Katharina liebte das Lesen, allerdings nicht immer die zur Verfügung gestellte Lektüre. Sie hatte Schullehrer Bartsch gefragt, ob er nicht noch andere Bücher hätte als die wenig ansprechenden, die sich in der dürftig ausgestatteten Pfarrbibliothek befanden. Seine missbilligend gespitzten Lippen und die zusammengekniffenen Augen sagten alles. Sie solle nicht ständig an den Gegebenheiten herummäkeln. Dies sei, nach seiner Ansicht, wahrlich keine Tugend für ein weibliches Wesen. Der Lehrer erklärte, dass die Verordnung von 1828 vorschrieb, alle schädlichen, verderblichen, unpassenden und unzweckmäßigen Bücher aus den Schulen zu entfernen, was selbstverständlich ausnahmslos durch seine Hände geschehen war. Katharina gab klein bei. Sie wollte den Lehrer, der aufgehört hatte, sie zu schikanieren, nicht erneut gegen sich aufbringen. Zu deutlich standen ihr noch die ersten Schulmonate vor Augen.
»Die Sperlbauern wollen dich als Magd in Stellung nehmen«, offenbarte der Pfarrer nach der Lektüre. Johann Lutner hatte erwartet, dass sich das Mädchen über diese Möglichkeit ebenso freute. Sie hatte sich in den drei Jahren sehr gut eingelebt.
»Freust du dich nicht darüber?«
»Worüber soll ich mich freuen, Herr Pfarrer?«
»Eine Anstellung in Aussicht zu haben und ein Heim!«
»Es muss dem Herrn Pfarrer als sehr undankbar vorkommen, aber ich möchte nicht als Magd auf dem Hof bleiben. Ich mag die Bäuerin und den Bauern. Die Kinder habe ich natürlich liebgewonnen, aber ich möchte …«
»Was möchtest du denn, Kind?«, rief der Pfarrer aus. »Sehr viele Möglichkeiten bleiben dir nicht!«
»In Wien habe ich einen Mann kennengelernt, der studiert Medizin. Er wird Arzt. Das wäre etwas für mich«, erzählte Katharina mit kindlicher Begeisterung.
»Du kannst doch nicht studieren!«
»Dazu muss man wahrscheinlich viel Geld haben.«
Johann Lutner lachte hysterisch auf.
»Nicht nur das! Kind, nur ein Mann kann studieren.«
»Warum?«
Der Pfarrer war nur noch selten überrascht, wenn Katharina alles infrage stellte, aber dies übertraf alle ihre bisherigen Äußerungen.
»Weil der Mann dem Weib überlegen ist, besonders in geistigen Dingen.«
»Keiner der Burschen in der Klasse ist mir geistig überlegen. Wenn ich ehrlich bin, auch nicht der Bartsch.«
»Katharina, sogar du wirst dich an die natürliche Weltordnung halten müssen«, beharrte Pfarrer Lutner. »Überlege dir die Sache mit der Anstellung. Ein wenig Zeit bleibt noch.«
Juli 1842
»Mir wirst du jedenfalls fehlen«, gestand Johanna Sperl. Katharina war vierzehn geworden. Die Bauersfrau hatte ihrem Zögling einiges an Essen in den Beutel gepackt, welchen sie ihr in die Hand drückte. »Pass auf dich auf und bleib anständig.«
»Was so viel heißt wie: Halte deine Beine zusammen.« Die Bäuerin bedachte Margarethe mit einem strengen Blick. »Was? Ist doch wahr!«, rechtfertigte sich Margarethe und fuhr an Katharina gerichtet fort: »Willst du dir dein Leben nicht ganz verderben, dann halte dich daran.«
»Ihr werdet mir fehlen«, sagte Katharina leise, dabei streichelte sie jedem der Kinder liebevoll über den Kopf. Die kleine Johanna versuchte, sich an ihrem Rock hochzuziehen, als wollte sie ihr beweisen, dass die Mühe, ihr das Gehen trotz Rachitis beizubringen, nicht umsonst gewesen war. Anerkennend streichelte sie dem Kind über die vollen Wangen, als es auf seinen krummen Beinen vor ihr stand.
»Du könntest bleiben«, gab die Bäuerin zu denken.
Katharina hatte sich entschlossen. Sie würde die Gelegenheit nutzen, mit dem Pfarrer Richtung Wien fahren zu können. Er hatte eine wichtige Angelegenheit zu erledigen und ihr angeboten, sie mitzunehmen. Sie würde bis zum Linienwall mit ihm reisen und sich dann zu Fuß auf den Weg zum Spittelberg machen, wo sie auf Milas Hilfe baute.
»Bist du bereit?«, fragte der Pfarrer.
Der Wagen setzte sich langsam in Bewegung. Ihr fiel es nicht schwer, ihn zu mögen. Er hatte zum Schulabschluss ein Fest veranstaltet, auf dem er mit einem großen Papierdrachen erschienen war. Als dieser hoch oben in der Luft schwebte, drückte er Katharina die Schnur in die Hand und ließ sie Herrin über den Drachen sein. Die Leute konnten sich nicht satt sehen. Zur Abwechslung starrten sie mal nicht verstohlen auf seinen entstellten Rücken.
»Ich bin immer noch nicht überzeugt, ob deine Entscheidung richtig ist«, brachte er das Gespräch in Gang.
»Es wird alles gutgehen. Ich bin ja nicht ganz alleine.« Sie fixierte den Hintern des Pferdes, das vor den einfachen Wagen gespannt war.
»Fang mir nicht mit deiner guten, alten Freundin Mila an. Du weißt, dass ich von deiner Idee nichts halte«, schalt er sie. Katharina tat ihm den Gefallen und erwähnte die Frau seines Anstoßes lieber nicht mehr. Die restliche Fahrt schwiegen sie. Als sich Katharina verabschiedete, nahm der Pfarrer ihr noch das Versprechen ab, sich in Ottakring sehen zu lassen. Lange blickte der Geistliche dem Mädchen hinterher, bevor er mit einem Zungenschnalzen das Pferd in Bewegung setzte.
»Lange können wir sie nicht mittragen«, sagte Sepherl. »Auch wenn das Scheißerle wenig isst, wird sie irgendwann jemandem auffallen.« Sepherl verschränkte ihrerseits die Arme vor der Brust und schaute Mila ebenso herausfordernd an. »Ich wünsche mir für sie auch was Besseres, aber wie wahrscheinlich ist das?«
»Wir können versuchen, sie irgendwo als Dienstmädchen unterzubringen«, warf Mila hoffnungsvoll ein.
»Eine gute Idee. Als Dienstmädchen wird sie lediglich von ihrem Herrn bestiegen, dem sie den Dreck wegmachen darf.«
»Mir wird schon etwas einfallen. Es darf nur keiner erfahren, dass sie bei uns wohnt. Die Alte würde sie sofort für sich arbeiten lassen.« Mila zog sich die weißen Strümpfe zurecht und richtete ihre langen Locken. »Komm, lass uns gehen, sonst zetert die alte Hexe wieder. Und du«, ordnete Mila an Katharina gewandt an, »bewegst dich nicht vom Fleck. In ein paar Stunden sind wir zurück.«
Sie hatte während des Gespräches der beiden Frauen reglos auf einer Holzkiste gesessen. Seit Tagen musste sie in der düsteren Dachkammer ausharren, tagsüber und nachts. Mila hatte ihr den Grund dafür erklärt, was es jedoch nicht erträglicher machte. War es im Winter bitterkalt in den Kammern unter dem Dach, herrschte im Sommer drückende Hitze, die abends kaum besser wurde. Gerne wäre sie die schmale Treppe hinuntergeschlüpft, um die kühlere Abendluft einzuatmen, aber sie wollte Milas Sorgen nicht noch unnötig vergrößern. Und so legte sie sich auf den alten Strohsack ihrer lieben Freundin und versuchte zu schlafen.
Geweckt wurde Katharina von der knarrenden Tür, als Mila und Sepherl beim Morgengrauen zurückkehrten. Die beiden sahen müde aus, weshalb Katharina schnell aufsprang, um der Eigentümerin des Bettes Platz zu machen.
»Keine Eile«, sagte Mila, »ich will mich vorher sowieso noch waschen.« Als sie zu dem Wasserkrug trat, fand sie diesen leer vor. Ein dunkler Fleck auf den Dielenbrettern zeugte von Katharinas Missgeschick der letzten Nacht. Gepeinigt von einem Traum, war sie schlaftrunken zum Wasserkrug getaumelt, um die angeschwollene Zunge zu befeuchten und stieß dabei den Krug um. Das Gefäß blieb unbeschädigt, der Inhalt hatte sich dagegen über den Boden ergossen.
»Es tut mir leid«, presste Katharina hervor.
»Ist schon gut, ich wasche mich nach meinem Schläfchen. Mir fehlt jetzt die Kraft, Wasser vom Brunnen zu holen. Kommst du einstweilen ohne aus?«, fragte Mila. Katharina nickte heftig, obwohl ihre Kehle ganz ausgetrocknet war. Die Nacht war schwül gewesen und sie hatte viel geschwitzt. Sie dachte nicht daran, den beiden Frauen noch mehr Umstände zu machen, als sie es ohnehin schon tat.
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