Er fasst nach ihrer Hand, hopst neben ihr her in Richtung Haus und singt: „Ein König kommt, ein König kommt, er kommt uns gleich besuchen.“
Pünktlich 17 Uhr sitzen Olli, Christine und die Kinder aufgeregt im Wohnzimmer.
Als ein Auto vorfährt laufen sie zum Fenster. Bertram ist enttäuscht. „Das ist kein König. Och, schade“, sagt er und geht wieder zu seinem Platz.
Olli schüttelt den Kopf. „Nein, das ist eher ein Prinz, so jung wie der ausschaut. Vielleicht hat unser neuer Anwalt nur seinen Praktikanten geschickt.“
„Nun warte doch erst mal ab“, beschwichtigt ihn Christine.
Olli öffnet die Tür, um ihn willkommen zu heißen.
Bertram lugt hinter seinem Papa vor und fragt: „Bist du ein König oder ein Prinz oder nur der Praktikant?“
Erstaunt zieht der junge Mann die Brauen nach oben.
„Kommen Sie erst mal rein“, sagt Olli. „Und gehen Sie gleich durch ins Wohnzimmer. Sie werden sehnsüchtig erwartet.“
„Sie trinken doch sicher einen Kaffee mit uns?“, fragt Christine, um ihre Aufregung zu überspielen.
„Gern“, antwortet er und zieht geräuschvoll Luft durch die Nase.
Bertram reißt entsetzt seine Augen auf: „Ich müffel nicht, Mama Christine hat mich gebadet.“ Er ist den Tränen nahe.
„Nein, nein“, erwidert der Anwalt. „Ich genieße den Duft eurer Kaffeetafel. So leckeres Gebäck konnte ich schon lange nicht mehr schlemmen.“
„Dann greifen Sie zu“, fordert Olli ihn auf und verteilt die Pflaumentarte.
Der schweifende Blick des jungen Mannes verrät auch Christine, dass er sich einen ersten Überblick über die Familie verschafft. Alle sind aufgeregt, benehmen sich aber vorbildlich.
Als er bemerkt, dass er beobachtet wird, lächelt er freundlich. „Keine Angst, ich beiße nicht. Sie sind einer meiner ersten Fälle … und gleich so ein umfangreicher Auftrag.“
„Mit uns hast du zu tun wie in der Ernte“, sagt Daniel. Als alle lachen, ergänzt er: „Was??? Das sagt Onkel Heinrich doch auch immer.“
Christine winkt ab und versucht den Anwalt zu beruhigen. „Keine Angst, ich habe alles übersichtlich aufgeschrieben und alle Dokumente bereitgelegt.“
Er kramt in seinem Aktenkoffer und holt einen Block und den Terminkalender heraus. „Das ist gut. Wir werden alles in Ruhe der Reihe nach erledigen, Herr Wagner.“
„Sagen Sie doch einfach Olli zu mir, wenn es die Amtshandlungen erlauben.“
„Ja und ich bin Christine, noch Schumann und das sind unsere Kinder, also nicht unsere, nur meine und Ollis … ja, womit wir schon beim Chaos wären.“
„Hallo, ich bin Tilly Schumann, das älteste Kind und die Zwerge sind …“, sie zeigt auf die Jungen und fordert sie mit einer Handbewegung auf, sich selbst vorzustellen.
„Richard Wagner“, flüstert Richard.
„Bertram Wagner“, ruft der Kleine aus und ergänzt: „aber ich will wie Tilly, Mama Christine heißen … und wie Daniel.“
„Das geht doch nicht“, sagt Richard.
„Klar, geht das, wir sollen doch sagen, was wir wollen und ich will das so.“
„Du Dödel“, ruft Daniel, „wir wollen doch alle Wagner heißen nach der Hochzeit.“
Bertrams Gesicht zieht sich zusammen. „Dann eben nicht.“ Er kreuzt seine Arme vor der Brust. „Ich habe extra gebadet, damit ich nicht müffle und mich fein angezogen, damit ich wie Mama Christine heißen kann.“
„Bertram“, sagt Christine, „warte ab, alles wird gut.“
Der älteste der Jungen stellt sich nun vor. „Ich heiße Daniel Schumann und möchte von Oliver Wagner adoptiert werden und dann Daniel Wagner heißen.“ Höflich streckt er seine Hand aus.
„Wow, seid ihr alle gut erzogen.“ Der Anwalt ist sichtlich beeindruckt. „Wie wäre es wenn wir Namenskärtchen verteilen, die ihr euch anheftet, dann habe ich schneller einen Überblick.“
„Tilly, hol doch bitte Klebezettel. Das machen wir umgehend“, sagt Olli.
Der Anwalt legt ein Kärtchen auf den Tisch. „Ich stelle mich dann auch mal noch kurz förmlich vor. Hier ist meine Visitenkarte.“
„Kolja Michael König-Sandro … no … witzsch, Anwalt, Familienrecht“, liest Daniel stotternd vor. „Oh, das bekomme ich nicht hin, obwohl ich gut im Lesen bin.“
Der Anwalt lacht. „Nennt mich einfach Kolja, das würde mich freuen.“
„Und wo steht da genau, dass er wirklich ein König ist?“, fragt Bertram dazwischen und reißt Daniel das Kärtchen aus der Hand. Er kann gar nicht glauben, was er gehört hat. Wieder lachen alle. „Was??? Mama Christine hat gesagt, dass der Anwalt unser König ist und Daniel hat es vorgelesen. Stimmt´s, Mama Christine?“
„Ja, so ungefähr“, sagt sie. „Ein Anwalt hat die Macht, uns zu unserem Recht zu verhelfen. Und König ist nur sein Name. Welch ein Zufall, das wussten wir nicht.“
Kolja nickt. „Von meiner Mutter habe ich den Königstitel. Mein Vater ist Russe. Sie konnten sich bei meiner Namensgebung nicht einigen.“
Bertram runzelt seine Stirn. „Aber … wenn dein Papa der König ist … dann bist du doch nur ein Prinz.“
Bevor wieder alle losprusten vor Lachen, klärt Olli ihn auf. „Sein Nachname ist König, so wie deiner Wagner ist. Verstehst du das jetzt?“
Bertram denkt angestrengt nach. „Ja, aber ich will Schumann heißen, wie Mama Christine.“
Olli seufzt. „Darüber reden wir noch, versprochen.“
Kolja winkt ab. „Ich merke schon, es wird nicht leicht mit euch. Ach Olli, bevor ich es vergesse, ich muss dir diesen Brief geben. Der lag in den Unterlagen, die mir euer bisheriger Anwalt übergeben hat.“
Olli nimmt das Schriftstück entgegen, schaut auf den Absender und fragend zu Kolja.
„Wow, kann ich die tolle Briefmarke haben?“ Daniel streckt Olli seine offene Hand erwartungsvoll entgegen.
„Wow, du bekommst aus den USA Post?“ Christine macht einen langen Hals, um den Absender genau erkennen zu können.
Olli setzt sich neben Christine und öffnet den Umschlag. Er liest den Inhalt, seine Gesichtsfarbe wechselt von rot zu blass. Immer wieder schüttelt er seinen Kopf. „Das darf doch nicht wahr sein?!“, ruft er aus und springt auf. Mit dem Brief in der Hand, läuft er zur Tür. „Ich muss raus hier“, sagt er und ist schon verschwunden.
„Was war das denn?“ Christine schaut Kolja erwartungsvoll an.
„Tut mir leid, darüber darf ich keine Auskunft geben.“
„Olli bringt mich mit seiner Geheimniskrämerei noch um den Verstand.“
„Auch, wenn er jetzt nicht anwesend ist“, sagt Kolja, „reden wir über die Adoptionen. Christine, gib mir bitte alle Unterlagen. Wenn die Jungs wollen, können sie vorerst spielen gehen. Ihre Wünsche haben sie bereits deutlichgemacht.“
Das lassen sich die Drei nicht zweimal sagen. Mit Indianergeheul verlassen sie das Wohnzimmer und stürmen nach oben in ihre Zimmer.
„Mama, soll ich Becky bei Oma abholen?“, fragt Tilly.
Christine nickt ihr zu. „Ja, das wäre lieb von dir.“
Danach wendet sie sich Kolja zu und erwartet seine Fragen.
„Hier ist ein Stammbaum“, erklärt sie ihm. „Ich bin Christine geb. Schumann, ledig, meine Kinder sind Tilly, 16 Jahre alt und Daniel ist sieben. Ich möchte Olli heiraten und er meine Kinder adoptieren. Die leiblichen Väter haben nichts dagegen. Einverständniserklärungen sind hier beigefügt.“
„Super übersichtlich, danke.“
„Ich habe zu danken“, erwidert Christine. „Und hier ist Ollis amtliches Zeug. Er ist geschieden von Sybille von Schönbeck, die die Mutter von Richard und Bertram und auch dem Baby Rebekka ist. Die beiden Jungs stammen aus der Ehe mit Olli. Er hat das alleinige Sorgerecht. Sybille hat der Adoption durch mich bereits zugestimmt. Ach ja, das Baby Rebekka … das hat uns Sybille in die Wiege gelegt. Sie fühlt sich nicht zur Mutter berufen, möchte eher ein ungebundenes Leben. Der Erzeuger ist ein Herr Max Schöne, der ebenfalls der Erzeuger meiner Tochter Tilly ist, eine lange unschöne Geschichte, die hier nicht zur Diskussion steht. Jedenfalls ist Rebekka noch während der Ehe von Sybille und Olli geboren, sodass er rechtlich ihr Vater ist. Herr Schöne lehnt jegliche Verantwortung, wie auch bereits für Tilly ab, sodass Olli sich als Vater hat eintragen lassen. Und ich adoptiere sie dann auch. Bitte sortiere dieses Kuddelmuddel und prüfe, ob das so rechtlich möglich ist. Für uns ist das okay. Wir haben lange und gründlich darüber nachgedacht. Unser Entschluss steht fest, wir möchten rechtmäßig Mama und Papa aller Kinder werden und alle Wagner heißen. Es soll zum Besten der Kinder sein.“
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