»Gott zum Gruße«, stieß er mit volltönender Stimme hervor. Justus‘ Mutter sah ihn irritiert an. Was für ein sonderbarer Mann, welch eigenwillige Begrüßung! »Guten Tag, ach, ähm…, kann es sein, dass…, ähm, sind Sie vielleicht der Herr von der Schulbehörde, der diesen Brief geschrieben hat?«
Mit der rechten Hand versuchte sie, noch schnell ihre Frisur ein wenig zu glätten.
»Antonius Grummaritsch von den sieben Türmen«, stellte sich der fremde Herr vor. Frau Peyrikus blickte verdutzt. 'Von den sieben Türmen’, was war das?
»Ich komme in der Tat vom Schulamt,« fuhr er fort, »Abteilung 'Außergewöhnlichbegabte’.«
Justus’ Mutter war sprachlos. Was wollte dieser triefende, befremdliche Mensch von ihr und ihrem Sohn Justus?
»Darf ich eintreten, denn ich glaube, was ich Ihnen zu sagen habe, dauert etwas länger als zwei Minuten.«
Frau Peyrikus bat ihn in die Wohnung und half ihrem Gast beim Ablegen seines immer noch tropfenden Umhangs. Sie führte ihn in die große Wohnküche, die direkt neben Justus’ Zimmer lag. Wiederholt fuhr sie sich mit den Händen durchs Haar, um ihre Nervosität zu vertuschen.
Sie bot ihm einen Platz am großen Küchentisch an, auf dem dampfender Kaffee und ein selbst gebackener Kuchen standen. »Möchten Sie eine Tasse Kaffee? Er ist gerade frisch aufgebrüht. Sie können auch gerne von dem Kuchen kosten.«
Herr Grummaritsch sog den angenehmen Kaffeeduft ein und nahm das Angebot dankend an. Die nassen Kleider ließen ihn ein wenig frösteln, obwohl es in der Küche gemütlich warm war.
Flugs holte Frau Peyrikus ein Kaffeegedeck hervor, goss Kaffee ein und servierte ein Stück des noch warmen Käsekuchens.
Der Kuchen schien ihm zu schmecken, und die ersten Schlucke Kaffee erzeugten ein sichtliches Wohlgefühl. Dann erklärte er, warum seine Behörde ausgerechnet Justus aus einer großen Schar von Jungen und Mädchen dieses Schuljahres ausgewählt hatte.
»Aber Justus kommt nicht alleine zu uns«, berichtete Herr Grummaritsch. »Fast achtzig Jungen und Mädchen werden im nächsten Schuljahr auf unsere wunderbare alte Schule wechseln können.
Es ist eine Schule für Außergewöhnlichbegabte, ein Internat von bestem Ruf mit langer Tradition. Zu dieser Tradition gehört ein besonderes Augenmerk auf die pädagogische Betreuung. So wollen wir dafür sorgen, dass in der Schule ein gutes Lernklima herrscht.«
Früher, so berichtete Herr Grummaritsch weiter, war in diesem Internat viele Jahrhunderte hindurch eine geistliche Bruderschaft ansässig, die die Schüler und Schülerinnen unterrichtet hatte. Heute bestand das Lehrerkollegium ausschließlich aus weltlichen Lehrern.
»Die Umstellung wird für Justus sicher nicht einfach werden. Doch auch Pauline gehört zu den außergewöhnlichbegabten Schülern. Justus hat somit jemanden, den er schon kennt.«
Frau Peyrikus schaute ihn skeptisch an. Herr Grummaritsch von den sieben Türmen musste alle seine Fähigkeiten aufbieten, um sie von den Vorteilen des Schulwechsels zu überzeugen.
Dass auch Pauline dem Kreis der ausgewählten Schüler angehörte, interessierte Frau Peyrikus nicht weiter. Ihre Gedanken kreisten darum, dass Justus in der nächsten Zukunft von ihr getrennt sein sollte und das für eine längere Zeit. Angespannt zupfte sie an der Kittelschürze herum.
»Ist das denn alles schon beschlossene Sache?«, fragte sie unsicher. »Wir wollten ihn eigentlich auf der jetzigen Schule lassen. Ich meine, müssen wir denn nicht erst zustimmen?«
»Selbstverständlich«, beeilte sich Herr Grummaritsch, Frau Peyrikus die Unsicherheit zu nehmen. »Wir würden nichts gegen ihren Willen unternehmen. Aber es wäre sehr betrüblich, wenn sie ihrem Jungen nicht die Ausbildung angedeihen ließen, die seinen Fähigkeiten entspricht.«
»Aber wie kommen Sie gerade auf meinen Sohn? Woher wissen Sie überhaupt von ihm?«
Noch weitere Fragen schwirrten Justus‘ Mutter wie ein Bienenschwarm durch den Kopf. Auf solche Fragen war Herr Grummaritsch von den sieben Türmen jedoch gut vorbereitet.
»Wissen Sie, Frau Peyrikus, wir beobachten Justus schon seit langer Zeit. Doch keine Angst, wir spionieren die Schüler nicht aus. Wir stehen mit sehr vielen Schulen in Verbindung. Und von diesen Schulen bekommen wir regelmäßig Informationen über die besten Schüler.«
Wieder nahm er einen großen Schluck von dem wärmenden Kaffee, der ihm ausgezeichnet bekam.
»Aber wieso gerade jetzt, wo er sich so kurz vor dem Ende der Mittelstufe befindet?«
»Wir beobachten die Schüler immer sehr genau und sind über ihre Entwicklung recht gut informiert. Dabei achten wir nicht nur auf die Noten. Es gibt noch viele andere Kriterien, die berücksichtigt werden und für den Zeitpunkt eines Wechsels wichtig sind. So glauben wir, dass jetzt der richtige Moment gekommen ist, seine Entwicklung besonders zu fördern. Justus hat ausgezeichnete Begabungen, die den meisten Menschen verborgen bleiben.
Sie rühren von seinem Großvater her, der auch bei uns seine Schulzeit verbracht hat. Wissen Sie das eigentlich? Auch er war hochbegabt, ganz wie Justus.«
»Das wusste ich nicht. Wir haben Justus immer für einen normalen Jungen gehalten. Und… was seinen Großvater betrifft… Früher passierten permanent solche verrückten Dinge… Unsere Mutter schimpfte dann, … wir Kinder machten uns keine weiteren Gedanken… Aber Justus…«
Herr Grummaritsch strich sich über seinen langen weißen Bart. »Genau diese Vorkommnisse geschahen durch ihren Vater. Nun haben wir auch bei Justus seit geraumer Zeit festgestellt, dass er ähnliche sehr gute Anlagen hat. Sie müssen nur richtig und fachmännisch ausgebildet werden. Viele berühmte Hochbegabte entstammen Ihrer Familie. Schließlich wollen wir doch nicht, dass die lange und alte Tradition Ihrer Familie abbricht. Und bei Justus ist es etwas Besonderes. Er besitzt die geniale Fähigkeit des Sehens, die schon sein Großvater besessen hat. Nicht nur deswegen wird er in unseren Kreisen überaus geschätzt.«
Die Augenbrauen des Besuchers hoben und senkten sich vielsagend, wobei die dunkelbraunen Augen eindringlich auf Frau Peyrikus gerichtet waren.
Justus‘ Mutter wusste gar nicht, wie sie die ganze Sache einschätzen sollte.
»Seine Lehrerin hat schon einmal mit uns über seine Begabungen gesprochen. Dass er aber so außergewöhnlich begabt sein soll… Und jetzt auf eine andere Schule.«
Frau Peyrikus wurde immer verzweifelter, denn der Schulwechsel schien unausweichlich zu sein.
»Wäre doch nur mein Mann schon zu Hause...«
Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, ging die Wohnungstür. Im nächsten Moment betrat ihr Mann die Küche.
Überrascht von der unbekannten Gestalt, die da mit seiner Frau in der Küche bei Kaffee und Kuchen saß, blickte er von einem zum anderen.
»Hallo, wir haben einen Gast?«, wandte er sich etwas verdutzt an seine Frau und stellte seine Arbeitstasche zur Seite.
Herr Grummaritsch erhob sich sofort von seinem Stuhl, um sich Herrn Peyrikus vorzustellen.
»Sie haben sicherlich auch schon den Brief der Schulbehörde gelesen, die ihnen einen Schulwechsel ihres Sohnes nahelegt«, wandte er sich an Justus’ Vater.
Herr Peyrikus nickte zustimmend, ließ sich auf einem freien Stuhl am Küchentisch nieder und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein.
Herr Grummaritsch erklärte ihm in kurzen Zügen, warum der angedachte Schulwechsel empfehlenswert sei.
»Ich sagte schon ihrer verehrten Gattin, dass wir in Justus einen hochtalentierten Jungen sehen, der außergewöhnliche Fähigkeiten besitzt. Daher möchten wir zu einem Schulwechsel für Justus raten.« Er wiederholte noch einmal in kurzen Sätzen die Vorzüge des jetzigen Zeitpunktes und auch der Schule, auf die Justus ab dem nächsten Schuljahr gehen sollte. Auch die herausragenden Fähigkeiten benannte er nochmals.
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