„Wir haben die Zeit vergessen”, antwortete jetzt Talia wahrheitsgemäß.
„Das ist keine gute Ausrede”, meinte die Mutter.
„Es ist keine Ausrede”, rief Daida, ohne den Ernst der Lage zu bemerken. „Wir waren nämlich... .”
Angelina musste ihr den Ellenbogen in die Rippen stoßen. Daida heulte auf.
„Was sollte das. Wieso schlägst du Daida neuerdings immer?” Jetzt war der Vater richtig sauer.
Angelina schwieg.
„Antworte gefälligst, wenn ich mit dir rede!”, schrie er.
Angelina schwieg weiter.
Daida tat es leid, dass sie ihren Mund mal wieder zu weit aufgemacht hatte. Sie versuchte Angelina aus dieser Lage wieder herauszubekommen. „Wir haben ein Geheimnis. Das darf ich nicht sagen. Deswegen hat sie mich zu Recht geschlagen. Es tat auch nicht weh. Es war nicht doll. Ich habe mich nur erschrocken.”
„Wie? Ihr habt ein Geheimnis?”
„Komm Manfred. Damit erreichst du doch nichts”, versuchte die Mutter ihren Mann zu beschwichtigen und griff nach seinem Arm. „Kinder dürfen doch auch ein Geheimnis haben. Haben wir doch auch. Ihr Geheimnis ist bestimmt eine kleine Hütte oder so, die sie sich im Wald gebaut haben.”
„So sehen die aber nicht gerade aus.”
„Komm, beruhig’ dich.”
„Eins noch, ihr bekommt heute Abend kein Abendbrot mehr. Und noch etwas, ihr habt alle drei Ausgehverbot. Wie lange weiß ich noch nicht.” Das musste er noch loswerden. Dann drehte er sich um und stieg wütend die Treppe hoch.
„Soo, das habt ihr davon. Ich hoffe, es wird euch eine Lehre sein”, sagte die Mutter. Sie war schon wieder etwas ruhiger geworden. „Und jetzt ab ins Bett mit euch. Es ist gleich halb sieben. Ihr könnt noch Lesen, wenn ihr wollt.” Auch sie drehte sich um und stieg die Treppe hinauf, nur tat sie dieses leiser, als ihr Mann.
„Mist!”, schimpfte Angelina. „Gerade da, wo es doch so gut anfing.”
„Hoffentlich müssen wir nicht lange in dieser Bude sitzen. Sonst sind womöglich noch die Ferien um, bevor wir etwas unternommen haben”, hoffte Talia.
Sie stiegen die Treppe hoch und wünschten sich gute Nacht. Dann verschwanden alle in ihren eigenen Zimmern.
Angelina las noch ein wenig, bevor sie das Licht löschte. Schlafen konnte sie noch nicht. Lange grübelte sie darüber nach, wie sie Morgen dennoch zum Bootshäuschen gelangen könnten.
Am nächsten Tag trafen sich, die Schwestern in Angelinas Zimmer, um „Kriegsrat” zu halten.
„Wir könnten uns ja wegschleichen”, meinte Daida.
„Wenn Mama und Papa nicht irgendwo hinfahren, dann wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben”, stimmte Talia zu.
„Wollte Papa heute nicht einkaufen fahren?”, erkundigte sich Angelina bei den Beiden.
„Das stimmt, aber Mama sind wir dann noch immer nicht los”, stellte Talia fest.
„Ey!”, rief Daida plötzlich. „Wir können Elisabeth anrufen und ihr unsere Lage schildern. Und dann fragen wir sie, ob sie nicht Mama bis heute Abend einladen kann.”
Elisabeth, etwa 51 Jahre alt, war eine gute, schon ältere Freundin der Familie. Immer, wenn die Kinder Probleme mit ihren Eltern hatten, kam sie ihnen zur Hilfe. Auch machte sie jeden Streich der Mädchen mit.
„Du bist ja gar nicht so doof”, stellte Angelina fest. „Das machen wir.”
„Aber erst, wenn Papa weg ist. Das ist sicherer. Dann ist einer weniger da, der uns beim Telephonieren erwischen kann”, warnte Talia.
Angelina stimmte ihr zu.
Der Vater fuhr erst nach dem Mittagessen los. Angelina hatte ihn vorher noch gefragt, wann er wiederkommen würde. Er meinte so, zwischen sieben und acht.
Kaum war er weg, versammelten sie sich erst mal wieder alle in Angelinas Zimmer.
„Wer ruft an?”, fragte Talia aufgeregt.
„Ich”, antwortete ihr Angelina.
„Und was wollen wir ihr sagen?”, wollte Daida wissen.
„Ach, mir fällt schon etwas ein”, winkte Angelina ab.
„Wollen wir ihr auch das mit dem Häuschen erzählen? Elisabeth würde uns bestimmt dabei helfen, es zu reparieren und zu säubern”, fragte Talia.
„Wenn sie es Mama und Papa nicht erzählt”, zweifelte Daida.
„Wenn wir es ihr sagen, wird sie es nicht weitererzählen.” Da war Angelina sich sicher.
„Kommt, lasst uns jetzt endlich anrufen.” Talia hielt es kaum noch aus, so aufgeregt war sie. Sie sprang auf. Die anderen beiden erhoben sich ebenfalls.
„Und jetzt Ruhe!” Angelina legte den Zeigefinger auf die Lippen.
Sie verließen leise das Zimmer. Angelina ging vor. Sie beugte sich vorsichtig das Treppengeländer herunter, um zu sehen, ob die Mutter sich im Wohnzimmer befand.
Sie war nirgends zu sehen.
Sie drehte sich zu den anderen um: „Einer muss Mama ablenken.”
„Das mache ich”, meldete sich Talia.
Sie stiegen alle die Treppe hinunter.
Die Mutter war in der Küche. Talia ging zu ihr hin und die anderen verschwanden im Büro der Eltern.
Angelina wählte mit zittrigen Fingern die Nummer von Elisabeth.
„Denan?”, meldete sich am anderen Ende der Leitung eine Frauenstimme.
„Hallo, hier ist Angelina”, sagte sie mit gedämpfter Stimme.
„Ach, hallo. Was führt dich ans Telefon, so still und heimlich? Durftest wohl eigentlich nicht anrufen, was?”, scherzte Elisabeth.
„Nee, eigentlich nicht.” Angelina wurde unruhig.
„Na, dann mach’s mal lieber kurz.”
Sie schilderte ihr ihre Lage.
„Und, was ist so schlimm daran, das ihr Arrest habt?”
„Also” Angelina stockte. Dann erzählte sie alles vom Bootshäuschen.
Am anderen Ende der Leitung blieb es Still. „Hm, und was kann ich für euch tun?”
„Also”, Angelina holte tief Luft, „Kannst du Mama zu dir einladen?”
„Ja, aber was bringt euch das denn?”
„Das Erwachsene immer soviel fragen müssen”, dachte Angelina bei sich. „Wir könnten dann zum Häuschen radeln und wären ungefähr, um sieben wieder zurück.”
„Das würdet ihr nicht schaffen. Ich mache euch einen anderen Vorschlag:”
Angelina hörte gespannt zu.
„Ich rufe deine Mutter an, während ich zu euch fahre. Ich frage sie, ob sie sofort kommen kann. Wenn ja, hole ich euch ab und bringe euch in den Wald. Um ca. sieben fahre ich euch wieder nach Hause. Einverstanden?”
Angelina überlegte. Dann stimmte sie zu.
„Gut, abgemacht. Dann bis gleich”, sagte Elisabeth.
Angelina legte schnell wieder auf.
Daida sah sie fragend an.
„Es klappt.”
Kaum hatten sie das Büro verlassen, klingelte auch schon das Telefon.
Angelina rannte los und rief ihre Mutter.
„Was ist denn?”, fragte die.
„Telefon!”, antwortete Daida.
Die Mutter rannte ins Büro und hob ab: „Fänning?”
„Hallo Anne-Marie, ich bin’s. Ich wollte dich fragen, ob ihr heute bei mir Kaffee trinken wollt.”
„Oh, ja gerne, aber ohne die Mädchen, die haben Hausarrest.”
„Schade. Aber du und dein Mann kommen.”
„Nur ich!”
„Na gut. Nur du.”
„Danke, bis gleich.” Die Mutter legte wieder auf.
„Wer war’s?”, wollten die drei Mädchen wissen.
„Opa”, antwortete sie. „Er hat mich zum Kaffeetrinken eingeladen. Ich fahre sofort los.”
Den Dreien ging der Unterkiefer herunter. „Aber... .”
„Kein Aber. Ihr bleibt hier!”, sagte sie bestimmt und ging sich fertigmachen.
Kaum war sie weg, stürzte Angelina zum Telefon, als es auch schon ein zweites Mal klingelte. Sie nahm ab und meldete sich. Dieses Mal war es Elisabeth.
„Elisabeth!”, sagte sie aufgebracht. „Stell die vor, Opa hat gerade angerufen und Mama schon eingeladen.”
„Aber Kind das ist doch nicht schlimm. Ich hole euch trotzdem ab.”
Da kam die Mutter plötzlich die Treppe herunter und stand in der Tür.
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