Elisabeth erhitzte die Masse auf dem Herd und sah sich dann nach einem Pinsel um, den sie nach längerem Suchen auch fand.
Gemeinsam schmierten sie jede Rille zu.
„Sooo”, sagte sie gedehnt, als keine mehr zu sehen war. „In drei Tagen streichen wir das Boot. Dann ist es fertig.”
5. Die Bootsfahrt
Endlich war das Boot wieder fahrtüchtig. Die Vier besahen es sich voller Stolz von allen Seiten. Auch Li Nú überprüfte es, aber auf seine Art. Er strich um das Ruderboot herum und beschnupperte es gründlich. Angelina hatte schon Angst, er würde mit dem Fell, die noch frische Farbe berühren.
„Wir müssen nur noch die Ruder streichen, dann können wir eine Probefahrt machen”, sagte Talia.
Angelina ging in die Werkstatt und holte sie heraus. Eins strich sie an, das andere strich Talia. Daida versuchte sich überall ein Bisschen nützlich zu machen, indem sie den Farbtopf hielt und Werkzeug anreichte.
„Ist die Farbe wohl morgen schon getrocknet?”, wollte Angelina von Elisabeth wissen.
„Die Ruder vielleicht. Ob die Farbe am Boot getrocknet sein wird, weiß ich nicht. Lasst uns erst übermorgen wiederkommen, weil ich morgen weg muss”, antwortete Elisabeth ihr.
„Wo musst du denn hin”, fragte Daida neugierig.
„Ich muss ein paar Dinge einkaufen. Und dann wollte ich noch mit einer Freundin, die mich eingeladen hat, einen Stadtbummel durch Kierbeck machen.”
„Und wieso hast du ihr nicht einfach abgesagt?”, bohrte Daida sichtlich empört weiter.
„Ich kann meiner Freundin doch nicht einfach absagen.”
„Wieso nicht? Ich würde das auch machen.”
„Komm.” Angelina legte ihr beruhigend den Arm um die Schultern. „Das verstehst du mal, wenn du auch eine Freundin hast.”
Daida schüttelte ungläubig den Kopf, schwieg aber.
Elisabeth warf Angelina einen dankbaren Blick zu.
Am nächsten Tag gewitterte es etwas. Angelina, Talia und Daida saßen am Esstisch und spielten lustlos Karten. Talia hatte schon dreimal gewonnen. Daida einmal und Angelina zweimal.
Plötzlich warf Angelina die Karten hin und meinte: „Ich habe absolut keine Lust mehr.”
Daida tat es ihr gleich.
Talia meinte: „Lasst uns aufhören.”
Sie räumten die Karten weg. Angelina stand auf und sah in den Kühlschrank. Sie nahm einen Joghurt heraus und fragte, wer noch einen wolle. Alle wollten einen. Sie reichte Talia und Daida einen herüber und setzte sich dann wieder auf ihren Platz. Es war düster im Zimmer und sie löffelten schweigend ihren Joghurt. Plötzlich ließ ein Blitz die Dunkelheit, draußen vor dem Fenster aufleuchteten. Talia hatte ihren Blick genau aufs Fenster gerichtet und schrie plötzlich auf.
Daida und Angelina wandten vor Schreck, blitzschnell ihren Kopf zum Fenster. Dort saß auf der Fensterbank etwas Dunkles mit leuchtenden, gelben Augen.
Als Angelina sah wer es war, atmete sie etwas erleichtert auf. Dann fragte sie aber drohend und leise: „Was ist los? Er hat sich noch nie bis hierher gewagt.”
Jetzt stellte der Kater sich auf die Hinterbeine, miaute kläglich und scharrte mit den Krallen an der Fensterscheibe.
„O- oh”, machte Daida. „Mama wird sich über die schmutzige Fensterscheibe freuen.”
Angelina stand auf und ging zur Haustür. Talia und Daida folgten ihr. Li Nú saß schon vor ihr, als sie, sie öffnete. Er strich um ihre Beine und forderte sie auf, mit ihm zu kommen, indem er immer wieder auf die Straße lief und umkehrte.
„Kommt. Zieht eure Jacken an. Wir haben keine Zeit, Mama oder Papa Bescheid zu sagen. Wir folgen ihm”, forderte Angelina ihre Schwestern auf.
Sie zogen sich, so schnell sie konnten Schuhe und Jacke an und folgten dann Li Nú. Er führte
sie den kürzesten Weg über Feld und Wiese zum Bootshäuschen. Als sie dort ankamen, waren sie von dem warmen Sommerregen total durchnässt. Er kratzte an der Häuschentür. Angelina öffnete. Der Kater schoss hinein, schüttelte sich kräftig und ging dann auf die Werkstatttür zu. Auch an ihr kratzte er solange, bis ihm geöffnet wurde. Die Tür zu den Booten stand offen. Er ging weiter, bis auf das Boot zu und sprang hinein. Die Schwestern standen unschlüssig daneben und sahen auf Li Nú herunter. Er sah zu ihnen hinauf. Dann sprang er wieder aus dem Boot und stupste es mit der Nase in Richtung See.
„Das gibt es doch gar nicht”, sagte Angelina ungläubig. Sie strich mit den Fingern über die Farbe. Sie war trocken. Auch die Farbe der Ruder war getrocknet. „Sollen wir tatsächlich das Boot ins Wasser lassen und losschwimmen?”
Daida freute sich: „Ja los, lass das Boot ins Wasser.”
Der Kater stupste es wieder an.
Daida fing an, es Richtung Kante des Stegs zu schieben. Talia fasste mit an. Als Angelina sah, dass beide versuchten das Boot ins Wasser zu lassen, half sie auch mit. Li Nú sprang wieder hinein. Daida stieg hinterher, dann Talia und zum Schluss Angelina. Sie ergriff die Ruder. Talia stieß ab und sie schwammen los, immer weiter vom Häuschen weg. Li Nú stupste Angelina mit der Nase an der rechten Hand an. Langsam verstand sie, was er damit meinte und lenkte solange rechts, bis er meinte es wäre genug. Plötzlich bemerkte Talia, auf was sie zusteuerten. Es war ein Bach, nur nicht so flach, sondern tief genug, dass ein Ruderboot ohne Probleme in ihm schwimmen konnte. „Wohin führt er uns?”, wollte Daida wissen.
Keiner antwortete ihr. Es nieselte noch immer ein wenig. Daida rückte dicht an Talia heran. Sie fror.
Nun erreichten sie den Bach.
„Hier ist es leichter zu rudern”, stellte Angelina fest.
Der schwarze Kater hatte es sich vor ihren Füßen bequem gemacht. Er schien nicht zu frieren.
„Kann ich mal rudern?”, fragte Talia nach einer langen Weile.
Angelina nickte und überreichte ihr die Ruder. Talia hatte mehr mit der Strömung zu kämpfen, als Angelina.
„Wie lange sind wir schon unterwegs?”, wollte Daida wissen.
„Etwa eine Stunde”, antwortete Angelina ihr.
„Mir ist langweilig”, jammerte sie.
„Dann such dir eine Beschäftigung”, erwiderte Angelina.
„Wo fahren wir denn eigentlich hin.”
„Och, Mensch, halt doch deinen Mund! Ich weiß es doch auch nicht”, brauste Angelina genervt auf.
Der Kater stellte die Nackenhaare auf. Angelina streichelte ihn beruhigend.
Langsam wurde der Regen weniger und der Himmel heiterte sich ein wenig auf. Sie schwiegen alle bedrückt. Nur der Kater schnurrte unter Angelinas streichelnder Hand.
Nach etwa einer Stunde unterbrach Daida wieder die Stille mit ihrem Gejammer: „Mir ist kalt.”
„Dann mach dir warme Gedanken”, warf Talia zurück.
„Das nützt auch nichts”, erwiderte Daida.
„Wollen wir mal wieder wechseln?”, bot Angelina Talia an.
Sie war einverstanden.
Die drei Schwestern fuhren etwa noch eine halbe Stunde, bis sie an einen Bach gelangten, der in den ihren floss. An dieser Stelle hatte Angelina so sehr mit der Strömung zu kämpfen, dass sie fast an einen Baumstamm geschleudert wurden. Er ragte vom Ufer aus ins Wasser. Sie konnte gerade noch an ihm vorbeilenken. Plötzlich wurden sie in einen Strudel gerissen. Das Boot wurde dreimal im Kreis gewirbelt und raste dann geradeaus, wie eine Rakete, aus dem Strudel heraus. Angelina entwich ein Ruder. Das andere zog sie schnell ein.
„Mist!”, fluchte sie. „Wie sollen wir jetzt noch lenken, geschweige denn zurückkommen?”
Sie sah sich um. Daida war auf den Boden des Bootes geschleudert worden. Talia lag vorne im Bug. Beide rappelten sich auf und setzen sich wieder auf die Bänke. Der Kater lag, wo er vorher auch lag. Er schien so etwas gewohnt zu sein.
Plötzlich schrie Talia auf: „Da hinten schwimmt ein Ruder. Das ist unseres. Dir ist das Ruder entwischt.” Sie beugte sich so weit übers Wasser, dass sie fast, von dieser schnellen Fahrt, herausgefallen wäre. Gerade noch rechtzeitig griff sie nach dem Ruder und warf sich ins Boot zurück.
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