„Au”, schrie sie. „Lass das!”
„Angelina, wieso trittst du sie?”, wollte ihr Vater wissen.
Sie zuckte mit der Schulter.
„Halt den Schnabel! Hast du das verstanden?”, zischte sie ihrer Schwester so leise zu, dass ihre Eltern es nicht hören konnten.
Daida nickte, ohne noch ein Wort zu sagen.
Aber ihre Mutter fragte sie: „Was wolltest du denn eben sagen?”
Angelina guckte ihre Schwester warnend an.
„Ach, nichts sehr Wichtiges.”
„Das schien aber nicht so. Du kannst es mir ruhig sagen.”
„Es war wirklich nichts Wichtiges.”
Nach dem Essen trafen sie sich alle im Garten unter einem Busch. Er war in der Mitte ohne Äste, also hohl. Man gelang in diese „Höhle”, indem man durch eine kleine Öffnung unter ihn schlüpfte. Das war ihre Stelle, wo sie immer Dinge besprachen, die ihre Eltern nicht hören durften.
„Ich muss euch etwas erzählen”, fing Angelina an. „Über gestern. Ihr wisst ja, als ich zu spät nach Hause gekommen bin.”
Talia und Daida nickten.
„So weit war ich gar nicht weg.”
Sie erzählte die ganze Geschichte von Anfang an, wo sie los gefahren war. Wie sie den Kater getroffen hatte, als sie in den Wald ging, wo sie das Bootshäuschen gefunden hatte und als sie dann das Gewitter überraschte. Sie erzählte auch, dass der Blitz in der Nähe von ihr in einen Baum eingeschlagen ist und der Kater ihr den Weg aus dem Wald zeigte.
„Ich bin weg gegangen, weil es dort so gruselig war. Und außerdem hatte ich das Gefühl, als
würde mich jemand beobachten”, schloss sie ihre Erzählung.
„Vielleicht war es ja der Kater”, meinte Daida.
„Glaube ich nicht.”
„Kommt, lasst uns schnell hinfahren”, schlug Talia vor.
„Das hatte ich auch vor”, stimmte Angelina zu.
„Aber erst Mama Bescheid sagen”, erwiderte Daida. „Sie macht sich sonst Sorgen.”
„Genau, das wäre besser. Wir sagen ihr, dass wir in den Wald fahren. Aber mehr nicht!”, warnte sie und guckte Daida streng an.
„Daida kann ja schon mal die Fahrräder aus der Garage holen.”, überlegte Talia.
„Genau! Dann kann ich auch nichts ausplappern”, bekräftigte Daida.
Angelina und Talia gingen ihrer Mutter Bescheid sagen.
Sie saß im Wohnzimmer und las, als sie in die Wohnung gestürmt kamen.
„Was wollt ihr denn schon wieder hier?”, fragte diese genervt.
„Dürfen wir alleine eine Radtour machen?”, fragte Talia.
„Meinetwegen!”
„Dann sind wir aber vor dem Mittagessen noch nicht wieder zurück”, fügte Angelina hinzu. „Wir wollen eine sehr weite Radtour machen.”
„Dann bekommt ihr aber kein Essen.”
„Macht nichts!”, riefen beide und stürmten aus der Tür.
„Die haben‘s heute aber eilig”, die Mutter schüttelte verwundert ihren Kopf und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Buch zu.
Angelina fuhr vor. Sie musste ja ihren Schwestern den Weg zeigen. Sie kamen an der Wiese vorbei, auf der Angelina zum ersten Mal den Kater getroffen hatte. Heute war er nirgends zu sehen.
„Vielleicht ist er beim Häuschen”, dachte Angelina ein bisschen enttäuscht bei sich und laut sagte sie: „Hier habe ich den Kater getroffen.”
„Ist der nicht weggelaufen?”, fragte Daida.
„Nö, ich hab’ ihn sogar gestreichelt.”
„Vielleicht sehen wir ihn ja bei dem Bootshäuschen”, meinte Talia.
„Kann sein. Weiß nicht”, erwiderte Angelina in Gedanken versunken.
„Dann kann ich ihn streicheln”, stellte Daida fest.
„Das kannst du”, stimmte Talia ihr zu.
Sie mussten nicht mehr lange bis zum Wald fahren.
Angelina hoffte stark, dass sie die Stelle, an der sie das Rad versteckt hatte, wiederfinden würde. „Müsste ich eigentlich. Zurück finde ich wahrscheinlich nicht mehr so schnell, aber hin immer.”
Nach ungefähr einer viertel Stunde erreichten sie endlich den Wald. Alle wurden etwas unruhig.
„Meinst du, du findest die Stelle wieder?”, fragte Talia zweifelnd vorsichtig.
„Müsste ich eigentlich”, beruhigte Angelina sie.
Angelina fuhr noch tiefer hinein.
„Das muss doch hier irgendwo sein”, sagte Daida ungeduldig.
„Wir sind gleich da. Die Stelle ist bei einem dicken Baum”, gab Angelina genervt zurück. „Können die nicht mal ihren Mund halten?”, dachte sie ärgerlich. „So finde ich die Stelle doch nie wieder.”
Sie fuhren noch ein kleines Stück, bis Angelina endlich halt rief. „Hier müsste es sein.”
Sie stellte ihr Fahrrad ab und ging in den Wald.
Die anderen beiden warteten gespannt.
Es dauerte lange. Als sie zurückkam, rief sie: „Es ist die richtige Stelle.”
Daida und Talia sprangen von ihren Rädern und folgten Angelina aufgeregt, die ihr Rad in den Wald schob.
Sie blieb an einer Stelle stehen, wo alles plattgetrampelt war.
„Ihr könnt eure Fahrräder hier festmachen.” Sie zeigte zu einem Baum mit mittlerer Stammdicke.
Dann stapften sie los. Angelina wie immer vorweg. Sie ging so langsam, dass Talia und Daida immer ungeduldiger wurden.
„Was ist”, fragte Talia irgendwann. „Wir bleiben bald stehen, so langsam läufst du.”
„Ich glaube”, sagte Angelina ängstlich und blieb stehen, „wir werden beobachtet. Genau so, wie es bei mir war.”
Es knackte hinter ihnen im Gehölz.
Daida klammerte sich ängstlich an Angelinas Arm. „Das ist ganz sicher auf gar keinen Fall der Kater. Der würde nicht so laut knacken.”
„Wir werden beschattet. Das ist klar. Aber was bringt uns das? Ich glaube nicht, dass derjenige uns etwas antun wird. Also weiter!”, sagte Angelina mutig.
„Bestimmt nur so ein Jungenspiel”, stimmte Talia zu. Aber da sollten sie sich mächtig geirrt haben.
Sie gingen weiter, aber jetzt schneller und wachsamer, ohne zu reden.
Nach zwanzig Minuten fragte Daida: „Wann sind wir denn endlich da? Ich will hier wieder raus.”
„Wir sind erst gerade eine Dreiviertelstunde unterwegs und ich habe zwei gebraucht”, antwortete Angelina.
„Und wie lange brauchen wir noch?”, bohrte sie weiter. Daida ging erst in die erste Klasse und konnte noch nicht richtig rechnen.
„Wenn du es wirklich wissen willst, mindestens noch eine Stunde. Das ist noch sehr lange”, seufzte Angelina.
„Ich kann aber nicht mehr”, jammerte sie.
So etwas hatte Angelina befürchtet._
„Wenn du das Bootshäuschen sehen willst, musst du jetzt deinen Mund halten und mitkommen”, kam Talia Angelina zur Hilfe.
„Mich interessieren aber keine Bootshäuschen”, quengelte sie weiter.
„Das hättest du eher sagen müssen. Dann wärst du zu Hause geblieben und wir hätten uns dein Gequengel erspart.” Talia wurde langsam sauer.
Daida schwieg beleidigt und stapfte weiter mühsam neben Angelina her.
Nach einiger Zeit blieb Angelina wieder stehen. „Wir können ja eine kurze Pause machen”, schlug sie vor. „Dann kann Daida sich auch ein Wenig ausruhen.”
Beide stimmten ihr schweigsam zu.
Alle drei setzten sich auf den Waldboden.
„Ist es noch weit?” fragte jetzt Talia, mehr oder weniger, um etwas zu sagen.
„Na ja, ich denke mal, noch ungefähr eine halbe Stunde und wir sind da”, überlegte Angelina.
„Ist das noch lange?” Das war schon wieder Daida.
„Nicht mehr so lange wie das, was wir schon geschafft haben”, antwortete Angelina genervt.
Talia zog eine Packung Kekse aus ihrem Rucksack, den sie immer dabei hatte, wenn sie irgendwohin ging. Sie riss sie auf und reichte sie herum. Alle drei saßen dort etwas gelangweilt und knabberten Erdnusskekse. Alles um sie herum war ruhig, bis auf die Vögel, die zwitscherten. Es war angenehm warm im Wald. Nicht zu heiß und nicht zu kalt.
Plötzlich schrie Angelina auf. Etwas Leichtfüßiges war vom Baum auf sie herunter gesprungen. Vor Schreck sprang es weg und verschwand im Wald.
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