»Er hat gesagt, ich solle mit meinem Balg zu einem anderen gehen. Immerhin wüsste er, ich ließe mich von jedem besteigen«, flennte Maria.
»Sssch, sei leise, sonst hört dich noch das ganze Haus. Hast wirklich was anderes erwartet?«
»Ich habe mich nur mit ihm vereinigt! Mit keinem anderen.«
»Ich weiß, du dumme Gans. Er weiß das auch. Aber was kümmert ihn das? Das Kind kriegst du und an dir bleibt es hängen, nicht an ihm.«
»Kannst du nicht morgen mit ihm reden?«, bettelte Maria.
Margarethe streckte sich auf der frischen Schlafunterlage aus und gähnte: »Wenn du meinst, dass es was bringt.«
Dazu kam es nicht mehr. Der Wengler hatte seine wenigen Habseligkeiten gepackt und war über alle Berge. Maria heulte sich zum Leidwesen ihrer Zimmergenossinnen in den Schlaf.
»Was ist sie?«, schrie Karl Sperl.
»Schwanger«, wiederholte seine Frau.
»Von wem?«
»Vom Wengler. Sie will es ihrer Mutter bringen.«
»Die jagt sie mit einem nassen Fetzen davon! Maria ist selbst unehelich. Da braucht sie sich keine Hoffnung zu machen, dass die sich das von vorne antut. Mir ist egal, wo sie ihr Balg unterbringt. Hauptsache sie bringt es irgendwo unter. Hier bleibt sie mir jedenfalls nicht damit.« Sein Gesichtsausdruck duldete keine Widerworte.
Katharina erhitzte Wasser in einem großen Topf und schielte zu den beiden Bauersleuten hinüber. Die Zwillinge saßen auf dem Boden und kauten an einem Stück zähen Brot. Die beiden größeren Buben ärgerten die Katze und die kleine Johanna, die mit ihren vier Jahren noch immer nicht richtig gehen konnte. Rachitische Beine, meinte der Wundarzt im Winter. Katharina steckte viel Mühe rein, das Mädchen zum Gehen zu ermutigen. Die Kleine hatte sich Abhilfe verschafft, indem sie sich mit zur Hilfenahme ihrer krummen Beinchen auf dem Hintern über den Boden schob.
»Franz, lass das! Das Vieh wird sie noch kratzen«, ermahnte Katharina den fast Fünfjährigen. Franz hatte sich die Katze geschnappt und hielt sie seiner Schwester vor das Gesicht.
Karl, mittlerweile sieben, stachelte den Jüngeren gerne zu Ungehorsam an.
»Aus lass«, bettelte Johanna, um das Wohl ihrer liebsten Katze besorgt.
»Lass sie aus, heißt das«, berichtigte Katharina. Die Kinder und überhaupt allesamt sprachen schlampig. Auch dadurch kam sich Katharina wie eine Außenseiterin in der Gemeinschaft vor. Sie liebte Worte und geschmückte Sätze, wie sie in Büchern zu finden waren. Franz schüttelte das bereits murrende Tier mit spitzbübischem Lächeln. Das ließ sie sich natürlich nicht mehr gefallen und schlug mit den Pfoten um sich. Die ausgefahrenen Krallen trafen nicht ihren Peiniger, sondern Johanna, die vor Schreck und Schmerz aufschrie.
»Franz! Was habe ich dir gesagt!«, schimpfte Katharina mit erhobenem Finger. Sie nahm das weinende Mädchen in die Arme und tröstete es.
»Die Niederkunft fällt auf den November. Da können wir einige Tage ohne sie auskommen«, überlegte die Bäuerin laut.
»Wehe du kommst mir damit, ihr die Ausfalltage zu bezahlen. Das mannsgeile Weibsstück soll froh sein, dass sie ihre Stellung behalten kann.« Er griff nach seinem Hut, den er gewohnheitsmäßig auf der Kredenz abgelegt hatte. »Schick sie mir nachher rüber in den Stall.«
»Das übernehme ich«, stellte sich die Sperlbäuerin gegen ihren Mann. »Die Mägde sind mir unterstellt. Du prügelst sie sonst noch tot.« Der Bauer murrte nur und verschwand mit der Pfeife im Mund durch die Tür.
»Kann das Kind von Maria nicht auf dem Hof leben?«
Johanna lehnte an ihrer Schulter.
»Katharina, manchmal weiß ich wirklich nicht, was in deinem Kopf vorgeht. Die Maria hat sich versündigt. Selbst wenn sich der Kindsvater nicht aus dem Staub gemacht hätte, der Wengler ist arm wie ein Hund. Wie soll der heiraten? Wir haben genug Mäuler zu stopfen«, erklärte die Bäuerin.
»Eines mehr oder weniger macht doch keinen Unterschied«, beharrte Katharina und deutete mit einer Armbewegung auf die fünf Kinder.
Beim Abendbrot herrschte Schweigen, so wie der Bauer es wünschte. Durchbrochen wurde die Stille nur durch das Scheppern der Löffel und das Hochziehen von Rotz. Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte Maria eine Sitzposition zu finden, die ihr keine Schmerzen verursachte. Die Bäuerin hatte bei der Bestrafung ganze Arbeit geleistet. Zu ihrer Schmach war es vor den Augen aller vollzogen worden. Die Zwillingsbuben weinten, Johanna flüchtete auf dem Hosenboden unter die Eckbank, Franz und Karl kicherten und waren froh, dass nicht sie es waren, die die Prügel bezogen. Margarethe stand neben der Sperlbäuerin. Der Heiligenschein hätte ihr noch gefehlt. Katharina zuckte bei jedem Schlag zusammen und kniff nach dem dritten Hieb fest die Augenlider zu.
November 1841
»Die gehen zum Kartenspielen und wir sitzen beim Wäschestopfen. Da kann der Herr Pfarrer noch so oft den Mann über das Weib stellen, gerecht ist das jedenfalls nicht«, beschwerte sich die dreizehnjährige Katharina.
Die Sperlbäuerin tadelte das Mädchen, das sie in den drei Jahren fast schon liebgewonnen hatte.
»Ich bleibe dabei. Es ist nicht gerecht. Der Josef mit seinen sechzehn Jahren darf ins Wirtshaus. Margarethe, die viel älter ist als er, darf das nicht.«
»Das hat nichts mit dem Alter zu tun, du Wichtigtuerin«, mischte sich Margarethe ein.
»Ich weiß, dass das nichts mit dem Alter zu tun hat! Wir sind Frauen und die zu ihrem Glück nicht!«, verteidigte sich Katharina.
»Schau an, schau an! Katharina wäre lieber ein Mann und würde gern ins Wirtshaus gehen.« Die Schwangerschaft machte Maria nicht umgänglicher.
»Ich wäre gerne frei, das zu tun, was ich will!«, berichtigte sie. Die beiden Mägde blickten sich an. Irgendwie hatte sie recht. Den Knechten war es ohne Fragen erlaubt, wochentags nach getaner Arbeit ihren Vergnügungen nachzugehen. Sie hingegen mussten sogar an einem Sonntag erst darum bitten und man konnte es ihnen jederzeit verwehren. So stand es in der Gesindeordnung und keine von beiden hatte diese unumstößliche Tatsache jemals infrage gestellt.
»Da musst in deinem nächsten Leben als Mann und zudem als reicher Mann auf die Welt kommen. Als Frau wirst nie mehr Freiheit haben, als dass du wählen kannst, mit welcher Naht du die Wäsche flickst«, stellte Johanna Sperl in den Raum und setzte hinzu, »auch dabei bleiben dir nicht viele Möglichkeiten.«
Ein Stöhnen unterbrach die von Katharina entfachte Diskussion.
»Die Geburt steht bevor«, prophezeite die Bäuerin. »Wer weiß, wie lange es noch Vorbereitungswehen sind. Das Findelhaus nimmt nur ungern Kinder auf, die nicht im Gebärhaus entbunden wurden. Mach dich morgen auf den Weg, sonst kommst noch auf der Straße nieder.« Indem sie das Wort an Katharina richtete, fuhr sie fort: »Das Ergebnis, wenn sich weibliches Gesinde mehr Freiheiten rausnimmt, kannst hier sehen«, und deutete dabei auf den Bauch Marias.
»Lassen Sie mich Maria begleiten«, bat Katharina. Sie wusste, wie beängstigend es war, unter fremde Leute zu kommen. Einsam und ohne jeden Halt, den anderen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
»Den Weg schaffe ich allein«, maulte Maria.
»Ganz alleine kann sie nicht gehen, noch dazu bei dem Schnee.«
»Katharina, was kannst du für ein Quälgeist sein! Na gut, geh von mir aus mit. Wenn du sie abgeliefert hast, kommst gleich zurück. Beide Wege an einem Tag wird dich bereuen lassen.«
»Ich werde auf Maria warten und mich vergewissern, dass es ihr gut geht.«
»Wie stellst dir das vor? Willst vor dem Gebärhaus auf der Straße schlafen?«
»Eine alte Freundin wohnt am Spittelberg, das ist nicht so weit vom Gebärhaus entfernt. Ich habe ihre Adresse.«
»Wer soll das sein?«, wollte die Bäuerin wissen.
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