Das änderte sich auch nicht bei der Marine und führte schon mal zu Spannungen, weil andere Soldaten glaubten, ich meide sie weil ich etwas gegen sie habe. Während einer Art Bordpraktikum zu meiner Ausbildung als Tastfunker auf einem Kriegsschiff provozierte allerdings mein Widerstand gegen die Gruppendynamik massive Gegenreaktionen. Dort führte mein Verhalten bei den regelmäßigen Besäufnissen im Deck mit viel Hochprozentigem, den es bei jeder Seefahrt zollfrei an Bord zu kaufen gab, zum Eklat. Meine Weigerung in geselliger Runde im Deck mehr als nur ein Bier zu trinken, sah man als Missachtung der Deckskameradschaft. Mein beleidigendes Verhalten löste mehrmals alkoholinduzierte, gruppendynamische Prozesse aus, die der Decksälteste unter dem Gröhlen der Kameraden als notwendige erzieherische Maßnahme einstufte. Die folgenden Gewalttätigkeiten, wurden auch von Offizieren gutgeheißen. Mein direkter Vorgesetzter, der regelmäßig zum Trinken eingeladen wurde, meinte dazu: „Es ist besser die regeln das im Deck wie Männer“. Da ich weiter massiv Widerstand leistete und nicht einlenkte (dabei fehlte mir leider auch ein wenig psychologisches Gespür und Erfahrung im Umgang mit Gemeinschaften), wurde mir recht bald die vorzeitige Versetzung mitgeteilt.
Den Vertrauensbruch, den ich ausgelöst hatte, indem ich den Wehrbeauftragten einschaltete, konnte man mir nicht verzeihen. Die Begründung der Versetzung von meinem verständnislosen Kommandanten, der immerhin an der Hochschule der Bundeswehr Sozialwissenschaften studiert hatte, war mangelnde Sozialisation, um in einer Bordgemeinschaft als Kamerad zu bestehen, auf den sich die Gemeinschaft auch in schwierigen Situationen verlassen kann.
So verlief mein Aufenthalt in der Bundesmarine weiterhin alkoholarm. Auf allen weiteren Kommandos war das Trinken freiwillig und eher ein Privileg kleiner verschworener Gemeinschaften von Zeitsoldaten. Eine einzige Ausnahme machte ich zu einer Jahreswende. In Flensburg hatte ich während eines Lehrgangs den Wachdienst mit einem Soldaten aus einer anderen Kompanie getauscht, weil er mich dafür bezahlt hatte. Ich wollte eh nicht wegfahren. Freunde hatte ich keine. Stattdessen hoffte ich über die Feiertage an den wachfreien Tagen auf gutes Surfwetter auf der Förde. Der Deal war gut. Die Wachtage an einem langen Wochenende ließen genug Freizeit übrig für eine besondere Surfaktion.
Das Wetter blieb leider schlecht. Es war nasskalt bei Dauerregen bis einschließlich zum Jahresultimo. Am 31. Dezember war meine Wache morgens erledigt. Es regnete immer noch in strömen. Als ich in meinen Block zurückkam, ging ich durch leere Gänge. Mein Kasernenblock war wie ausgestorben. Ich war der einzige, der nicht Urlaub genommen hatte. Selbst die Aufgabe des Unteroffiziers vom Dienst wurde von einem anderen Block übernommen. Merkwürdig laut hallten meine Schritte im einsamen Flur wider. An Outdoor-Aktivitäten war nicht zu denken. Ich merkte, dass das wohl ein sehr langweiliger Tag werden würde. Ich fuhr in die Stadt und es tat gut unter Menschen zu sein, auch wenn sie nur im Regen an mir vorbeieilten. Ich entschied mich einige Lebensmittel zu kaufen. Auf dem Wochenmarkt roch es sehr gut nach frisch geräuchertem Aal. Ich kaufte einen und hatte eine Idee.
Ich hatte mehrfach erlebt, dass Leute beim Aal essen auch Krabben puhlten und Schnaps tranken. In etwas Schnaps wurden dann auch die fettigen Hände gewaschen. Ich konnte es mir doch auf meiner Vierbettbude im Block einigermaßen gemütlich machen. Von meiner Bordzeit, die mittlerweile einige Monate zurück lag, hatte ich noch eine Flasche Whisky, die ich damals zollfrei erstanden hatte. Also kaufte ich noch ein Pfund Krabben, Heilbutt und Kieler Sprotten. Außerdem noch Cola, Schokolade und Kuchen. Damit sollte ich doch diesen und den nächsten Tag gut rumkriegen können. Eine Stunde später konnte mein Aalessen beginnen. Den Whisky dazu stilecht pur zu trinken wollte ich nicht. Sowieso schüttete ich erst einmal ein Drittel des Inhalts der 0,7 l Flasche in den Ausguss. Rein präventiv. Ich mag kontrollierte Bedingungen. Da fühle ich mich sicherer und folglich auch entspannter. Ich mischte den Whisky mit reichlich Cola, um ihn genießbar zu machen. Ich genoß mein Mahl und wurde sehr satt. Allein der Aal hätte für mehrere Personen gereicht. Dazu trank ich reichlich Whisky-Cola. Ich sah das Trinken auch als Gelegenheit herauszufinden, was ich beim Trinken mit den sogenannten Deckskameraden auf dem Bordkommando möglicherweise verpasst hatte. Ich wollte wissen wie es sich anfühlt, wenn Alkohol anfängt zu wirken. Ich war ja jetzt allein und konnte das ungeniert und ohne Gruppendruck probieren. Wenn es zu stark werden würde, könnte ich ja einfach aufhören, ohne dass jemand das nächste Glas füllte und mich nötigte weiterzutrinken. Unter diesen kontrollierten Bedingungen, fühlte ich mich sicher genug für ein solches Experiment.
Lange tat es keine Wirkung und so trank ich weiter bis ich euphorischer wurde. Schon eine weitere halbe Stunde später wurde mir zunehmend schlecht. Ich entschied schnell den Tisch abzuräumen und mich ins Bett zu legen. Gegen 16 Uhr etwa schlief ich ein. Vom Neujahrsfeuerwerk hörte ich nichts. Am nächsten Morgen wachte ich gegen sechs Uhr morgens mit höllischen Kopfschmerzen auf. Draußen hatte es aufgehört zu regnen. Der Wind bewegte durch das auf Kipp geöffnete Fenster die Vorhänge. Etwas später ein Schauer. Das musste eine durchziehende Kaltfront sein, die das dauernasse Warmfrontwetter ersetzte. Genauer konnte ich das im Moment nicht beurteilen, denn es fiel mir schwer die Horizontale zu verlassen. Auf jeden Fall sah das nach guten Surfbedingungen aus. Ich fing an mich zu ärgern, weil ich keine Chance sah für einen sportlichen Kick auf der Förde. Ich war doch extra nicht in Urlaub gegangen, weil ich surfen wollte. Die Leidenschaft war groß. Immer wieder zwang sie mich, mich aufzurichten und zu versuchen, ob es nicht doch allmählich ginge, aber der Kater zwang mich wieder zurück in die Horizontale. Eines wusste ich jetzt, eine Trinkmenge von 0,35-0,4 l Whisky war zu viel für mich. Noch wichtiger war die Erkenntnis, dass es eine Weile dauerte, ja eigentlich für meinen Geschmack recht lange sogar, bis Alkohol wirkte. Größere Trinkpausen wären da angebracht. Das Fazit dieses Tages war: Anders trinken mit längeren Pausen, macht vielleicht mehr Spaß aber Surfen bei ordentlich ist um Längen besser, denn das ist ein aktiver und nachhaltiger Kick. Und diese Chance drohte mir hier zu entgehen.
Was war ich glücklich, als sich nach Stunden und reichlich Paracetamol Besserung ankündigte. Ich schnappte meine Sporttasche, die ich in meiner Vorfreude bereits vor Tagen gepackt hatte und lief zu meinem Rennrad mit dem Anhänger. Natürlich besaß ich kein Auto, der Umwelt zu Liebe. Es war bereits Nachmittag, als ich ans Ufer der Förde kam. Den Neoprenanzug hatte ich wegen der Kälte bereits in der Kaserne angezogen. In wenigen Momenten war ich startklar. Mit einer kräftigen Bö startete ich und beschleunigte gleich so, dass ich lange Arme bekam und es einen Augenblick dauerte, bis ich mich ins Trapez eingehängt hatte. Jetzt, wo ich den größten Teil der Segelkraft tief zurückgelehnt mit dem Oberkörper hielt, konnte ich bequem mit den Armen steuern und die Geschwindigkeit genießen. Ein Blick zurück zeigte mir, die ersten 1000 m waren geschafft. Ich fühlte mich wieder frei. Alles fühlte sich gut an. Der Wind hatte satte sechs Beaufort, in Böen bis sieben. Die Förde war übersät mit kleinen Kabbelwellen. Wie über Kopfsteinpflaster schoss das Brett holpernd über die dicht gedrängten Wellen, die weiter draußen mit etwas Dünung liefen. Optimale Bedingungen also, um heute Mal rüber nach Dänemark zu fahren. Da hinten auf der Ochseninsel, da wollte ich immer schon mal landen.
Diese Befriedigung die ich erlebte, wenn ich mit <���´nem-Affenzahn-übers- Wasser-heizte> und das Brett über die steilen Windseen hüpfte, war gigantisch. Dann schrie ich in jede Bö hinein, die mich nicht schmiss. Und wenn sie es doch tat – na und. Nach einer Weile spürte man nicht mehr die Schmerzen, die die wahnsinnigen Kräfte verursachten das Brett zu sortieren, um erneut aus dem eiskalten Wasser zu starten. Es musste weitergehen. Ich konnte doch nicht mitten in der Förde sagen, ‚ich mag nicht mehr‘. Das Wasser war im Januar auch viel zu kalt zum Ausruhen. Die Kopfschmerzen des Katers spürte ich erst wieder, als ich vom Strand der Ochseninsel aus westwärts nach Flensburg rüberschaute. Lange blieb ich nicht. Ich musste schnell zurück. Die winterliche Abenddämmerung kommt früh. Also surfte ich zurück, der Steilküste entgegen, die langsam im ersten Dunkel der Nacht verschwand. Als Silhouette blieb sie bald nur noch als leichter Streifen sichtbar, aber die kleine Bucht wo mein Fahrradanhänger parkte, war schon im Schwarz der Nacht versunken. Vorsichtshalber ging ich etwas mehr an den Wind und steuerte großzügig backbord am Ziel vorbei. So hoffte ich, wenn ich näher kam, mehr zu sehen, um dann raumschots die Steilküste nach meinem Startplatz abzusuchen. Der Wind hatte mittlerweile auch deutlich nachgelassen. Vier Beauford reichten aber, um meinen kleinen Semisinker unter den Füßen nicht untergehen zu lassen. Der Nachteil schneller Bretter ist nun mal der durch geringes Auftriebsvolumen. Kleine Surfbretter sind auch nur ab einer Mindestgeschwindigkeit tragfähig. Was für ein Tag! Die hier erlebten Gefühle, die sich selbst später Zuhause im Bett noch trotz völliger Erschöpfung feierten, waren ultimatives Erleben.
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