Ich habe mich auch gefragt, warum es mir so leicht fiel, vom Alkohol zu lassen. Zwei Gründe sind ausschlaggebend. Zum einen betrug die Zeitdauer täglichen Trinkens unter einem Jahr, und zum anderen besitze ich statt einer pubertären Alkoholprägung eine extreme Sportprägung, die auch ein mentales Training war. Für die Gutachter waren Verhaltensprägungen, vor allem durch Kadersport, neben dem Craving durch Alkohol überhaupt nicht untersuchungswürdig. Sie ließen sich leiten von einem statistischen Standardalkoholiker, dessen Modell universell eingesetzt wurde. Differenzierende Zwischentöne waren unerwünscht. Beeindrucken konnte mich ihre kategorische Ablehnung bald nicht mehr, dafür hatten sie die Wahrheit zu sehr verdreht. Ich wusste doch und alle meine Wegbegleiter, allen voran meine Eltern was über Jahre meinen Alltag bestimmte und dass das nicht passte zu den Bildern, die sie sich malten aus Erfahrungen, die andere Spektren wiedergaben.
Die Antworten, die ich fand für meine Art mit Alkohol umzugehen, breite ich in dem Buch weit aus. Ich will mich rechtfertigen gegen alkoholische Eindimensionalität auf beiden Seiten. Es geht bei den gutachterlichen Feststellungen ja nicht nur um Überzeugungen ohne wissenschaftliche Sicherheit, sondern das die erhoben werden zu Feststellungen mit amtlichen Status. Damit bekommen sie Beweiskraft. Solche Urteile sind rechtsverbindlich. Ich befürchte, dass Fundament für einen solchen Anspruch muss erst noch gebaut werden.
Darüber hinaus glaube ich nicht, dass mein Umgang mit Alkohol außergewöhnlich ist. Andere machen das auch. Sie sind nur im Allgemeinen weniger auffällig als andere Alkoholikertypen. Wieder andere können das lernen. Ich hatte doch erst mit Mitte vierzig mit dem Trinken angefangen, als ich auf eine sehr verbreitete Trinkkultur stieß. Ich kopierte doch nur das Verhalten von Arbeitskollegen, die das immer schon so machten. Diese Kollegen, die ihre Feierabende ganz unauffällig mit Alkohol vor dem Fernseher zelebrierten, gibt es doch in tausenden anderen Firmen im ganzen Land. Nicht jedem von ihnen droht zwangsläufig Jobverlust und sozialer Abstieg. Viele Feierabendalkoholiker richten es sich bis zur Rente und darüber hinaus ganz gemütlich ein, ohne dass Alkohol den ganzen Tag bestimmt.
Mein Wissen über das schöne Leben mit Alkohol teile ich gern. Nachteile und Einschränkungen gab es keine. Das war ein rundum gelungener Lebensabschnitt. Auf Dauer interessanter blieben aber aktive Kicks und meine Frau. Weil mein Alkoholismus so frisch war, funktionierte auch noch ein einfaches Gegenmittel. Wenn ich jeden Tag so viel weniger trank, dass es der Rausch nicht merkte, reduzierte sich die Trinkmenge nach zwei Wochen drastisch. Damit man sich dabei nichts vormacht, sollte man allerdings das Ausschleichen mit einem Messbecher durchführen und den Vorgang protokollieren. Um danach alkoholfrei zu bleiben braucht es nur die Lust auf intensivere Erlebnisse. Da hilft mir gerade im Job auch meine Projekt- und Umsatzverantwortung. Erfolgsdruck puscht. Diese Droge schmeckt mir. In dieser Liga stört Alkohol. Die totale gedankliche Klarheit und Ruhe für den Ein- und Überblick kickt nur nüchtern.
Echte Alkoholiker, das waren aus meiner und meiner Kollegen Sicht die, die bei jeder Gelegenheit trinken. Ein Dinner ohne Tischwein, ein Fest ohne Fassbier, das gibt es bei ihnen nicht. Sie trinken täglich, manchmal schon am Morgen. Einen besonderen Anlass zum Trinken braucht es nicht. Das machen sie schon seit Jahren so. Was sollen sie auch sonst machen. Nichts anderes macht ihnen Spaß. Viele haben damit früh begonnen, häufig schon als Jugendliche. Der Gebrauch ist chronisch geworden. Entspannung und Wohlgefühl ohne Alkohol, dass geht nicht mehr.
Dieses fortgeschrittene Stadium spiegelt das weit verbreitete Bild vom Alkoholiker. Von diesen armen Schluckern waren ich und die große Mehrheit von Alkoholikern doch weit entfernt. Wir tranken ordentlich in dem Rahmen, der dafür geeignet war. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Ich mag ja auch nicht einfach Urlaub machen, bevor ich mir Urlaubsreife erarbeitet habe. Aber vorsicht, so ein Statement kann in einer Begutachtung schon zu Missverständnissen führen, denn nicht wenige Menschen können sich sehr wohl Urlaub ohne Vorleistung durch Arbeit und sogar ein Leben ganz ohne Arbeit vorstellen. Wenn ein Gutachter auch diesen anderen Traum hat, dann kann ein fundamental anderes Lebensprinzip an dieser Stelle nicht mehr überzeugen.
Dass Alkoholismus auch ganz andere Seiten und Nuancen haben kann, dass seine Anfänge ganz unverfänglich und subtil sind mit unterschiedlichsten Verläufen, soll mein Beispiel zeigen. Bei mir gab es keinen massiven Drang zu trinken und alles war unter Kontrolle. Selbstverständlich nahm ich das Trinken nie zum Anlass ein Auto zu fahren. Das waren zwei gegensätzliche Welten, die sich ausschlossen. Alkohol war die Zugabe zu einem vielseitigen Leben. Diese Belohnung gab es erst nach vollbrachter Leistung. Leiste erst mal was. Ein Rausch muss verdient sein. Diese Einstellung schaffte mir strenge Trennung und Kontrolle. Das eine sollte das andere nicht verpfuschen. Ich wollte mich doch nicht verlieren.
Solche Überlegungen konnten nach Meinung erfahrener Experten aber nicht dauerhaft funktionieren, wenn sie vom Craving herausgefordert würden. Und ihre Meinung war mir wichtig, denn trotz aller Kontrolle hatte sich mir ein Fehler eingeschlichen, der mir den Führerschein kostete.
Die Experten kannten das alles schon. So brauchte ich mich nicht zu erklären. Ich musste nur dem vorgezeigten Weg folgen, dann würde alles gut (ein neuer Führerschein inklusive). Wie dieses Verfahren aussah, lernte ich in verschiedenen Therapien kennen. Ich wurde enttäuscht von Fachleuten, die das auf allen Wellenlängen zu beherrschen glaubten und so gar keine Ahnung von der Vielfalt des Lebens jenseits ihres eigenen Horizonts hatten. Ihr Blick blieb allgemein aber verbindlich. Die Fähigkeit zum Blick über den Tellerrand war eingeschränkt und eigentlich auch nicht gewollt. Dafür ruhte man zu sicher in den bereits gemachten, einschlägigen Erfahrungen. Die bestätigten sich so oft aufs Neue, dass ihnen eine gewisse Selbstgerechtigkeit angebracht schien. Das formte den Blick der Experten und gab ihren Erfahrungen eine klare Tendenz. In der Subtilität ihrer analytischen Gefühle verloren sie leicht den rationalen Horizont aus den Augen. Ihre Intuitionen entzogen sich meinem logischen Zugriff und schafften Situationen der Unverständlichkeit und Willkür.
Ich widersprach ihren Erfahrungen, wonach es mich so nicht geben durfte. Es störte mich sehr, dass ich mich eigentlich gar nicht individuell zu erklären brauchte. Es war doch eh alles klar. Ihr kurzer individueller Blick diente nur der Suche nach Rechtfertigungsmaterial für die Plausibilität von Modellen. Es fehlte nur noch meine kooperative Mitarbeit in einem anerkannten Prinzip.
Ich hoffe, dass mein Beispiel Anlass gibt für eine umfassendere und individuellere Sicht, die es erlaubt den Blick auf maßgeschneiderte Techniken für ein Leben mit oder ohne Alkohol zu lenken. Ich würde mich so mehr verstanden fühlen, und Gutachter könnten so die Qualität von Prognosen verbessern. Langfristige Vorhersagen ohne vollständige Datensätze sind unmöglich.
Mein Beispiel soll zeigen, was die Konsequenzen sein können, wenn der Alkoholismus noch gar nicht weit fortgeschritten ist, wenn die Dinge sich nahezu unmerklich verändern und die einst so perfekte Kontrolle aufgeweicht wird, der Glaube an die gewohnt, perfekte Kontrolle aber bestehen bleibt. Der Fortschritt ist so schleichend, dass Alkoholismus als Krankheit nicht wahrgenommen wird. Jegliche Kritik zu häufig zu trinken, wird deshalb brüsk abgetan. So wird das Leugnen von Suchtverhalten zur Selbstverständlichkeit und damit Teil der Krankheit. Das bittere Erwachen soll nicht kommen, nachdem sich der Spaß zu trinken als Zwang enttarnt hat. Wer regelmäßig trinkt. Wer trinkt, um sich zu entspannen oder wer sich Mut antrinkt um beispielsweise eine attraktive Frau anzusprechen, der instrumentalisiert Alkohol. Genau hier beginnt der Missbrauch.
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