„Ich weiß auch nicht“, meint Lydia. „Ich habe ja keine Erfahrung mit dem Muttersein, aber mein Gefühl sagt mir, dass Jutta nicht glücklich ist. Sie arbeitet seit kurz nach der Geburt von Natalie bereits wieder in der Agentur, kommt früh beizeiten und hat es abends nicht eilig, nach Hause zu gehen. Frage ich sie nach Jenny oder dem Baby, antwortet sie nur kurz: `Ja, alles okay.´ oder `Weiß ich nicht, muss ich Schwiegermutter mal fragen.´ Sie stürzt sich in die Arbeit, als müsste sie alles allein erledigen. Sie ist früh als Erste da und bleibt bis es dunkel wird. Das ist doch ungesund und nicht normal. `Lass nur, Lydia, das kann ich doch machen´, sagt sie ständig. Dabei können wir froh sein, dass Olli und Markus unsere Chefs sind und unsere Freundschaft einen größeren Spielraum lässt, auch was persönliche Dinge angeht. Ich habe beiden schon erklärt, dass ich keine Arbeit an Jutta abschiebe, sondern sie mir diese regelrecht aus den Händen reißt und dass mir ihr Verhalten ein Rätsel aufgibt. Olli wollte ihr ins Gewissen reden, und Markus hat traurig abgewunken. Er sagte, dass auch er nicht an sie rankommt, sie Gespräche abblockt und er das Gefühl hat, dass sie sich zu Hause nicht wohlfühlt. Er befürchtet, dass ihre Beziehung der Belastungsprobe vielleicht nicht stand halten wird und das, obwohl Jutta sich ja nichts sehnlicher gewünscht hatte, als endlich eine liebevolle Familie zu haben. Hast du einen Rat?“
„Hmmm“, macht Christine. „Juttas Schwiegermutter ist fast täglich mit Natalie bei meiner Mutti. Die beiden hüten die Babys um die Wette. Ich habe den Eindruck, dass das allen gut tut. Wir können nur Vermutungen anstellen, wo Juttas Problem liegt.“
„Kannst du nicht mit den beiden darüber reden. Deine Mutti hat doch immer einen guten Rat, und wir warten noch ab, wie Juttas Schwiegermutter die Sache einschätzt. Mit Vermutungen spekuliere ich nicht mehr. Dabei kann man so danebenliegen, so entstehen bloß Gerüchte. Irgendjemand Außenstehendes sollte Jutta mal auf den Zahn fühlen.“
„Alex?“, fragt Christine, die denkt, dass das eine Anspielung auf ihn ist.
„Siehst du, wie schnell man falsch liegt? Ich meinte das umgangssprachlich, also keinen Zahnarzt. Ein Allgemeinmediziner oder Psychologe wäre da geeigneter.“
„Essen ist fertig.“ Die Jungen kommen angerannt und umarmen Lydia nacheinander.
Mit dem Öffnen der Tür kommt ein Duft aus der Küche geweht, der Lydia begeistert ausrufen lässt: „Oh mein Gott, riecht das lecker. Was habt ihr gezaubert?“
„Pizzzaaaaaa“, rufen alle drei begeistert aus und Daniel fügt hinzu: „Kommt schnell, sonst essen Tilly und Alex uns alles weg.“
„Jenny, gut, dass du kommst“, begrüßt Oma Anni ihre Stiefenkelin im Vorgarten. Sie schaukelt den Kinderwagen kräftig hin und her. „Natalie bekommt scheinbar Zähnchen und ist heute sehr unleidlich.“
„Einen Moment noch, ich ziehe mich nur schnell um. Dann habe ich Zeit für sie.“ Jenny stellt ihr Fahrrad ab und geht ins Haus.
Oma Anni schiebt den Kinderwagen in den Garten und sagt zu ihrem Mann: „Toll, dass wir diesen schönen Herbsttag auf der Terrasse genießen können. Komm, Wolfgang, halt du mal das Baby. Ich werde Jenny etwas zu essen machen. Sicher hat sie wie immer vor lauter Tierliebe sich selbst vergessen.“
„Na, komm zu deinem Opa“, sagt er zu der Kleinen und setzt sie sich auf den Schoß. „Bei Opa Wolfgang ist es doch am gemütlichsten.“
„Aber nur, weil dein Bauch so weich ist“, lacht Oma Anni. „Du solltest wirklich etwas für deine Fitness tun. Und pass auf, dass du nicht wieder einschläfst und sie von dir runter rollt. Auf dem breiten Sofa im Wohnzimmer ist das kein Problem, jedoch hier würde sie auf die Fliesen klatschen.“
„Übertreib doch nicht immer so.“ Er winkt ab. „Ich bin noch nicht hilfebedürftig. Manchmal denke ich, du gönnst mir die Kuscheleinheiten mit meiner süßen Enkelin nicht. Ich gehe ganz vorsichtig mit ihr um und behalte die möglichen Gefahren im Blick.“
„Ach Quatsch. Ich gönne dir alles, das müsstest du wissen.“
„Ja, ja, Oma Anni ist eine Glucke, meine liebe Natalie. Ich werde aufpassen, dass sie dir später etwas Freiheit gönnt. Jetzt machen wir zwei ein kleines Nickerchen.“
Natalie quengelt noch etwas herum, bis sie eine bequeme Liegeposition gefunden hat und atmet tief ein. Opa Wolfgang streichelt ihr sanft über den Kopf und schaut sich um. `Es ist so toll, dass es mit dem Kauf dieses Zweifamilienhaus mit tollem Garten geklappt hat´, denkt er . `Hier können wir friedlich unseren Lebensabend genießen. In unmittelbarer Nähe zu unserem Sohn und seiner neuen Familie.“
„Pssst“, macht er zu Jenny, als diese auf die Terrasse gestürmt kommt.
Die setzt sich neben ihn. „Super, machst du das.“
„Lass das Oma Anni nicht hören“, flüstert er. „Sonst entreißt sie mir die Kleine. Sie will ja hier die Super-Oma-Heldin und Oberglucke sein.“
Jenny grinst. „Mir knapst sie auch immer mehr Babykuschelzeit ab, wenn ich Natalie ins Bett bringe. Gestern sagte sie, dass doch ein Lied reichen würde. Ich würde Natalie sonst von ihrem erholsamen Schlaf abhalten. Ha! Nun habe ich einfach festgelegt, dass ich etwas eher nach Hause komme, sie bade und füttere. Sie soll schließlich merken, dass ich für sie da bin. Oma hängt schon den ganzen Tag mit ihr ab.“
„Was höre ich da?“ Oma Anni stellt vor Jenny einen Teller und ein Glas auf den Tisch.
„Hmmm, danke, danke, danke. Hmmm, Spaghetti Bolognese. Ein Traum. Woher weißt du, dass ich hungrig bin?“
„Jenny, wann bist du mal satt nach Hause gekommen?“
„Ja, das waren noch Zeiten, als Janek bei uns wohnte. Die Abstecher mit ihm zu McDonald vermisse ich und ihn auch. Es tut mir leid, dass ihr euren Enkel nicht mehr täglich hier habt.“
„Wir vermissen ihn auch. Aber ihm geht es gut bei seiner Mutter und das ist die Hauptsache“, meint Oma Anni.
„Stimmt. Außerdem hat er dort ideale Trainingsmöglichkeiten. Hier gibt es weit und breit keine Schule mit Pferdesport-Profil. Er will Jockey werden, da ist das ideal. Und die Wochenenden mit ihm könnt ihr viel besser genießen, weil er dann anwesend ist, nicht wie bisher nach der Schule sofort in den Reitstall muss und abends müde ins Bett fällt. Ich wäre froh, wüsste ich schon, für welchen Beruf ich mich entscheiden soll.“
„Hast du schon eine Richtung?“, fragt Opa Wolfgang.
Jenny wiegt den Kopf hin und her. „Ich weiß eher, was ich nicht werden will.“
„Also gehst du nach dem Ausschlussprinzip vor. Na ja, das ist zumindest ein Anfang.“
„Unser Tierarzt Doktor Dilling hat mir eine Ausbildung angeboten und gesagt, dass er mich sogar der Leiterin des Tierparkes als Lehrling empfohlen hat.“
„Klasse“, wirft Oma Anni ein und strahlt über das ganze Gesicht. „Ich wusste es doch.“
„Hast du da deine Finger im Spiel?“, fragt Opa Wolfgang.
„Nein, nein. Das hat sie sich selbst erarbeitet. Ich wusste vom ersten Augenblick an, dass viel in dir steckt, Jenny.“
„Erinnere mich bloß nicht an unser Kennenlernen. Damals war ich so wütend.“
„Aber nicht auf uns.“
„Nein, auf Mama und unsere Familie. Die sollten sich von euch eine Scheibe abschneiden.“ Jenny schließt die Augen, um diese unschönen Gedanken wieder zu verbannen. „Ich war noch nie in meinem Leben so glücklich wie jetzt. Und das verdanke ich hauptsächlich euch.“
„Na, na, nun übertreibe nicht. Deine Mama liebt dich auch.“
„Vielleicht, aber sie kann es nicht zeigen. Man muss eben nehmen was man kriegen kann und damit zufrieden sein.“
„Solch weise Worte aus so einem jungen Mund“, sagt Oma Anni und seufzt. „Schau mal, jetzt ist Opa wirklich eingenickt.“
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