»Aber«, setzte Katharina kleinlaut an.
»Nichts aber! Es ist ein Leichtes, an dem ganzen Jammer zu zerbrechen.« Für Sepherl war die Unterhaltung beendet und sie gab dies zu verstehen, als sie ihr Milas Bettstatt zuwies.
»Sie hofft, du könntest ihr helfen.« Katharina erkannte die Stimme Sepherls. »Wie kommst auf die hirnrissige Idee, der Kleinen deine Hilfe anzubieten?« Katharina lugte durch die halb geöffneten Augenlider.
»Bis sie aus der Vormundschaft dieses Betvaters entlassen wird, bleibt sie an Ort und Stelle. Danach schauen wir weiter.«
Mit einem Satz sprang Katharina auf. »Ich muss heute die Maria besuchen!«
»Vor dem Mittagessen gibt’s sowieso keine Besuche dort. Erst wenn die Ärzte den Wöchnerinnen bis nach Jerusalem gefingert haben, lassen sie dich vielleicht rein.« Mila übersah geflissentlich die dargereichte Hand und umarmte ihre Gefängnisbekanntschaft fest und ehrlich.
»Vielleicht?«, fragte Katharina.
»Oder hat diese Maria für die Zahlklasse geblecht? Im Gebärhaus hat man überhaupt keine Rechte, nur Pflichten. Rechne lieber damit, deine Freundin heute nicht mehr zu sehen.«
»Ich muss wissen, wie es ihr geht und was es geworden ist. Es ist so traurig, dass wir es nicht mitnehmen können. Ich weiß, wo sie sie hingebracht haben. Abteilung eins«, verkündete Katharina.
»Dann lebt sie hoffentlich noch«, murmelte Sepherl.
»Warum soll sie nicht mehr leben?«, fragte Katharina entsetzt.
»Hör nicht auf das Geschwätz von der da«, beschwichtigte Mila.
»Von wegen Geschwätz! Ich sag nur, was wahr ist.«
»Wahr hin oder her, man kann zur Abwechslung seine verdammte Goschen halten.«
»Die ist in der Metzgerabteilung gelandet! Wenn diese Maria den Löffel abgibt, dann muss die Kleine das verkraften. Man sollte sie darauf vorbereiten. Da setzt bei dir der Beschützertrieb ein, was? Deshalb willst du der Kleinen unbedingt helfen, weil du es bei deinem eigenen Kind nicht konntest.« Sepherl fasste Milas Schweigen als Zustimmung auf weiterzureden. »Schau, Mädel. Wahrscheinlich geht’s ihr gut. Du musst aber wissen, dass diese Abteilung im Gebärhaus nicht unbedingt die sicherste ist. Die erste Abteilung untersteht den Ärzten, die zweite den Hebammen. Die zweite genießt einfach einen besseren Ruf. Viel weniger Tote, verstehst? Das würden die hochverehrten Studierten niemals zugeben.«
Katharina wandte sich nach einem bitteren Schluck aus dem Becher an Mila. »Du hast ein Kind?«
»Hatte«, antwortete diese. »Gönn mir noch zwei, drei Stunden Schlaf. Dann begleite ich dich zum Gebärhaus.« Damit erhob sich Mila von der Kiste und legte sich auf ihre Matratze.
»Kollegen, Sie müssen schon etwas näher herantreten, oder soll ich etwa aus dieser Entfernung zu Ihnen plärren?« Der Arzt fixierte seine vier Studenten. »Ich weiß, ich weiß, vor dem toten Körper scheut man sich weniger. Sie wollen doch nicht nur am leblosen Material üben. Diese vierundzwanzigjährige Magd wurde gestern am frühen Nachmittag mit eröffnenden Wehen aufgenommen. Nachdem der Austreibungsprozess zum Erliegen gekommen war, wurde vom Accoucheur mittels Zange ein normalgroßer Knabe entbunden«, rezitierte Johann Klein, Leiter der Gebärklinik, Marias Gebärverlauf.
Sie lag in dem von Studenten umkreisten Bett und erinnerte sich mit Schaudern an den vorherigen Abend. Der Accoucheur zog und zog mit der Zange, ihren Schmerzensschreien schenkte er kein Gehör. Zum Glück war sie nicht durchgehend bei Bewusstsein und irgendwann gab ihr Körper dem Willen des Arztes nach. Ihr Unterleib fühlte sich zerrissen an, schmerzte bei den Demonstrationen des Klinikleiters. Die Studenten begafften jeden Handgriff des Professors genau, begafften sie.
»Sie!«, forderte er einen dicklichen Studios auf. »Erproben Sie Ihre Fähigkeiten.« Damit trat er zwei Schritte zurück und machte den Platz frei für den Schüler. »Mit Gefühl, Sie Tölpel! Denken Sie an Hippokrates.«
Maria schloss die Augen, um den Klinikleiter nicht weiter sehen zu müssen. Der schüchterne Student hatte zehnmal mehr Gefühl als er und der Fleischer von gestern. Sie würde alsbald aus diesem Bette aufstehen und wenn nötig zur Türe rauskriechen, nur um von diesem Ort wegzukommen. Maria hoffte darauf, dass Katharina sie heute wirklich besuchen käme. Ein vertrautes Gesicht konnte sie gut gebrauchen.
»Semmelweis!«, polterte die Stimme weiter. »Ihre Patientin, bis zur Entlassung. Ich erwarte täglich einen schriftlichen Untersuchungsbericht. Meine Herren, folgen Sie mir zum nächsten Untersuchungsmaterial.«
»Keine Besuche! Wir sind randvoll mit Patientinnen, da wollen wir nicht noch mehr Leute im Haus«, ordnete die Aufseherin an.
»Aber wie es ihr geht, können Sie uns sagen. Ist alles gut gegangen?«, erfragte Mila an Katharinas Stelle.
»Kind ist da. Ein Knabe. Geburt war schwierig. Kommt morgen, da kann die Wöchnerin vielleicht aufstehen, die haben sie fast zerrissen.« Katharina schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. Immerhin lebte sie, und morgen könnte sie Maria ganz bestimmt sehen.
Auch am nächsten Tag begleitete Mila sie zu dem Eingang im östlichsten Trakt des Krankenhauses. Sie wurden zur Enttäuschung beider erneut abgewiesen. Die Patientin fühle sich nicht wohl und könne nicht aufstehen. Unschlüssig blieben die beiden auf der Treppe stehen. Da öffnete sich die Türe des Haupteinganges und ein junger Mann trat heraus.
»Wenn das nicht mein angehender Medizinikus ist!«, rief Mila amüsiert aus. Überrascht glotzte er sie an und blickte sich dann rasch um.
»Fräulein Mila.« Er deutete eine knappe Verbeugung an. »Was machen Sie hier?«
»Zur Niederkunft bin ich nicht da, Ignaz. Oder lieber verehrter Herr Semmelweis?« Der Student errötete leicht, erlangte aber schnell seine Fassung zurück. »Meine kleine Freundin hier hat vor zwei Tagen eine Bekannte zum Gebärhaus gebracht. Wir wollten sie besuchen. Die Bären beißende Gefängniswärterin lässt sich nicht erweichen. Dafür macht sie gerne Andeutungen, wo einem alles Mögliche in den Sinn schießt, die Hexe.« Sie legte ihm vertraulich ihre Hand auf seine vor der Brust verschränkten Arme. »Vielleicht wissen Sie mehr?«
Er sah sich unter Zugzwang. Wollte er nicht eine weitere Ewigkeit ins Gespräch vertieft mit einer Hure vor der Klinik stehen, musste er versuchen, die Neugierde der beiden zu befriedigen.
»Wie heißt die Frau?«
»Maria«, beeilte sich Katharina zu sagen. Erst jetzt blickte der Student auf das Mädchen, das Mila begleitete. »Sie liegt in der ersten Klinik. Dunkelblonde Haare, nicht besonders groß, nicht klein, so etwas dazwischen eben.«
»Maria, vierundzwanzig, Erstgeschwängerte, Magd bei Karl Sperl.« Ihnen schien es, als rezitierte er aus einem Buch.
»Das ist sie!«, jubelte Katharina.
Der angehende Arzt presste die Lippen aufeinander und suchte nach den richtigen Worten, während er sich ausgiebig räusperte.
»Zunächst verlief alles gut. In der Nacht klagte die Patientin jedoch über Schmerzen im Unterleib. Zuerst dachte ich, es seien postnatale Kontraktionen. Als dann heute Vormittag leichtes Fieber hinzukam …«
»Wird sie sterben, weil man sie in die erste Abteilung gebracht hat?«, fragte Katharina.
»Wie meinst du das?«
Mila legte den Arm um Katharina und bedeutete ihr, still zu sein.
»Ihr Zustand wird genauestens beobachtet. Mehr kann ich im Moment nicht sagen. Ich muss mich wirklich sputen. Die Lectio beginnt gleich.« Ignaz Semmelweis eilte in den nächsten Hof davon.
»Woher kennst du den Mann?«, erkundigte sich Katharina auf dem Rückweg.
»Ist ein Kunde von mir, zwar ein seltener, aber ein durchaus vertrauter.« Katharina hatte mittlerweile ein grobes Bild davon, womit die beiden Frauen ihr Geld verdienten. »Er war vor etwa einem Jahr das erste Mal bei mir. Er stammt aus Ungarn. Bei mir holt er sich ein bisschen Zuneigung und redet den Großteil der Zeit. Der war ganz schön verlegen!« Mit lautem Prusten setzte sie hinzu: »Dabei war ich angezogen! Normalerweise lausche ich seinem Kummer mit blankem Busen!« Katharina stimmte in das Gelächter ein, zu komisch war die Vorstellung von dem rezitierenden Studenten, dem dabei die Brüste Milas vor dem rotbäckigen Gesicht wippten.
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