»Das ist die Adresse meiner Freundin aus dem Gefangenenhaus.« Mila hatte ihr gesagt, sie solle sich die Adresse notieren. Für alle Fälle. Es war nicht einfach gewesen, den Gefangenenwärter zu überreden, Schreibmaterial zu bringen. Mila hatte offenbar die richtigen Argumente.
»Aus dem Gefangenenhaus?«
»Aus der Findelanstalt brachten sie mich ins Gefangenenhaus, um dort auf den Kommissär zu warten. Dort lernte ich Mila kennen.«
»Ist Mila aus dem Findelhaus?«
»Nein, Mila ist schon erwachsen und wunderschön. Sie hat so einen Busen«, dabei deutete Katharina den beachtlichen Brustumfang Milas an ihr selbst. »Eigentlich heißt sie Milleta, aber das ist ihren Kunden zu lange.«
»Ihren Kunden«, echote ihr Gegenüber. »Heilige Maria Mutter Gottes!« Die Kinder mussten die Nacht vor dem Transport gemeinsam mit Vagabunden, Schüblingen und Dirnen verbringen! Solch eine demoralisierende Umgebung kann sich nur nachteilig auf das Seelenheil der ohnehin verwirrten Wesen auswirken. Gleich morgen würde er eine schriftliche Eingabe an den Landesausschuss verfassen.
»Warum war diese Frau in dem Gefangenenhaus?«, nahm der Pfarrer das Gespräch wieder auf.
Erschrocken sog Katharina die Luft ein. »Herr Pfarrer! Ich weiß es nicht! Ich war so mit meiner Traurigkeit beschäftigt, dass ich nicht auf die Idee gekommen bin, sie zu fragen. Ich habe nur von mir geredet.«
»Mädchen, ich glaube nicht, dass diese Mila die richtige Freundin für dich ist. Weißt du, ich meine, sie geht einem Gewerbe nach, das … Gib mir den Zettel«, forderte sie der Pfarrer nach seinem Gestottere schlussendlich auf.
»Herr Pfarrer, bitte nicht. Sie sagte, wenn ich eines Tages Hilfe bräuchte, könnte ich zu ihr kommen. Wie soll ich sie ohne Adresse finden? Ich habe doch niemanden und sie war sehr nett zu mir, weil ich traurig war, dass ich vom Forsthaus wegmusste und weil ich mit meinem Schicksal gehadert hab.«
»Mit deinem Schicksal gehadert …«
»Das hat Mila gesagt. Sie meinte, hadere nicht mit deinem Schicksal, sondern mache das Beste daraus! Stimmt das nicht, Herr Pfarrer?«
»Hm«, machte er nachdenklich, »in der Bibel heißt es: Vertraue auf Gott, er wird dich führen.«
Katharina ließ sich beide Ratschläge durch den Kopf gehen.
»Ich vertraue lieber auf mich selbst. Wenn man auf andere vertraut, wird man nur zurückgelassen.«
»Kind, neben dem Unterricht wirst du außerdem die Bibel lesen und fleißig zu den Messen kommen«, damit schloss der Pfarrer das Gespräch und bestrich sein Brot mit Butter.
Katharina steckte das Zettelchen in ihre Tasche und griff zum Buttermesser. Es stellte sich heraus, dass der Onkel recht gehabt hatte. Der Appetit kam tatsächlich beim Essen.
»Du kannst in der Menscherkammer schlafen. Ich hoffe für dich, du hast Kleidung. Glaub nicht, dass ich dir etwas geben kann. Unterkunft und Essen sind mehr als gottgefällig«, stellte die Bäuerin gleich zu Anfang klar. Noch ein Kind zu verköstigen! Zu ihren eigenen dreien und dem vierten, das unterwegs war.
»Ich habe Kleidung, Wäsche und Schuhe mitbekommen«, merkte Katharina an.
»Na wenigstens etwas.« Stöhnend kramte sie Bettwäsche aus dem untersten Fach im Schrank und richtete sich unter Mühsal auf. »Das Kind wird nicht mehr lange auf sich warten lassen und wir stecken mitten in der Getreideernte. Du wirst kräftig anpacken im Haus.«
»Der ist ziemlich groß.« Katharina zeigte auf den schwangeren Bauch der Bäuerin.
»Da hast du recht. Bei den drei anderen kam er mir nicht so gewaltig vor«, ließ sich die Frau in einem umgänglicheren Ton auf das Gespräch ein. »Wird ein großer starker Junge.«
»Vielleicht sind es zwei«, gab Katharina zu bedenken.
»Meinst du?«, entgegnete die Bäuerin stirnrunzelnd. »Komm mit. Ich stelle dich meinen Kindern und dem Gesinde vor.«
Die Bäuerin hatte zwei Buben im Alter von vier und zwei Jahren. Das Mädchen war nur wenig über einem Jahr und konnte noch nicht laufen.
»Der ältere heißt Karl, nach seinem Vater, Karl Sperl. Widersprich dem Bauern nie, dann ist ganz gut mit ihm auszukommen. Ihn redest mit Bauer an, mich mit Bäuerin. Das ist der Franzl und das Mäderl heißt Johanna, nach mir.« Die Bäuerin drückte ihr das jüngste Kind in die Arme und führte sie über den Hof. Die beiden Burschen liefen ihnen in geringem Abstand hinterher. Während Katharina versuchte, sich die Namen aller Hofbewohner einzuprägen, wuzelte das auf ihrer Hüfte sitzende Mädchen ihr Ohrläppchen. Der Bauer hatte neben einem Knecht und zwei Mägden einen Inwohner, der in einem separaten Häuschen auf dem Hof wohnte und die Kosten für die Überlassung des Wohnraumes in Arbeit abgelten musste. Hatte er seine Verpflichtung gegenüber dem Bauern erfüllt, ging er anderswo in Lohnarbeit. Die Mägde und der Knecht wohnten im Bauernhaus, in separaten Kammern.
Die Stimmgewaltigkeit des Bauern offenbarte sich Katharina an ihrem ersten Abend. »Außer dem Gebet wird bei Tisch nichts gesprochen«, donnerte er und hob mit der Faust auf den Holztisch. Wütend fixierte er das Mädchen, das starr vor Angst die Luft angehalten hatte. Die Bäuerin legte wortlos ihre Hand auf die seine. Er widmete sich seiner Milchsuppe mit den dampfenden Erdäpfeln.
Nur wenige Tage nach Katharinas Ankunft beim Sperlbauern setzten bei der Bäuerin die Wehen ein. Schon morgens hatte sie über Rückenschmerzen geklagt. Katharina blieb mit den drei Kindern in der Küche, machte den Abwasch und bereitete das Mittagessen vor. Als sich die Bäuerin nach der Mittagsmahlzeit vom Stuhl erhob, platzte die Fruchtblase. Für einen kurzen Moment sah sie an sich herunter, zu ihren Füßen eine kleine Lache. Dann begann sie zu fluchen. Der Knecht stob eilig davon, um die Hebamme herbeizuholen. Katharina, die im ersten Moment nicht wusste, warum plötzlich diese Aufregung herrschte, wurde von der Bäuerin angewiesen, die Kinder nach draußen zu bringen und dort zu beschäftigen.
»Ich halte das Geschrei nicht länger aus. Wo bleibt dieser Trottel mit der Hebamme?«
Der Bauer stürmte zurück in das Haus.
Katharina hatte die kleine Johanna an sich gedrückt, die beiden Buben kauerten jeweils links und rechts von ihr. Das regelmäßige Schreien aus dem Haus verängstigte die Kleinen.
»So wirst du auch bald schreien, wenn du nicht aufpasst«, prophezeite Margarethe Maria. »Du kannst von Glück reden, dass die Bauersleute noch nichts davon mitbekommen haben. Spätestens, wenn du mit einem dicken Bauch herumrennst, werden es alle wissen. Was machst mit einem Kind? Glaubst der Wengler wird dich heiraten? Der hat nichts, wohnt als Inwohner und hat damit zu tun, sich selbst über die Runden zu bringen. Alleine wirst dastehen.«
»Und du wirst nie einen abkriegen und selbst irgendwo als Inwohnerin enden«, entgegnete Maria.
»Dumme Kuh. Was geht’s mich an. Lass uns aufs Feld gehen, bevor der Bauer tobt.«
Katharina verfolgte die Auseinandersetzung nur mit halbem Ohr. Sie ängstigte sich zu sehr vor den Schmerzensschreien der Bäuerin.
»Mama aua«, sagte Karl.
Katharina wusste, sie sollte die Kinder beschwichtigen, doch sie brachte keine beruhigenden Worte über die Lippen. Was wäre, wenn es der Sperlbäuerin nicht besserginge? Wenn sie einfach die Augen schlösse, ihre Haut jede tröstende Wärme verlöre und ihre Kinder mutterseelenallein auf der Welt zurückbleiben müssten? Was wäre, wenn die Sperlbäuerin genauso stürbe wie ihre Mutter. Sie hatte es nicht vergessen. Die Schmerzensschreie der Mutter, das Blut, die zwei winzigen Mädchen und dann die Mutter mit geschlossenen Augen, als würde sie nur schlafen. Kalt.
»Was ist hier los?«, tönte in diesem Moment die Stimme des Pfarrers. Katharinas Antwort erübrigte sich, als die Bäuerin von einer erneuten Wehe erfasst wurde.
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