Ich fand, dass mein Putzen sehr gründlich war. Ich benutzte nur zertifizierte Reiniger, geprüfte Reiniger und Öko-Reiniger. Das Haus wurde so klinisch rein. Gerade deshalb ertrug ich es nicht, wenn meine Frau trotzdem wortlos zu putzen anfing und mir so subtil zu verstehen gab, dass sie im schwangeren Zustand tun musste, was eigentlich meine Aufgabe wäre. Dieser Putzwahn, in den ich mich mit hineinsteigerte ging zu weit. Auch wenn es nichts zu tun gab, gab mir meine Frau zu verstehen, dass es besser war, wenn ich zu Hause bliebe. Selbst das gemeinsame Salsatanzen fiel von nun an aus.
Was immer meine Frau forderte, ich tat es. Ich wollte unbedingt den Frieden wahren, gerade unter den anderen Umständen. Diese Sondersituation war schließlich zeitlich und hormonell befristet. Ich wusste doch, dass sie so ganz anders sein konnte. Da war es doch nur fair, wenn ich auch mein, Schwimmtraining, Radfahren, Joggen und Fliegen etwas einschränkte. Das waren doch alles nur Freizeitaktivitäten. Meine Frau fand es sowieso immer schon etwas merkwürdig, dass ich fürs Training abends noch rausging, meist bis nach 23 Uhr. Niemand sonst, den sie kannte, tat das. Musste so viel Sport sein? War das nicht ein bisschen zu extrem? Wo blieb die Zweisamkeit. Immer hatte ich mich durchgesetzt. Es drängte mich zu sehr. Sport hat neben der Arbeit, die mir Lebenssinn gibt die stärkste Wirkung auf meine Befindlichkeit. Meist transformiert er meine überschüssige Energie in wache Entspannung. Nach Feierabend erlaubt er die kritische Reflektion meines Arbeitstages um dann Abstand zu finden. Erst ein paar sportliche Härten, die den Puls ordentlich treiben, helfen schließlich in einer weiteren Phase, mich von beruflichen Gedanken loszureißen und wirklich in einen anderen Modus zu schalten. Wegen meiner Vergangenheit und Gegenwart als Leistungsschwimmer braucht noch heute mein gepflegtes Sportlerherz eine viel höhere Dosis, um ein Training befriedigt beenden zu können. Ich bin stolz darauf, dass auch mit Mitte vierzig mein Lungenvolumen immer noch überdurchschnittlich ist und ich beim Streckentauchen nach der 25m-Wende noch fast eine ganze Bahn schaffe.
Spätestens mit der nun heraufziehenden Dreisamkeit sah auch ich die Zeit gekommen sportlich kürzer zu treten. Meine Familie durfte mehr Aufmerksamkeit erwarten. Aus kleinen Einschränkungen beim Sport wurde so nach und nach im Rahmen einer freiwilligen Selbstbeschränkung eine neue Gewohnheit. Immer, wenn ich mit dieser Gewohnheit brach, wurde mein Sport nicht mit einer Endorphinausschüttung belohnt, sondern mit einem schlechten Gewissen bestraft. Außer lesen und Putzen passierte zu Hause in trauter Zwei(drei)samkeit aber nichts. Gleichzeitig fing ich an meine geliebten, sportlichen Leidenschaften zu vermissen.
Dies war meine erste Auszeit vom Sport seit ich mit sechs Jahren in den Ruderverein und wenig später in den Schwimmverein eintrat. Selbst während meiner Bundeswehrzeit, auch in der Grundausbildung, wurde ich unterstützt mein Wettkampftraining fortzusetzen. Sport war immer schon mein Lebenselixier. Selbst als Student nahm ich noch lange regelmäßig an den Deutschen Hochschulmeisterschaften teil. Ich brauchte den Sport als Ausgleich und zum Denken. Nur beim Sport konnte ich durch das Verbrennen von Kalorien neue Lebensenergie gewinnen. Im Sport fand ich zu mir. Eigentlich machte ich nicht Sport, ich war Sport. Meine sportfreie Feierabendzeit führte zu Entzugssymptomen. Ich wurde zunehmend unruhiger und gereizter. Verzweifelt suchte ich nach Beschäftigungsalternativen.
Da kam ich auf die Idee, dass zu tun, was einige meiner Kollegen abends regelmäßig machten. Sie machten es sich bei einem Fernsehabend mit dem Wein gemütlich, den wir reichlich von der Firma gestellt bekamen, um ihn an Geschäftskunden zu verschenken. Ein Kollege erinnerte an den Marketingleiter, der gesagt hatte, dass man nur einen Wein empfehlen kann, den man selbst probiert habe. Auch das zeuge von der Qualität unserer Mitarbeiter und ihren Leistungen. Ich machte es meinen Kollegen nach und trank von nun an von dem Wein, den ich seit Jahren im Keller lagerte. Warum hatte ich das nicht schon früher getan. Es war so bequem und auch gemütlich. Meine Kollegen mochten gar nicht glauben, dass ich noch nie eine Flasche von dem Wein der Firma aufgemacht hatte. Es war also völlig normal. Das Beispiel der Kollegen gab den Anlass einen Fernseher zu kaufen, der auch von der Größe her in ein Wohnzimmer passte. Bislang hatten wir nur ein uraltes, tragbares Schwarz/Weiß Gerät. Zum gelegentlichen Sehen der Nachrichten hatte das gereicht. Ich saß dann meist wegen des kleinen Bildschirms auf dem Teppich davor. Mit dem neuen Gerät konnte man auch bequem vom Sofa aus sehen. Für einen ganzen Fernsehabend war das einfach besser. Meine Frau war mit dem Kauf auch zu frieden. Es unterstrich eine Häuslichkeit, die zu einem Familiennest passte.
Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich zu viel trank, denn meine Kollegen tranken schon seit Jahren und sie tranken viel mehr. Nebenbei waren sie alle erfolgreich und hatten den Status außertariflich bezahlter Mitarbeiter erreicht. Auch bei den Prämien für besondere Zielerreichungen, hatten sie stets die Nase vorn. Bei offiziellen Anlässen auf Kongressen und Symposien tranken sie nie und gingen souverän ihrer Arbeit nach. Nur wenn es im Anschluss im kleinen Kollegenkreis einen Grund zu feiern gab, nur dann tranken sie und tranken sie reichlich. Selbst dann verabschiedeten sich die meisten Kollegen recht zeitig mit Hinweis auf die Termine am nächsten Tag. Der Rahmen für Exzesse musste passen. Das war Teil ihrer professionellen Einstellung. Ihre Fähigkeit zu zielführender Kontrolle und Ordnung, die sie über viele Jahre entwickelt hatten, machte sie souverän und erfolgreich. Ich wähnte mich auf jeden Fall in guten Kreisen, in denen der korrekte Umgang mit Alkohol in jeder Situation gewährleistet war.
Der Alkohol vertröstete über den entgangenen Sport und ließ mich zeitig Schlaf finden. Das war auch wichtig, denn sonst hielt meine latent überschüssige Energie mich bis lange nach Mitternacht wach. Auch in diesem Punkt ersetzte Alkohol den Sport. Ich liebe den Sport auch, weil er mich . Ich brauchte das, mich mental niederzuknien vor einer eigenen Leistung, die mich überzeugt. Körperliche Erschöpfung ist mir Belohnung für den Schweiß. Das macht sie so befriedigend und schafft so nebenbei die Bettschwere, die befriedigenden Schlaf schenkt.
Hier entsteht eine erste Dissonanz zum Alkohol, der zwar auch Schlaf schenkt, weil er überschüssige Energie bindet, aber mit geringerem Wohlgefühl. Es fehlt die Leistung. Der alkoholische Schlaf ist nicht hart erarbeitet und somit weder befriedigend noch wohlverdient. Vorübergehend ist das in Ordnung, nicht aber auf Dauer für jemand, der den Sinn im Leben und damit seine Lebensberechtigung in den Früchten seines engagierten Wirkens sucht. Schon dieser Aspekt unterstreicht, dass die Rolle von Alkohol befristet sein musste. Alkohol konnte eben nicht vollständig ersetzen, was an metaphysischer Kraft im aktiven Sport steckt. Nachhaltigkeit fehlt Alkohol. Nach einem Fernsehabend mit Alkohol bleibt am nächsten Morgen nichts zurück, von dem ich beeindruckt sein kann. Ganz im Gegensatz zu einem Schwimmtraining, wo ich mich immer messen kann. In der Riege meines Schwimmvereins sogar mit Leuten, die zu Juniorenzeiten viel besser waren als ich. Damals war ich gut genug um im Kader mit dabei zu sein. Die Titel gewannen sie. Alkohol hilft einen verlorenen Tag zu Ende zu bringen. Alkohol ist nie der Aufbruch zu neuen Taten. Das macht Alkohol zweitklassig. Beim Sport erreiche ich mehr und Arbeit mit Projekt- und Umsatzverantwortung adelt mich.
Alkohol schafft zwar Ruhe, weil die Energie entweicht. Es entsteht aber keine Muße, wie ich sie brauche um z.B. Ideen für meine Projekte zu finden oder zum Schreiben. In Muße fische ich normalerweise ab was hochkommt. Ganz leise registriere ich dann was sonst ungehört bleibt. Muße erlaubt einen assoziativen Cocktail von Eindrücken etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Drogen helfen dabei nicht wirklich. Sie favorisieren ohne zu erklären. Sie verstärken Eindrücke, aber lösen keine Rätsel. Drogen entführen auf und davon oder gleich einem zurück zum Anfang. Sie feiern sich selbst, bauen nichts auf, an das man am nächsten Tag anknüpfen könnte. Macht man sich Notizen, sind diese am nächsten Tag wertlos. Alles ist zusammenhanglos. und banal. Allein deshalb braucht Alkohol eine Schranke. Die hatte ich doch klar definiert. Ich wollte weiterkommen. Um die Zeit totzuschlagen ist mir mein Leben zu kostbar. Ich habe zu viele Aufgaben, Pflichten und Träume im Kopf. Nur der Feierabend, der Bettschwere sucht, legitimiert Alkohol. Das war der abgesteckte Rahmen. Mehr ging nicht. Zu mehr fehlte Alkohol die Potenz.
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