Mila durchbrach die Stille und klopfte sich auf die Oberschenkel. »Das Forsthaus liegt hinter dir, aber vor dir noch dein ganzes Leben, und es wird ein glückliches sein!« Mila glaubte nicht an ihre Worte, wie hätte sie auch. Sie war froh, als Katharina die herankriechende Angst rechtzeitig unterbrach.
»Die schönsten Erinnerungen habe ich an Weihnachten. Schon einige Tage vor den Feiertagen gab es viel Geheimniskrämerei, Verstecken und Vorbereitungen. Die ganze Wohnung wurde geputzt, hinter die Fenster kam grünes Moos mit Strohsternen. Der Duft von Äpfeln, Weihnachtsstriezel, Lebkuchen, Vanille und Schokolade erfüllte das ganze Haus.« Katharina gähnte und legte den Kopf an Milas Schulter. Mit träger Stimme erzählte sie mehr für sich selbst als für Mila von ihren Erinnerungen an Weihnachten weiter. »Als es endlich dunkel wurde, deckten die Dienstmägde den Tisch. Alle mussten sich waschen und ordentlich anziehen. Der Onkel sprach das Gebet. Die Augen aller hoffen auf Dich, Herr, und du gibst ihnen Speisen zur rechten Zeit. Du öffnest deine Hand … und weiter weiß ich es nicht mehr. Es war sehr andächtig. Das Essen schmeckte herrlich und als der Strudel auf den Tisch kam, konnte ich kaum noch einen Bissen hinunterbringen. Da musste noch jeder von dem Obst kosten, damit man das ganze Jahr über gesund bliebe, und einen Apfel auseinanderschneiden, um zu sehen, ob darin ein Kreuz oder ein Stern sein würde. Dies sagt einem voraus, ob es ein gutes oder schlechtes Jahr werden wird.« Mila kannte diesen böhmischen Brauch. »Der Onkel hatte beim letzten Weihnachtsfest ein Kreuz.«
Mila strich dem Mädchen über den Kopf und dachte an ihr eigenes Kind.
Ottakring
Mit dem Schreiben aus der Findelanstalt in ihrer Rocktasche trottete Katharina dem verdrossen dreinblickenden Beamten mit dem geschwungenen Schnauzbart hinterher. »Das Schreiben hast du bei dir?«, versicherte er sich überflüssigerweise. Er hatte ihr dabei zugeschaut, wie sie es eingesteckt hatte. Zufrieden mit der Antwort schritt er auf den Pfarrhof zu. Das Häuschen sah anders aus, als sie es in Erinnerung hatte. An die Brücke, welche über den Bach an die Tür führte, konnte sie sich nicht erinnern. Der Beamte klopfte dreimal und blickte auf seine beschlagene Taschenuhr. Sie verzog den kindlichen Mund und zupfte den Beamten am Ärmel.
»Mit Asche bekommen Sie die Uhr zum Glänzen«, beratschlagte Katharina ihn. Sie hatte den Bediensteten vor dem Weihnachtsfest geholfen, das kostbare und selten verwendete Silbergeschirr auf Hochglanz zu polieren.
»Kannst dir gleich angewöhnen, dass auf dich nichts gegeben wird«, fuhr er sie an.
»Gott zum Gruß«, sagte der Pfarrer und schaute den Mann fragend an. Katharina erkannte Pfarrer Lutner sofort. Wie sie zugeben musste an seinem Buckel.
»Kommissär Traxler mein Name, ich komme vom Magistratsdepartment der k. k. Haupt- und Residenzstadt Wien und soll ihnen Katharina Hochstätter, normalalt geworden und somit aus der Findelanstaltspflege entlassen, überstellen.« Galt früher noch als Normalalter fünfzehn Jahre, konnten die Kinder seit einigen Jahren nur mehr mit einer zehnjährigen Versorgung rechnen. Üblicherweise hatte den ersten Anspruch auf das Kind die Mutter, danach die Pflegefrau.
Johann Lutner blickte auf das Mädchen herab und erinnerte sich deutlich an die Fünfjährige, die ihn darüber aufgeklärt hatte, dass der Teufel keine Hörner hatte.
Da der Geistliche wortlos dastand, ergriff der Beamte erneut das Wort. »Es hat ein Schreiben mit den entsprechenden Anweisungen der Findelanstalt bei sich. Ich empfehle mich.« Katharina blickte Pfarrer Lutner an. Dieser fasste sich und reichte dem Mädchen eine rötlich gefleckte Hand, mit stark geschwollenen Fingergelenken.
»Ich hätte dich fast nicht wiedererkannt! Groß bist du geworden. Wenn ich daran denke, wie klein und schmächtig du warst, als …«, der Pfarrer hielt inne. Er wusste nicht, ob sich das Kind überhaupt erinnerte und hoffte für sie, sie täte es nicht.
»Das Pfarrhaus habe ich anders in Erinnerung«, sagte sie in bemühtem Deutsch. Ihre Sprechweise war ganz anders als die seiner Seelsorgegemeinde.
»Deine Erinnerung trügt dich nicht«, entgegnete er. »Vor drei Jahren wurde der Pfarrhof neu gebaut und mit Ziegeln gedeckt.« Er deutete nach oben.
»Schaut das Haus, in dem ich geboren wurde, auch anders aus?«
»Das Haus steht nicht mehr. Vor drei Jahren hat es hier in Ottakring gebrannt. Vormittags gegen zehn Uhr stiegen aus dem an den Pfarrhof angrenzenden Bauernhaus heftige Flammen auf. Durch den starken Wind griff das Feuer rasch auf die umliegenden Gebäude über. Über fünfzig Häuser wurden vernichtet. Lediglich die Kirche und rund dreißig Häuser blieben von dem Feuerinferno verschont. Komm rein und zeig mir den Brief.«
Er hatte Mühe, die lange Litanei des Verfassers zu entziffern. »Kann der Pflegling von keiner der beiden aufgenommen werden, obliegt das Kind der Armenfürsorge durch die Heimatgemeinde. Die Vormundschaft für das Kind ist von dem geschätzten Herrn Pfarrer auszuwählen. Ab dem vierzehnten Lebensjahr ist der Findling dazu angehalten, für sich selbst zu sorgen. Die Vormundschaft endet zu diesem Zeitpunkt, ebenso die Zuständigkeit der Armenfürsorge«, las er den Brief zu Ende.
Er wusste, wie die übliche Fürsorge für familienlose Kinder aussah. Das Reglement der Armeneinlage sah vor, dass diese Kinder meist von Haus zu Haus wanderten, dazu genötigt, sich ihren Lebensunterhalt durch die niedrigsten Arbeiten zu erbetteln, häufig gedemütigt und bar jeder verständigen oder teilnehmenden Führung.
»Ist die Brücke neu?«, fragte Katharina.
Pfarrer Lutner nickte abwesend. »Nach dem Umbau wurde eine Pfarrkanzlei eingerichtet und die Pfarrbibliothek vermehrt.«
»Eine Bibliothek!« Das Mädchen schien sich über die Tragweite des Schreibens nicht im Klaren zu sein.
»Warst du in Böhmen in einer Schule?«, fragte er.
»Ja, Herr Pfarrer.«
»Und wie liegt dir das Lesen und Rechnen?«, hakte er nach.
»Gut, Herr Pfarrer. Ich habe gerne gelernt.«
»Dann sollten wir zumindest schauen, dass du regelmäßig die Schule besuchen kannst.« Ihm kam dieser Anlass gelegen, dem Lehrer Jakob Bartsch zu zeigen, wer das Sagen hatte. Die Gemeindeschule unterstand der Aufsicht des Pfarrers. Sein Wort war Gesetz, zumindest auf der untersten Stufe. Seit Jahren intervenierte der Jakob Bartsch für die Errichtung eines neuen, geräumigeren Schulhauses, wohlgemerkt in größerer Entfernung zur Kirche. Der Bartsch täuschte sich, wenn er glaubte, er ließe das zu. »Schaden kann es jedenfalls nicht. Lange hast du nicht mehr Zeit, bis du für dich selbst sorgen musst.« Er knetete seine schmerzenden Gelenke. »Wir werden sehen, dass du auf einem anständigen Hof unterkommen kannst. Ich werde die Bäuerin anweisen, dich regelmäßig in die Schule zu schicken. Das wöchentliche Schulgeld von vier Kreuzern wird von der Armeneinlage bezahlt werden. Es wird dir nicht erspart bleiben, dass du mitanpackst. Die Gemeinde würde es nicht dulden, dass du fürs Daumendrehen versorgt wirst. Hast du Hunger? Ich bin jedenfalls hungrig, obwohl einem die ganze Sache den Appetit verderben kann.«
»Der Onkel sagte immer, der Appetit kommt beim Essen.« Katharina sah den freundlichen Mann, der so gut Geschichten erzählen konnte, tot im Sarg liegen. Sie holte aus ihrer Rocktasche ein Taschentuch hervor, das sie von der Tante zum letzten Geburtstag bekommen hatte. Zierliche Blümchen in Blautönen hatte diese eigenhändig draufgestickt. Katharina brachte es anfangs nicht über sich, das hübsche Tuch zu verwenden. Es war zu schön anzusehen, um den Rotz hineinzublasen. Die Tante meinte, auch schöne Dinge seien da, um verwendet zu werden.
»Dir ist etwas auf den Boden gefallen«, machte sie der Pfarrer aufmerksam. Katharina blickte zu ihren Füßen und entdeckte das gefaltete Zettelchen. »Was ist das? Noch etwas aus dem Findelhaus?«
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