Sie zeigte es den Dreien. „Ich habe von sehr grobem bis zu sehr feinem alles mitgenommen.”
„Das ist gut”, meinte Talia.
Die anderen nickten. Dann standen sie auf, um sich die Boote anzusehen. Eins war noch ganz in Ordnung. Es schien gerade frisch gestrichen zu sein. Angelina hoffte, es würde den anderen nicht auffallen, doch da hatte sie sich geirrt.
„Seht mal”, rief Talia. „Hier war jemand und hat dieses Boot ganz neu gestrichen.”
Daida und Elisabeth kamen gleich, um es sich ganz genau anzuschauen.
„Das gibt es nicht”, meinte Elisabeth. „Hier muss wirklich jemand sein, dem das Häuschen gehört.”
„Scheinbar macht es ihm nichts aus, wenn wir in seinem Häuschen herumrüstern”, stellte Daida fest.
„So dreckig wie es auch aussah”, stimmte Talia ihr zu.
Angelina kam jetzt auch heran. „Ich glaube nicht, dass dieses Bootshäuschen jemandem gehört.”
Talia sah sie an und dachte: „Irgend etwas weiß sie von diesem Häuschen. Sie will es uns nur nicht sagen.”
Angelina fühlte sich heute gar nicht beobachtet. Auch der Kater war immer noch nicht aufgetaucht. „Warum er wohl nicht kommt?”, fragte sie sich in Gedanken. „Hoffentlich ist ihm nichts zugestoßen.”
„Wieso meinst du das?”, wollte Elisabeth wissen.
Angelina zuckte mit den Schultern. Sie wusste, dass sie sich rechtfertigen musste, aber sie fand nicht die richtigen Worte.
„Weist du etwa, wem das Häuschen gehört?”, drang sie tiefer in Angelina.
Sie schüttelte den Kopf. „Woher sollte ich das wissen?”
„Na ja. Wer weiß. Vielleicht hat es dir jemand erzählt, oder du hast jemanden ins Bootshäuschen laufen sehen.”
Sie schüttelte wieder mit dem Kopf. „Ehrenwort! Ich weiß nichts . Ich schwöre es.”
„Wenn du aber etwas weißt oder wenn dir etwas komisch vorkommt, musst du es mir sagen.” Sie bekräftigte noch: „Es wäre sonst zu gefährlich. Hier im Wald können sich immer gefährliche Personen herumtreiben.”
Talia beobachtete Angelina und sah, wie sie blass wurde. Sie wusste ganz genau, dass irgendetwas geschehen sein musste.
Angelina hatte sich schnell wieder in der Gewalt und dachte bei sich: „Der, der mir das Geldstück zugeworfen hat, wird schon nichts Schlimmes vorhaben.”
„Kommt, ich will endlich anfangen”, unterbrach Daida die gedrückte Stimmung.
Elisabeth teilte an jeden sehr grobes Schmirgelpapier aus. „Es werden sich immer zwei eine Hälfte des Bootes vornehmen”, bestimmte sie.
Sie machten sich an die Arbeit. Es arbeiteten wie gestern, Talia und Angelina und Daida und Elisabeth zusammen. Als erstes zogen sie alle zusammen das Boot, welches noch nicht repariert worden war, aus dem Wasser. Es war am Rumpf schon sehr vermodert. Dann ließen sie es eine Weile in der Sonne trocknen, bis sie endlich die alte Farbe entfernen konnten. Alle schmirgelten und schabten, bis endlich spät am Nachmittag, die ganze Farbe vom Boot herunter war. Li Nú hatte sich den ganzen Tag nicht blicken lassen. Auch nicht, als sie sich auf
den Weg zum Auto machten. Talia fiel es jetzt auch auf. „Komisch”, meinte sie. „Der schwarze Kater war heute gar nicht da.”
„Stimmt.” Auch Daida hatte es nicht bemerkt.
„Hoffentlich ist ihm nichts zugestoßen”, mischte sich Angelina in das Gespräch ein.
„Glaube ich nicht”, beruhigte Elisabeth sie. „Herumstreunende Katzen sind immer mal da und mal nicht.”
„Er war aber bis jetzt immer dabei gewesen. Und wenn er sich nur kurz blicken lassen hat.” Elisabeth konnte Talia nicht so schnell beruhigen.
„Wir werden sehen, ob er morgen wieder da ist”, schloss Daida die Diskussion.
Elisabeth stimmte ihr zu.
Als sie im Auto saßen, wandte sich Talia an Angelina: „Ich will dich, wenn wir zu Hause sind einmal etwas unter vier Augen fragen, wenn du Zeit hast.”
„Meinetwegen.” Angelina war einverstanden.
Sie trafen sich zu Hause sofort in Angelinas Zimmer.
„Also, dann schieß mal los”, forderte Angelina Talia auf.
„Was wird jetzt eigentlich aus dem Ring?”
„Wieso?”
„Li Nús Verschwinden könnte etwas damit zu tun haben.”
„Ach was. Das glaube ich nicht”, erwiderte Angelina.
„Fühlst du dich nicht etwas komisch? Ist dir gar nichts aufgefallen?”, wollte Talia wissen.
„Nein, nichts”, log Angelina.
„Seid gestern fühlen wir uns gar nicht mehr beobachtet. Seit dem der Ring verschwunden ist. Kommt dir das nicht eigenartig vor?”
„Ich habe keine Angst.”
„Angelina, sei doch nicht so störrisch. Weist du wirklich nicht worauf ich hinaus will?”
Angelina schüttelte den Kopf. „Ich fühle mich dort sicherer, als sonst.”
Talia war nahe daran zu verzweifeln. „Ey, Angelina, hör mal zu, du bist älter als ich, ganze zwei Jahre und ich glaube nicht, dass du mich nicht verstehst.”
„Tut mir leid.”
„Also-, guck mal, wir werden seit dem der Kater, der mir nicht geheuer ist, uns den Ring vor der Nase weggeschnappt hat, nicht mehr beobachtet. Seitdem !
„Das stimmt nicht ganz. Ich habe mich, seit dem ich Wasser geholt habe, nicht mehr beobachtet gefühlt. Du dich etwa?”
Talia schwieg. Sie schien zu überlegen. Dann sagte sie: „Du hast Recht. Ich fühlte mich auch seitdem nicht mehr beobachtet.” Sie machte eine Pause. „Dann kommt das, was ich mir gedacht habe nicht mehr hin.”
„Was hattest du dir denn gedacht?”, fragte Angelina nach.
Talia schwieg wieder nachdenklich. „Dass er nur hinter dem Ring her war. Aber das passt überhaupt nicht. Er hätte ihn sich ja auch selber holen können. Aber ich bin mir sicher, du weist was. Du verschweigst uns etwas.”
„Das könnte gut angehen.” Angelina lächelte. „Aber du musst langsam wissen, dass ich unter guten und schlechten Geheimnissen unterscheiden kann. Dafür habe ich ein Gespür.”
Talia nickte. „Du hast Recht. Du hast uns noch nie etwas Gefährliches verschwiegen.”
„Ich sagte dir ja schon, ich habe keine Angst.”
Das konnte Angelina auch zweideutig meinen. Das wusste Talia. Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen. „Na gut. Wir wollen bestimmt gleich essen. Kommst du mit runter?”
Angelina nickte.
Am nächsten Tag suchten Angelina, Talia und Daida einen Hammer, Nägel und ein paar
andere Dinge die sie brauchten, um das Boot zu reparieren, zusammen. Elisabeth wollte sie heute wieder abholen. Sie kam so etwa nach Mittag.
„Heute haben wir nicht so viel Zeit, wie gestern”, stellte Talia etwas betrübt fest, als sie im Auto saßen.
„Wir werden heute erst mal ein paar Latten von dem Rumpf des Bootes entfernen müssen”, meinte Elisabeth. „Die, die sehr verrottet sind. Dann werden wir sehen, ob wir noch Zeit haben werden, auch noch neue in die Lücken der alten zu setzen.”
„Wir brauchen auch noch etwas, das die Lücken schließt, damit kein Wasser ins Boot dringen kann”, sagte Angelina.
„Da wird bestimmt etwas im Bootshäuschen sein. Schließlich mussten die früher ihre Boote auch wasserfest machen”, erwiderte Elisabeth.
Als sie beim Häuschen angelangt waren, machten sie sich auch sogleich an die Arbeit. Es war sehr schwer, die morschen Latten von ihren Nägeln zu befreien und vom Boot zu entfernen. Viele zerbrachen, bevor sie ganz ab waren.
Plötzlich kam Li Nú durch die offene Tür nach draußen geflitzt. Er sprang in das heile Boot und machte es sich dort bequem. Der schwarze Kater streckte sich in der Sonne aus und schloss die Augen.
Angelina und die anderen hielten vor Schreck in ihrer Arbeit inne. Als sie sahen, dass es nur der Kater war, atmeten sie alle erleichtert auf.
Angelina sah zu Talia herüber. Ihre Augen schienen zu sagen: „Hab ich’s nicht gesagt?”
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