Bleiben „nur“ noch ein paar hundert. Das kann ja lustig werden , dachte sie.
Nun stürmten auch die anderen Bestien auf die Tribüne.
Von allen Seiten drangen Feinde auf die Gefährten ein.
Kumupen war indes in der Masse untergetaucht und trotz seines weißen Felles, das ihn von seinen grauen Artgenossen unterschied, konnte Broxx ihn nicht ausmachen.
Jeder der vier versuchte sich auf seine eigene Weise gegen die Vielzahl von Gegnern zur Wehr zu setzen.
Broxx benutzte jeweils eine seiner Waffen als notdürftigen Schild und schlug mit der anderen nach allen Gliedmaßen und Körperteilen, die er erreichen konnte.
Sein Ziel war es, die Gegner zu verwunden und sie dadurch vorerst außer Gefecht zu setzen, was ganz gut klappte. Mehrere mussten weichen.
Elune versuchte, immer ein wenig Abstand zu ihren Feinden zu gewinnen, um sie so mit ihren Pfeilen durchlöchern zu können, und nutzte dafür agil jeden Holzplanken und jedes freie Fleckchen, das sie erreichen konnte.
Sollte es doch einmal ein Wolfsmensch in ihre Nähe schaffen, rammte sie ihren Dolch in dessen Fleisch.
Lurd und Margha bildeten ein Team, waren sie doch von Broxx und Elune getrennt worden.
Die Mor'grosh stärkte ihren Verbündeten mit ihren schamanistischen Kräften und drosch mit ihrem Zweihandstab um sich, so gut es ging, wohingegen der junge Mann mit seinen magisch verstärkten Kräften mit seinem Bidehänder einen Gegner nach dem anderen fällte.
Lange wütete der Kampf, doch die Werwölfe waren zäh. Und die Blutgier trieb sie dazu, sich in halsbrecherische Angriffe zu stürzen.
Dennoch schienen es einfach nicht weniger zu werden und langsam aber sicher wurde die Gruppe müde.
Kumupen witterte seine Chance.
Er drängte sich durch die Menge zurück zu Broxx und stürzte sich zähnefletschend auf ihn. Durch die Wucht der Sprunges wurde der Halbork zu Boden geworfen.
Unter Aufbringung all seiner Stärke hielt dieser die todbringenden Fänge davon ab, sich in seiner Kehle zu verbeißen.
Fauliger Atem schlug ihm ins Gesicht.
Doch er hielt stand und sah der Bestie direkt in die Augen.
Auch jetzt waren diese eisblau, aber nun durchzogen von blutroten Schlieren.
Wieder weckten sie den Dämonen in Broxx. Ein unsagbares Verlangen nach Erlösung von den dadurch entstehenden Schmerzen breitete sich in ihm aus.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, die in Wirklichkeit nur wenige Augenblicke darstellten, hielt er es nicht mehr aus und gab dem Drang nach. Er verwandelte sich wieder in die dämonische Gestalt.
Im Grunde genommen unterschied er sich jetzt kaum mehr von seinen Feinden, jedoch überragte er sie bei Weitem.
So packte er den immer noch nach ihm schnappenden Kumupen an beiden Armen und zog mit einer Gewalt daran, die ihm nur durch die Kräfte des Dämons zugänglich war. Es stellte ein leichtes dar, den wehrlosen Wolfsmenschen in einem Gewitter aus Blut und Gedärmen in der Mitte auseinander zu reißen.
Er wischte sich mit den krallenbesetzten Klauen den dunkelroten Lebenssaft aus dem Gesicht, dann wandte er sich den übrigen Feinde zu.
Mit seinen Krallen zerfetzte er sie, zermalmte sie unter seinen Fäusten.
Er wütete und verfolgte jeden, der zu fliehen versuchte, kannte kein Erbarmen.
Sie musste restlos vernichtet werden, stellten sie doch eine zu große Infektionsgefahr dar und bald lagen alle Werwölfe tot um die Tribüne verteilt.
Nach ihrem Ende verwandelten sie sich zurück in ihre menschliche Form und Broxx tat es ihnen letztendlich gleich.
Er hatte ein Gemetzel veranstaltet. Das Blut seiner Opfer tränkte den Boden und Leichenteile lagen überall verstreut.
Wenn er es sich jetzt so ansah, bereute er es beinahe.
Es war richtig. Die Gefahr, die von ihnen ausging, war zu groß.
Auch die anderen betrachteten die Leichenberge. Sichtlich angewidert, wandte Lurd sich ab und übergab sich mehrmals. Margha half ihm, sich nicht zu verschlucken und redete ihm gut zu.
Eine ganze Dorfgemeinschaft war durch die Gruppe ausgelöscht worden.
Die Einwohner waren Bestien gewesen, aber dennoch belastete es Broxx Gewissen ein wenig.
Jetzt bemerkte er, dass Margha Lurds Arm begutachtete.
Als er näher an die beiden herantrat, erkannte er eine leichte Wunde an dessen Schulter.
„Wie ist das passiert?“
„Ein Werwolf hat mich erwischt. Aber es ist nicht so schlimm.“
„Doch. Es ist eben schon schlimm. Hast du Kumupen nicht zugehört? Du könntest dich verwandeln!“
Lurd schwieg betreten und starrte ins Leere.
Broxx bedeutete Margha, ihm ihr Ohr zu leihen, dann flüsterte er hinein:
„Wir müssen ihn töten. Er ist eine Gefahr für uns alle!“
Entsetzt entfernte sich die Halborkin von ihm und schaute ihn ernst und enttäuscht an.
„Broxx! Ist das Blutbad, das wir hier angerichtet haben, nicht genug? Jetzt reicht es!“, sagte sie erbost. „Außerdem sieh dich doch an. Der Dämon, der in dir versiegelt ist, könnte jederzeit die Kontrolle übernehmen!
Du hast genauso wenig, wie irgendjemand anders das Recht, ihn zu richten, obwohl er nichts verbrochen hat.“
Leiser fügte sie hinzu: „So kenne ich dich gar nicht.“
Er senkte die Augen. „Du hast Recht. Es tut mir Leid. Ich glaube, die Bosheit des Dämons hält mich immer noch umklammert.
Auf jeden Fall müssen wir herausfinden, ob er infiziert ist.“
„Einverstanden. Ich bereite sobald wie möglich ein Elixier zu, das ihn auf Krankheiten überprüft.“
Broxx nickte. „Wir übernachten am besten in einer der Wohnungen. Vielleicht finden wir dort auch etwas vernünftiges zu Essen.“
Dann nahm er den Verletzten auf seine Schultern und forderte die anderen auf, ihm zu folgen.
***
Nachdem die Gefährten in einem Gasthaus mit genug Betten für alle geschlafen und sich an den Vorräten bedient hatten, gingen sie zu den Kutschen zurück.
Als sie sie erreichten, dösten die Moohls zufrieden in der Nachmittagssonne des nächsten Tages.
Sie packten ihre Siebensachen und begannen die Reise zurück nach Hammerfall.
Während dem ständigen Ruckeln der Kutsche auf den unebenen Wegen, dem Auf und Ab der Landschaft und mehreren Sonnenzyklen, fand Broxx wieder viel Zeit nachzudenken.
Bin ich den Werwölfen wirklich so ähnlich?
Ja, letztendlich schon. Zwar kommt meine Fähigkeit, mich in ein wolfsähnliches Wesen zu verwandeln vom Dämon in mir und nicht von einer mysteriösen Infektion, aber mein Zustand ist nicht anders. Zerstörungswut und Aggressivität beherrschen mich immer mehr.
Selbst nach meiner Rückwandlung hat die dämonische Aura noch nachgewirkt. Margha hat Recht. Ich kann verstehen, dass sie sich im Moment von mir distanziert.
Ich muss mich bei ihr entschuldigen.
Nachdenklich wanderte sein Blick über seine Arme zu seinen Händen. Zahlreiche Narben, von Kratzern bis zu tiefen Einschnitten zogen sich über seine Haut. Die Handflächen waren verhornt vom vielen Kämpfen. Eine Entwicklung, die sich vollzog, seit er sich als Kind in der Kriegskunst geschult hatte.
Nun betrachtete er seine Finger. Sie waren kräftig, dick und etwa 5 Zoll lang. Plötzlich fiel ihm auf, dass seine Fingerkuppen die durchsichtig-schimmerende violette Farbe der Schatten annahm. Bei der anderen Hand war es genauso.
Nein! Die Seuche in mir breitet sich aus. Ich beginne, zu einem von ihnen zu werden...
Er hatte Angst. Alles in ihm widerstrebte dem Schattensein.
Ein Monster, dass sich gegen seine Freunde wenden würde. Gegen alles, was ihm wichtig war. Gegen Margha.
Hoffentlich finde ich eine Möglichkeit, diese Krankheit loszuwerden, bevor ich meinen Verstand verliere.
Und wieder spielten sich die Bilder seiner Gefangennahme, des Aufhalts in der Zitadelle, Tethas Tod, Mroshs Tod, die Auslöschung Donnerbergens ab.
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