigt.“ Christine setzt sich auf die Hollywoodschaukel, schließt ihre Augen und schwingt sanft hin und her. „Manchmal vermisse ich die Ruhe hier.“
„Du kannst gern öfter kommen und entspannen“, sagt Lydia.
„Ach, dann mache ich mir nur Gedanken, was alles liegenbleibt im Haushalt und in der Schneiderwerkstatt. Ich habe so viel um die Ohren.“
„Das glaube ich dir. Fünf Kinder und eine eigene Firma. Es ist sicher nicht leicht, alles unter einen Hut zu bekommen.“
„Zum Glück macht mir das alles viel Freude, sogar die Wäsche. Wir haben uns jetzt eine zweite Waschmaschine gleich mit Trockner angeschafft. Bertram und Daniel sind ständig schmutzig. Ich hätte nicht gedacht, dass Trainingsklamotten vom Fußball dermaßen in Mitleidenschaft gezogen werden.“
„Sei froh“, wirft Lydia ein, „dass er ein Hobby gefunden hat, bei dem er sich auspowern kann. Vielleicht wird er mal Profi, dann hat er ausgesorgt.“
„Und Bertram wäre sicher glücklich, wenn er im Stall übernachten dürfte. Er und die Tiere, das ist wie eine Einheit. Egal ob Pferd, Hund, Kaninchen oder Ente, er schleppt alle rum und versucht, sie zu dressieren. Letztens fanden wir ihn auf der Koppel bei dem Hengst. Das ist sehr gefährlich, eigentlich. Scheinbar nicht für ihn. Wir haben es ihm trotzdem verboten. Nun klettert er auf den Zaun, ruft ihn und verwöhnt ihn mit Möhren.“
„Toll, wenn er mit Tieren aufwächst, dann bekommt er ein sensibles Händchen für sie und kann mal Tierarzt oder Tierpsychologe werden. Ich sehe das schon vor mir. Wie geht es denn Tilly? Sie habe ich schon länger nicht mehr gesehen.“
„Sie hat viel zu tun für die Schule. Ich bin erleichtert, dass sie das Lernpensum schafft und gute Noten bekommt. Im Haushalt hilft sie viel, leitet die Jungs an, mitzuhelfen, indem sie aus allem ein Spiel macht. Socken sortieren zum Beispiel. Bertram fiel dabei wieder aus der Rolle und hat sich einen Spaß daraus gemacht, indem er immer zwei Socken, jedoch nie die passenden, zusammenrollte. Sein schelmischer Blick war Gold wert, weil Daniel es nicht mal merkte und mit unterschiedlichen Strümpfen in die Schule gegangen ist. Nicht, dass du denkst, er wurde ausgelacht und hat sich geschämt. Nein, er kam nach Hause und erzählte stolz, dass seine Mitschüler das megacool fanden und nun auch andere so zum Unterricht erscheinen. Warum soll man Kinder noch zur Ordnung erziehen? Lassen wir sie ihre Fantasie ausleben und glücklich sein.“
„Solange die Klamotten sauber und hygienisch sind, ist dagegen doch nichts einzuwenden. Stell dir mal unsere Eltern vor, wenn wir damals so rumgelaufen wären …“
Sie lachen laut und prosten sich mit Prosecco zu.
„Ihr scheint ja Spaß zu haben ohne uns.“ Olli lässt sich neben Christine auf die Schaukel fallen. „Upps, sorry, das wollte ich nicht. Warte ich gieße dir noch mal ein.“
„Olli, du bist mein größtest Kind“, sagt Christine und gibt ihm einen Kuss.
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