Sein Herz zog sich zu einem dicken Knoten zusammen.
***
Als Margha und Broxx zusammen Feuerholz im Wald nahe ihres derzeitigen Lagers sammelten, ergriff er die Gelegenheit, die Zweisamkeit beim Schopf.
„Es tut mir Leid wegen der Sache mit Lurd“, begann er sich zu entschuldigen, „Die Kraft des Dämons weckt eine Boshaftigkeit in mir, die ich selbst noch nie erlebt habe. Jedes Mal, wenn er in mir durchbricht, übernimmt er einen größeren Teil von mir. Eigentlich wollte ich dem Jungen nichts Böses.“
Sie nickte lächelnd. „Entschuldigung angenommen. Ich weiß, dass du nichts dafür kannst.
Aber das ist eine ernste Sache. Weißt du noch, was Kumupen gesagt hat? Der Einwanderer hatte eine schwere Krankheit, die eine Art Wundbrand an seinen Gliedern verursachte.
Ich glaube dieser Wundbrand war die langsame, aber stete Verwandlung in einen Schatten.
Anscheinend hat die Seuche noch weitere Eigenschaften als nur die Übernahme des Denkzentrums. Ich stelle mir das so vor:
Sie nimmt beim Austausch von Körperflüssigkeiten, wie bei einem Biss oder bei anderen, stärkeren Verbindungen, wie der Versiegelung des Dämons in dir, Eigenschaften aus dem neu hinzugekommenen Erbmaterial im Wirt auf. Bei den Donnerbergenern war es die Animalität der Wölfe, bei dir ist es die Bosheit und Verderbtheit des Dämons.
Alles in allem benötigen wir dringend ein Gegenmittel, denn sonst haben wir ein ernsthaftes Problem. Nicht nur du wirst zu einer Gefahr. Gar nicht auszudenken, was für abscheuliche Kreuzungen so möglich sind!“
„Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Aber du hast Recht. Die Ogerschatten in Karratosch hatten auch nicht mehr ihre ursprüngliche Gestalt. Wahrscheinlich hat sie irgendwer mit Trollen oder Riesen gekreuzt. So lässt sich auch ihre - selbst für sie – gewaltige Kraft erklären.
Wir müssen herausfinden, wie weit entwickelt diese Seuche ist. Auf jeden Fall wird die Bedrohung schlimmer, je länger wir uns Zeit lassen, gegen sie vorzugehen.“
Beide schwiegen und ließen die bedrückenden Erkenntnisse auf sich wirken.
„Ah! Schau mal, da! Königskraut, genau das, was ich für das Elixier brauche. Damit können wir feststellen, ob Lurd infiziert ist oder nicht“, freute sich die Mor'grosh plötzlich.
„Gut, dann lass uns sofort losgehen, es wird langsam dunkel. Und in diesen Zeiten traue ich selbst dieser ruhigen Umgebung nicht.“
Noch am selben Abend kochte Margha auf dem Lagerfeuer einen grünlichen Sud.
Broxx rümpfte die Nase. Die zähe Flüssigkeit sonderte den süßlichen Gestank von faulendem Obst ab.
Als sie anhand des Geschmacks das Gebräu für tauglich befand, füllte die Mor'grosh etwas davon in einen Becher ab und hielt ihn Lurd hin.
„Trink das.“
„Aber... bäh! Das stinkt widerlich!“, antwortete dieser angeekelt und weigerte sich, zu trinken.
„Gut, dann bleib eben im Ungewissen, ob dein Leben vielleicht nachhaltig beeinträchtigt sein wird. Wir lassen dich dann hier, nur zur Sicherheit, dass du uns nicht eines Nachts zerfleischst.“
„Hmm... Ist ja schon gut. Her mit dem Gesöff.“ Er nahm einen tiefen Zug.
„Wähhhh, schmeckt das eklig!“ Dennoch trank er den ganzen Becher aus.
„Und was bringt das jetzt? Ich merke gar...“
Mitten im Satz kippte er einfach nach vorne um und blieb mit dem Gesicht vor seinen überkreuzten Beinen liegen.
Margha grinste. „Es wirkt.“
„Und jetzt?“, fragte Broxx erstaunt.
„Jetzt warten wir.“
„Was passiert dann?“
„Wirst du schon sehen.“
Brummend verschränkte Broxx die Arme und wartete.
Als Lurd plötzlich begann, sich ruckartig zu bewegen, war er schon fast eingenickt.
Der Junge vollführte spastische Bewegungen, krümmte sich zusammen, sprang auf, bis er sich schließlich gerade auf den Rücken legte. Er öffnete den Mund.
Langsam erhob sich daraus ein weiß leuchtender Funke, der aussah wie eine sehr helle Lampe ohne Fassung.
„Dank sei der Erdenmutter! Er ist von der Infektion verschont geblieben!“, freute sich Margha. Sie kratzte sich am Kopf. „Achso... Ich sehe das daran, dass die Lebenskugel weiß ist, Elune und Broxx. Wäre er krank, wäre sie verfärbt, rot, schwarz, grün oder sonst eine andere Farbe, je nachdem, was er hätte.“
„Lebenskugel?“, fragte Elune erstaunt. „Du hast seine Seele aus ihm geholt?“
„Genau das habe ich. Das ist ein starkes Projektionselixier, es zeigt den Zustand des Körpers in seiner reinsten Form: Der Seele.“
Nach und nach versteckte sich der Funke wieder in Lurds Kehle.
Als er aufwachte, fielen ihm alle glücklich um den Hals. „Dir fehlt nichts!“
„Was war denn jetzt los? Bin ich eingepennt?“, fragte der junge Mann verwirrt.
Sie lachten nur herzlich und erklärten es ihm.
***
„Also war die ganze Stadt von dieser Lykanthropie, wie ihr sie nennt, betroffen? Und ihr habt sie wirklich alle getötet? Seid ihr sicher?“, fragte König Richard harsch.
Sofort nachdem die Gruppe Hammerfall erreicht hatte, unterrichtete Broxx diesen vom Ausgang ihrer Mission.
„Ja. Wir selbst sind aber reichlich knapp davon gekommen. Elune und Lurd haben mittlere Wunden davongetragen und mich hat auch nur das Glück von schwereren Verletzungen verschont.“
„Es tut mir Leid. Aber als Entschädigung und für eure Verdienste im Namen der Krone verleihe ich euch den Status eines königlichen Botschafters.“
„Vielen Dank für das Zeichen Eure Wertschätzung, Majestät. Es ist uns eine Ehre.“
Er räusperte sich.
„Aber da wäre noch die Sache mit den Gefangenen...“
„Ich werde sofort ein offizielles Befehlsschreiben verfassen, mit dem es Euch möglich sein wird, sie zu befreien. Jeden Einzelnen, denn das Reich ist wieder sicher und die Bauern können auf ihre Ländereien zurück. Sie werden keine Aufstände mehr verursachen. Und den anderen bin ich heute geneigt, eine zweite Chance zu geben. Ich hoffe sie ergreifen die Gelegenheit beim Schopf.“
„Ich danke Euch. Ihr Wohl liegt mir am Herzen.“
„Ihr seid wahrlich ein nobler Mann, Broxx... Wenn jemand diese Seuchen besiegen kann, dann ihr.
Außerdem ist euch natürlich auch die Unterstützung der Menschen bei Eurem Kampf gegen die Seuche sicher.
Wenn ich einen Vorschlag machen dürfte: Geht als nächstes zu unseren Verbündeten, den Zwergen. Sie sind starke und robuste Krieger und werden euch sicherlich helfen.
In Hammerfall gibt es einen Eingang zu einem Tunnel, der in ihr Reich, tief im Gebirge, führt.“
„Das werden wir“, erwiderte Broxx und verabschiedete sich. Erstmal mussten sich die Gefährten ein wenig von den Strapazen in Donnerbergen erholen, dann würden sie weitersehen.
***
Broxx tat, wie ihm geheißen, wenn auch nicht ohne eigenes Interesse.
Er verließ den Palast, spuckte noch auf den überstrapazierten Prunk des Königshauses und marschierte die Kopfsteinpflasterstraße entlang.
Sobald er die Tore von den Adelsgefilden zu den Wohnungen des Pöbels durchschritten hatte, traf er auf eine dicht gedrängte Menschenmasse.
Leib an Leib stamden sie auf der morastigen, von Kericht und Essenresten verdreckten Straße – so mancher Adelsmann hätte es als Feldweg bezeichnet -, drängten und schubsten, um einen besseren Blick auf das Geschehen zu erhaschen.
Eben diesen Blick versuchte auch Broxx zu bekommen. Den Vorteil seines massigen Körpers nutzend, schob er sich durch die Menge, bis er eine gute Sicht hatte.
Auf dem hölzernen Gestell stand ein maskierter Mann, über dessen Haupt Stricke von einem Balken herabhingen. Sechs Menschen hatten die Köpfe in den Schlingen der Galgenstricke.
Soeben legte der Henker die Hand an den Hebel.
„Halt!“, schrie Broxx und hob energisch die Hand. Er schob sich durch die Leute und schritt die Treppe auf das künstliche Plateau hinauf.
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