„Hmmm …“
„Lass dir ruhig Zeit.“ Vom Obergeschoss ist lautes Poltern und Kindergeschrei zu hören. Christine steht auf. „Ich schaue mal nach, ob ich noch was retten kann.“
„Nichts kaputt, Mama“, schreit Daniel die Treppe runter.
Tilly kommt gerade zur Haustür herein und lacht. „Warte, Mama, ich geh schon und beschäftige sie. Jungs, ich komme. Ich glaube auf euren Wunschzetteln für den Weihnachtsmann ist noch etwas Platz.“
„Juhu, Geschenke …“, hört Christine Bertram jubeln und ist sich sicher, dass nun für längere Zeit Ruhe einkehren wird.
Als sie zurück ins Wohnzimmer kommt hört sie ein weiteres: „Hmmm …“
„Oh, so schlimm?“
„Nein. Alles gut vorerst“, versucht er sie zu beruhigen. „Es gibt nur ein kleines Problem mit dem Familiennachnamen. Ob Wagner möglich ist, muss ich erst prüfen.“
„Warum das denn?“, fragt Christine leicht verärgert.
„Ich will dich nicht verunsichern, aber das hängt mit meiner Schweigepflicht zusammen. Olli wird das dann entscheiden müssen. Lass ihm etwas Zeit.“
Christines Gesichtsausdruck wechselt nun von irritiert zu besorgt. „Muss ich mir Sorgen machen?“
„Nein, warte einfach ab.“ Er blättert in den Unterlagen. „Ich schaue gleich mal weiter alles durch, ob mir etwas Rätsel aufgibt. Dann kann ich sofort nachfragen und muss später nicht erst anrufen oder einen neuen Termin machen.“
„Ja, das ist gut so. Dann lasse ich dich jetzt allein. Ich muss in meiner Schneiderwerkstatt noch einiges erledigen. Bin bald wieder zurück.“
Nach einer Stunde verabschiedet sich Kolja mit den Worten: „Christine, mach dir nicht so viele Gedanken über Olli. Ich muss mich an meine Schweigepflicht halten, möchte dich jedoch etwas beruhigen. Es ist keine schlimme Nachricht, die Olli bekam. Eigentlich eine gute. Aber das muss er dir selbst berichten. Mach´s gut, ich melde mich, wenn die Anträge unterschriftsbereit sind.“
„Ich danke dir. Bis bald.“
Auch heute ist es ein Kommen und Gehen. Kaum ist Koljas Wagen auf die Hauptstraße abgebogen, sieht Christine Lydias Auto heranfahren. Auch Alex ist dabei. Sie winkt ihnen zu.
„Wer war das?“, fragt Lydia. „Du schaust unglücklich aus. Hast du schlechte Nachrichten bekommen?“
„Kommt erst mal rein. Ihr könnt gleich mit uns zu Abend essen. Ab in die Küche.“ Christine ruft nach oben. „Jungs, Lydia und Alex sind da. Wir werden gemeinsam essen.“ Sie lauscht. „Ich werde mir ein Megafon anschaffen müssen. Die hören wieder mal nichts.“
„Lass nur.“ Alex stürmt die Treppe hoch. „Ich mache das schon. Ihr könnt euch in Ruhe unterhalten. Außerdem kann ich so ganz nebenbei die Zähnchen meiner jungen Patienten kontrollieren. Das wird sie sicher freuen.“
Christine schüttelt amüsiert den Kopf.
„Na, die werden begeistert sein“, ruft Lydia ihm hinterher.
„Ist doch toll, wenn man einen Zahnarzt im Freundeskreis hat“, meint Christine. „Ich muss die Kinder nicht mehr ermahnen ihre Zähne zu putzen. Bei uns heißt es nur noch: `Alex lässt grüßen.´“
„Hihihi, das werde ich ihm mal stecken, dass er hier der Gebiss-Buhmann ist.“
Der Jubel der Jungs ist groß, als sie Alex sehen.
„Spielst du mit uns Räuber?“, fragt Bertram.
„Klar, wenn ich der Hauptmann sein darf. Wo ist meine Augenklappe?“
„So viel zum Buhmann. Sie lieben ihn. Er wird sicher mal ein toller Papa.“
„Später vielleicht“, antwortet Lydia. „Wir sind uns einig, dass wir erst mal unsere Zweisamkeit genießen. Und wenn uns jetzt schon der Sinn nach Kindern steht, dann sind wir bei euch hier sicher jeder Zeit willkommen und können uns vorerst mit euren Rangen austoben.“
„Gerne, das wissen wir zu schätzen. Nun sag aber, weshalb ihr kommt. Dass es Neuigkeiten gibt und deshalb der Anwalt da war, konntet ihr ja nicht wissen.“
„Das war euer Anwalt? Ist der in einen Jungbrunnen gefallen? Oder hat der Chef nur den Lehrling geschickt?“
„Nein, der alte Jurist musste seine Kanzlei schließen und hat unseren Fall an seinen Nachfolger übertragen.“
„Hach! Na da kann er gleich beweisen, ob er während des Studiums gut aufgepasst hat und klar kommt mit dem Sortieren eures familiären Durcheinanders.“
„Er macht das schon.“
„Christine“, beginnt Lydia, „ich bin gekommen, weil ich mal wieder mit dir reden muss. Aber erst mal zu euren Sorgen. Welche schlimmen Nachrichten hat der Anwalt euch überbracht? Könnt ihr nun doch nicht heiraten und die Kinder adoptieren? Ach, das würde mir leid tun.“
Christine schüttelt den Kopf. „Nein, die Anträge laufen. Kolja ist zuversichtlich, dass alles problemlos über die Bühne gehen wird … außer …“
„Kolja? Wer ist Kolja?“
„Der Anwalt, er hat uns das DU angeboten. Er ist sehr nett und hat sich über die Kinder amüsiert. Bertram hielt ihn für einen König. Die Geschichte erzähle ich dir später, sag erst mal, was du auf dem Herzen hast.“
„Es geht um Jutta, aber das hat Zeit. Wichtiger ist mir … also ich weiß noch nicht, weshalb du so sorgenvoll dreinschaust.“
„Hallo Lydia.“ Tilly kommt mit dem Baby auf dem Arm herein und freut sich sehr, ihre Patentante zu sehen. Rebekka streckt ihre Ärmchen nach Christine aus, sodass Tilly sie übergibt. „Mama, hast du schon was von Olli gehört?“
„Nein. Ich reiße ihm den Kopf ab, wenn er nach Hause kommt. Uns einfach so im Ungewissen zu lassen.“
„Olli?“, fragt Lydia. „Ich weiß wo er ist. Nun sagt doch endlich, was los ist.“
„Wo ist er???“, platzen Tilly und Christine zeitgleich heraus.
„Im Büro. Als ich gehen wollte, kam er angehastet. Total durchgeschwitzt. Ich dachte, er war joggen. Er hat mir einen schönen Feierabend gewünscht. Mehr weiß ich nicht.“
„Oh Mann, hätte er wenigstens den Brief hiergelassen …“, sagt Tilly.
Christine schüttelt den Kopf. „Der ist privat, den würde ich ohne seine Erlaubnis nicht lesen. Obwohl es mich in den Fingern juckt.“
„Welchen Brief? Von Sybille?“
„Nein, von der hören wir nur über ihren Anwalt. Außer … sie wäre jetzt in Amerika“, sagt Christine. „Der Brief kam aus den USA. Also ich wüsste nicht, wer Olli über unseren Rechtsbeistand kontaktiert und ihn dermaßen aus der Fassung bringt.“
Lydia zuckt mit den Schultern. „Warte einfach ab. Es wird sich alles aufklären. Kennst ja Olli … immer alles mit sich allein ausmachen und erst wenn er eine Lösung hat, dann überfällt er uns. Das war doch schon immer so.“
Da Rebekka unruhig wird, bietet Tilly an, sie ins Bett zu bringen. „Oma hat sie bereits fertig gemacht. Ich lege sie hin und mache danach Abendessen. Lydia, esst ihr mit uns?“
„Ja, das wäre toll. Alex ist bei den Jungs und wird dir sicher helfen.“
Tilly nimmt ihrer Mama das Baby ab. „Komm, Schwesterchen. Da will ich dich mal ins Land der Träume befördern.“
Lydia schaut verträumt hinter den beiden her. „Hach … ist die Kleine süß. Es ist toll von euch, dass ihr sie aufgenommen habt.“
„Du sagst es, sie ist süß. Aber sicher auch, weil sie hier sehr viel Liebe bekommt. Irgendjemand ist immer bei ihr. Das macht sicher auch viel aus. Und außerdem ist sie Tillys Halbschwester und auch die von Bertram und Richard. Tilly musste mich nicht lange überzeugen, auch ihre Mama zu werden. Und bei Olli genügte ein Blick und schon war es um ihn geschehen. Du weißt ja, wie er zu Kindern steht. Wenn es nach ihm ginge, könnten hier noch mehr für Stimmung sorgen. Aber nun erzähle doch mal, was mit Jutta ist. Hat sie Probleme mit ihrer Tochter? Ihr sagtet doch, Jenny hätte sich so sehr zum Positiven verändert. Und mit ihrem Baby hat Jutta sicher nicht viel zu tun, da ihre Schwiegermutter in ihrer Oma-Rolle mehr als aufgeht und ihr die Betreuung sowie alle Arbeiten abnimmt.“
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