Es waren etwa zweihundert Mann, auf dem Weg nach Norden, wo sie auf ein größeres Heer des Fürsten treffen sollten. Iri und die drei Blutschwertmänner, die seinen Trupp bildeten, hatten den Befehl bekommen, sich ihnen anzuschließen. Im Norden wartete ihr eigentlicher Auftrag auf sie.
Sie ritten am Ende der Kolonne, achteten darauf, den Soldaten nicht zu nahe zu kommen. Trotzdem gab es immer wieder verstohlene, unbehagliche Blicke auf ihre Schwerter.
„Ich glaube, wenn ich nur die Hand an mein Schwert lege, wird ihnen die Scheiße an den Beinen herablaufen”, sagte Kert, der neben ihm ritt.
Iri lachte.
„Ich wette, einige von ihnen sind schon einmal einem Blutschwertmann begegnet”, sagte Gymir. Er und Grani ritten hinter Iri. „Sie haben diesen Blick. Ich kenne diesen Blick. Ich habe ihn oft gesehen.”
„Wir alle haben ihn oft gesehen”, sagte Iri. „Selbst wenn sie noch nie einen Blutschwertmann gesehen haben, haben sie von uns gehört.”
Kert schnaubte verächtlich. „Sie wissen nicht, ob sie mehr Angst vor uns oder vor den Aelfen haben.”
„Sie sollten mehr Angst vor uns haben”, sagte Grani trocken.
Die anderen drei lachten. Einige der vor ihnen marschierenden Soldaten drehten sich um und schauten misstrauisch.
„Wenn sie es tun”, sagte Iri, „sind sie verrückt. Keiner von diesen Bauern hat jemals Aelfen gesehen. Sie wissen nicht, was ihnen bevorsteht. Sie halten ihre Äxte, als ob sie Bäume fällen wollten. Sie werden es gar nicht merken, wenn die Schatten über sie kommen.”
Kert spuckte aus. „Die Soldaten des Fürsten sind auch nicht besser.” Er lachte grimmig. „Krieg gegen die Aelfen! Sie glauben, sie können sie schlagen wie ein Heer ihrer Nachbarn. Eine Schlacht und dann ist alles vorbei. Was glauben sie, was sie gewinnen werden?”
„Ist mir egal, was sie gewinnen wollen”, sagte Iri kühl. „Es geht nur darum, so viele Aelfen zu töten wie möglich.”
Die anderen schwiegen. Sie teilten seinen Hass nicht, aber sie waren Blutschwertmänner und würden jeden töten, wenn die Schwerter erwachten. Eigentlich war die Angst der Bauern vor ihnen berechtigt. Iri lächelte. Noch schliefen die Schwerter. Sie würden sie später wecken.
Die Soldaten marschierten auf einem staubigen Sandweg, der an einem Fluss entlangführte. Iri kannte seinen Namen nicht und machte sich nicht die Mühe zu fragen. Es war flaches Land. Auf ihrer Seite des Flusses gab es nur hier und da Bäume, am anderen Ufer standen sie dichter. Aber dazwischen, über dem Wasser, konnte man weit in die Ferne sehen. Weiße Wolken am blauen Himmel. Das Gras zwischen Weg und Fluss leuchtete hellgrün im Sonnenlicht. Es war ein idyllischer Anblick. Schaute man aber in die Gesichter der Soldaten, hätte man meinen können, sie seien auf dem Weg in die Hölle.
Der Staub des Weges legte sich wie ein Schleier auf Iris Stiefel und Hose. Er betrachtete es unwillig, beugte sich immer wieder hinab und wischte und klopfte, bis die Sachen wieder einigermaßen sauber aussahen. Seine Gefährten sagten nichts dazu. Sie hätten nicht einmal etwas gesagt, wenn er auf seinem Pferd getanzt und wie ein Hahn gekräht hätte. Man sagte nichts zu Iri, das ihn verärgern konnte. Nicht, wenn man bei Verstand war.
Gelegentlich kam der Zug an einem Gehöft vorbei. Fast alle waren verlassen, aber hier und da gab es einige Standhafte, die sich weigerten, ihr Heim aufzugeben. Der Hauptmann des kleinen Heeres riet ihnen, sich nach Süden zu begeben, aber sie schüttelten nur verstockt die Köpfe. Die Bauernsoldaten verstanden sie nicht. Wenn sie die Wahl gehabt hätten, wären sie sofort umgekehrt.
Bauern! Iri verachtete sie. Sie waren das Schlachtenfutter der Fürsten, und er verschwendete kaum Gedanken an sie. Ihm ging es nur um den Tod. So viel Tod wie möglich. Aelfentod.
Das dichter werdende Dickicht am Ufer des Flusses machte es notwendig, sich nach Osten zu halten. Sie erreichten leicht welliges Grasland und marschierten auf eine lichte Gruppe von etwa zwanzig weit ausladenden Buchen zu. Einige der weiter außen stehenden Bäume waren von Blitzen gespalten. Es sah aus, als hätten sie tiefe schwarze Wunden.
Iri kannte die abergläubische Furcht der Bauern vor solchen vom Blitz getroffenen Bäumen. „Aelfenzauber”, hörte er sie raunen, als sie zwischen den Bäumen dahingingen. Ihre Augen waren ihre Schwäche, neben ihrem Verstand. „Man sollte sie ihnen verbinden”, dachte er. „Oder ausstechen. Sie würden viel besser kämpfen.”
Die Schatten auf dem Gras unter den Bäumen zitterten wie ein Spinnennetz im Wind. Manche Äste hingen schwer vom Laub bis auf den Boden herab und sie zischten hässlich, als ein plötzlicher heftiger Windstoß sie peitschte. Etliche Soldaten fingen an zu laufen, auf das freie Feld jenseits der Bäume zu, das im hellen Sonnenlicht lag. Aber der Rand des nächsten Waldes war nicht weit entfernt.
Der Hauptmann ließ sich zurückfallen und ritt neben Iri.
„Die Männer haben Angst”, sagte er. Es klang, als erwartete er Vorschläge, was er dagegen unternehmen sollte.
„Das ist Euer Problem”, sagte Iri. „Hier gibt es nirgendwo Aelfen. Unsere Schwerter können nicht gegen die Schatten auf dem Gras kämpfen.” Wie sollten diese Soldaten einen Krieg gewinnen, wenn schon Schatten sie ängstigten? Er konnte spüren, dass keine Aelfen in der Nähe waren. Es waren nur Gerüchte, die besagten, sie seien so weit in den Süden vorgestoßen. Gerüchte, die den Krieg ausgelöst hatten. Er wusste es, aber es war ihm egal. Es war nicht seine Entscheidung, aber er begrüßte sie, hatte ihre Entstehung sogar befördert. Der Krieg hatte kommen müssen, wenn er auch aus den falschen Gründen begonnen hatte.
„Ihr habt gesagt, Ihr wart schon oft im Norden”, beharrte der Hauptmann. Die Haut seines breiten, groben Gesichts hatte Flecken. Seine Hängebacken zitterten vor unterdrücktem Ärger, und die großen schwarzen Warzen auf ihnen zitterten mit. Iri betrachtete es interessiert. Vielleicht fielen die Warzen ab, wenn ihr Besitzer nur heftig genug zitterte.
Der Hauptmann nahm seinen Helm ab und rieb sich den haarlosen Schädel. Er hatte große hässliche Ohren, die einen entzündeten Eindruck machten. Fliegen schwirrten um sie herum.
„Könnt Ihr den Männern nicht sagen, dass sie hier noch nichts zu befürchten haben?”, fragte er mürrisch.
Iri sah ihn belustigt an. „Ihr wollt, dass ich mit ihnen rede? Sie werden kein Wort von dem glauben, was ich sage. Sie werden auf mein Schwert starren und sich fragen, ob ich es ziehen werde.”
Der Hauptmann fluchte. Sein linkes Auge stand höher als das andere. Es verlieh seinem Gesicht einen ewigen Ausdruck von Gehetztheit und Unruhe. „Was werden sie erst tun, wenn wir ins Aelfengebiet kommen?” Er trieb sein Pferd an und ritt wieder nach vorne, wo er Befehle schrie und versuchte, die Reihen zu ordnen.
Iri sah ihm nachdenklich dabei zu. Er sehnte die Zeit herbei, in der er nicht mehr mit dem Heer ziehen musste. Wenn die Soldaten kämpften, wenn sie starben, falls es überhaupt dazu kam, würde er nicht dabei sein. Die Blutschwertmänner kämpften allein. Sie duften nur allein kämpfen.
Gegen Abend schlugen sie auf einer Wiese ein Lager auf. Iri ging herum und amüsierte sich darüber, wie die Männer seinen Blicken auswichen, wenn er an ihnen vorbeikam. Manchmal glaubte er die düstere Wolke zu sehen, die ihn in ihren Augen umgab.
Einer aber schlug die Augen nicht nieder, sah ihn fast herausfordernd an.
„Was glotzt du, Mann?”, fragte Iri, halb belustigt, halb ärgerlich. „Hast du mich schon mal gesehen?”
Der Mann schüttelte den Kopf. Er hatte eine Narbe unter dem linken Auge. Sie leuchtete weiß in seinem braunen Gesicht und sah aus wie ein Krater. „Aber ich kenne Leute wie dich.”
„Leute wie mich?”, fragte Iri barsch. „Wo bist du Leuten wie mir begegnet?”
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