»Allesss in Ordnung?«, klang es von vorne. »Wir haben nur gerade ein Temploctor passiert, ein so genanntes Zeit-Raum-Tor. Keine Angst, wir sind unserem Ziel dadurch ein erhebliches Stück nähergekommen.« Die Stimme des Fahrers klang gar nicht mehr so unfreundlich wie noch bei der Abfahrt. Ein breites Grinsen war im Rückspiegel zu sehen, der vorne etwas schräg vor dem Fenster hing.
»Hast du das gesehen? Das ist ja der helle Wahnsinn. Wie hat der das gemacht?« Justus schaute Pauline entgeistert an. »Ich bin gespannt, was noch alles auf uns zukommt?! Hier ist alles so … na, ... so merkwürdig.«
»Ich bin auf die Lehrer gespannt, was das wohl für Typen sind«, entgegnete Pauline. Sie musste immer wieder darüber nachdenken, was ihre Mutter gesagt hatte. »Meine Mutter hat da was von diesem Herrn Grummaritsch von den sieben Türmen erfahren. Hörte sich echt abgedreht an. Hat deine Mutter dir nichts gesagt?«
»Meine Mutter hat mir nicht viel erzählt. Und was war’s?«
Sie berichtete Justus von den kleinen Anekdoten, die Meister Grummaritsch Frau Ritter bei seinem Besuch erzählt hatte. Er hatte sie damit ein wenig beruhigen wollen, doch das Gegenteil war eingetroffen.
»Da muss es irre Geschichten geben, die über die Lehrer zu hören sind«, fuhr sie fort. »Wird natürlich alles nur hinter vorgehaltener Hand erzählt, wie meine Mutter von Herrn Grummaritsch erfahren hat. Einige müssen absolut meschugge sein. Wenn die Lehrer schon mal im Dorf unterwegs sind, verschwinden Dinge und tauchen an anderer Stelle wieder auf. Die scheinen da immer ein mittleres Chaos zu veranstalten. Und sie selbst verschwinden dann auch einfach so.«
Paulines Wangen glühten, während sie die Geschichte zum Besten gab. Auch Justus wurde es allein vom Zuhören ganz heiß am Kopf.
»Ich bin ja mal gespannt, was da auf uns zukommt«, entgegnete er und ließ pfeifend Luft ab.
Währenddessen brummte der Bus monoton dahin, was sich auf die Schüler beruhigend auswirkte. Viele saßen tief in ihre Sitze gedrückt und hingen ihren Gedanken nach.
Sie waren schon fast eine Stunde unterwegs und die Fahrt führte sie inzwischen durch wunderschöne Landschaften, die zunehmend gebirgiger wurden. An den Hängen sahen sie ausgedehnte, wilde Waldgebiete, die die Phantasien der Jugendlichen anregten. Die ganze Gegend schien recht verwildert und einsam zu sein.
»Das ist ja eine Supergebirgslandschaft.« Voller Bewunderung sah sich Justus die schroffer werdenden Gebirgszüge an. Pauline bestaunte das sich schnell ändernde Bild der Landschaft.
»Das sieht schon toll hier aus«, bestätige sie. »Wo mögen wir nur sein? Und welche bizarren Formen die Berge hier haben. Schau mal, wie tief es da in die Schlucht hinuntergeht.«
Die glatt geteerte Straße war inzwischen in eine holprige Piste übergegangen, was den Bus noch stärker rumpeln ließ.
Die Verblüffung über die eigenartige Route hielt nicht lange an, der Hunger forderte seinen Tribut. Überall war Geraschel von Butterbrotpapier und Schokoladenverpackungen zu hören. Essen und Trinken stand auf dem Programm, denn die Mittagszeit war herangerückt.
Justus hatte sich mit einem reichlichen Vorrat an Süßigkeiten eingedeckt. Man konnte ja nicht wissen, wie lange die Fahrt dauerte und ob es überhaupt Süßigkeiten in der neuen Schule, vor allem Schokolade, zu kaufen gab.
Pauline blickte neidisch auf diese paradiesische Vielfalt, wobei ihr das Wasser im Mund zusammenlief. »Du hast dich ja eingedeckt, als bekämest du wochenlang nichts mehr von dem Zeug zu kaufen.«
»Man kann nie wissen«, meinte Justus mit einem verschmitzten Lächeln. »Ich gehe lieber auf Nummer sicher. Willst du was davon?« Bereitwillig hielt er ihr die Tasche hin. »Probier' einmal diese Schokostangen, hab' ich neu aufgetan. Bin dafür extra in einen Feinkostladen gegangen.«
»Ja, ja, nur vom Feinsten, extra für den Herrn.« Begierig griff sie sich eine von den Stangen und steckte sich die Schokolade in den Mund. Nur hatte sie dabei übersehen, dass auf der Verpackung „mit Chili“ stand.
»Eh, was ist das?«, quäkte sie luftschnappend los und hätte fast das abgebissene Schokostück in die Tasche gespuckt. »Mein ganzer Mund brennt.«
»Das kommt davon, wenn man den Mund zu voll nimmt«, grinste Justus.
»Das musst du gerade sagen«, gab sie ärgerlich zurück. Nach dem ersten Schreck über die Schärfe genoss sie die exotische Kombination von Schokolade und Chili.
Plötzlich kullerten Schokoladenkugeln durch den Gang. Einem der Jungs auf der anderen Seite des Busses war die Tüte mit Süßigkeiten gerissen und nun entlud sich der Inhalt auf den Fußboden.
Justus bückte sich und half schnell alles aufzusammeln, bevor jemand das kostbare Gut zertrampeln konnte.
»Ihr seid sicher schon länger unterwegs«, erkundigte er sich neugierig.
»Kann man wohl sagen, sind schon ein paar Stunden vergangen, seitdem wir eingestiegen sind.«
»Ich bin Justus. Und wie heißt du?«, fragte Justus den Unglücksraben.
»Martin«, dabei zeigte sein Gegenüber ein breites Grinsen. Er rutschte auf seinem Sitz hin und her, als hätte er Flöhe in der Hose. »Mein Bruder Erik«, er wies auf den Jungen, der neben ihm am Fenster saß. Der schien die Ruhe selbst zu sein und schaute mit aufmerksamem Blick zu Justus und Pauline herüber.
»Seid ihr auch gespannt auf die neue Schule?«, fragte Pauline die beiden interessiert.
Erik nickte. »Klar! Aber erst einmal abwarten, was dort alles auf uns zukommt.« Das sagte er so bedächtig, als müsse er jedes Wort erst einmal auf die Goldwaage legen.
Die beiden waren wirklich von ganz unterschiedlichem Naturell. Größer hätte der Unterschied nicht sein können.
»Wir sind ja schon um fünf Uhr aufgestanden. Eine Stunde später saßen wir bereits im Bus. Bis wir dann bei euch ankamen, waren wir vier Stunden unterwegs.« Martin gähnte herzhaft, als müsste er seiner Aussage damit unterstreichen.
Der Bus fuhr nun schon längere Zeit oberhalb einer Schlucht über die mehr als holprige Schotterstraße. Kurve um Kurve, rechts, links, zog sich die Fahrt den Berghang entlang.
Allerlei Bäume und vor allem undurchdringliche Sträucher säumten die Straße. Nach oben, den Berg hinauf, vereinzelten sich die Bäume. Hinunter ins Tal standen sie recht dicht beieinander. Trotzdem gaben sie öfters den Blick in die Schlucht und zur anderen Talseite frei.
»Da, schaut mal. Da vorne gabelt sich das Tal«, deutete Martin in Richtung Windschutzscheibe.
Das Tal hatte sich plötzlich geöffnet und in zwei Täler aufgespalten. Die Fahrt ging hinein in das linke, und mehr und mehr führte die Straße bergab. Ein kleiner, aber umso wilderer Fluss kam unterhalb der Straße zum Vorschein, der sich durch das Tal schlängelte.
Stellenweise gab es kleine Stromschnellen. Von oben sah es recht gefährlich aus. Überhaupt wurde die Umgebung immer wilder und unheimlicher.
Justus erinnerte das Bild an frühere Aufenthalte im Gebirge, als er mit seinen Eltern in den Bergen Ferien gemacht hatte. Das hatte ähnlich ausgesehen.
Das Gebirge zog ihn magisch an, und er war immer schon gerne durch kahles Felsgestein gestiegen, um die dortige Ruhe zu genießen.
Bevor er in seine Erinnerungen abschweifen konnte, holte ihn Pauline zurück in die Gegenwart.
»Hey, Justus!«, stieß sie ihn heftig in die Seite, »nicht ins Reich der Träume abtauchen.«
Sie kannte ihn nun lange genug, um zu wissen, was mit ihm los war, wenn er so verträumt in die Gegend schaute.
»Sieh dir lieber die Straße an, wie schmal das hier wird.«
Die Straße war dem Fluss am Grunde des Tales ein großes Stück nähergekommen. Durch die enger werdenden Berghänge rechts und links wurde es immer düsterer.
»Die Straße macht da vorne echt den Eindruck, als würde sie jeden Moment in den Fluss kippen.« Selbst Martin war ziemlich ruhig geworden, da die Landschaft immer bedrückender wurde.
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