Eigentlich gibt es keine Sorgen, eigentlich! Für räumlichen Platz ist gesorgt, genauso wie Platz für Freude, Trauer, Wut und jegliche weiteren Emotionen. Aber das wird die Zeit mit großartiger Unterstützung von uns Dreien zeigen. Ich hoffe nicht auf Krieg-Trauer-Rührei! Mal schauen, was passiert, wenn die Wohnung gereinigt werden muss? Da wird vermutlich die sogenannte gerechte Aufteilung, statt in 3 x 60 qm, in Töchter 40 qm und Papa 140 qm umgebogen. Das nennt sich dann moderne Mengenlehre, in der die Schnittmengen dem Papa zugeschlagen werden. So sitze ich und sinniere augenblicklich, als ein:
»Papa, was machst du da?«, hinter mir erklingt. Sofort drehe ich mich zu Kyra um, gucke sie an:
»Kyra! Ich denke gerade über die Verteilung der Arbeiten in der neuen Wohnung nach. Also, ich habe mir das so gedacht: Da ich der Papa und der ältere bin, muss ich von euch entlastet werden. Ihr zwei Drittel und ich ein Drittel.«
Kyra überlegt blitzschnell und sagt dann grinsend:
»Also, ich denke mir, dass die Aufteilung nach dem Alter geht. Hast du auch gerade gesagt. Und da Hannah und ich so alt wie du sind, bedeutet es, dass du die Hälfte übernimmst.«
Wie war das noch vorhin mit der Mengenlehre? Diese wurde sofort in Prozentrechnung umgewandelt.
»Also heißt das Ergebnis, wenn ich richtig gerechnet habe: Putzfrau!«, erwidere ich ihr.
»Klasse Papa! Ich befürchtete bereits, ich müsste dich mit in den Matheunterricht nehmen!«
Am Abend ruft Roland tatsächlich wie versprochen zurück.
»Entschuldige für vorhin, aber ich konnte wirklich nicht: Drecks-Meeting! Ich hasse die Dinger auch, aber diesmal war es ganz interessant!«
»Was kann es da schon für spannende Themen geben?«, wundere ich mich.
»Doch, doch! Bei uns ist eine neue Abteilung dazugekommen, die sich mit Forensik befasst.«
»Hat das nicht etwas mit „alten Fällen“ zu tun?«
»Fast richtig: Ist eigentlich ein weites Feld, wie ich heute gelernt habe. Was mich betreffen könnte: Wir werden alte, ungelöste Fälle aufrollen! Dafür werden Kollegen gesucht und ich überlege mir, ob ich mitmachen sollte!«
»Warum nicht? Wenn du Aufstiegsmöglichkeiten siehst? Kohle kannst du immer gebrauchen!«, hake ich nach.
»Ich wollte mir ja eine neue Küche gönnen! Haha!«
»Habe ich uns gerade gegönnt, aber mit 160 qm Drumherum!«, sage ich stolz.
»Hä! Ich verstehe kein Wort? Was bedeutet das!«
»Gut, das Kyra nicht mithört, sonst hättest du das bekannte „Bullen verstehen nichts“ von ihr gerade zu hören bekommen.«
»Haha! Stimmt!«
»Ich habe eine andere Wohnung gekauft, eigentlich die Töchter, und Hannah zieht mit ein!«
»Zieht mit ein?«, fragt Roland etwas zögerlich nach.
»Ja, zieht mit ein: Bulle-versteht-nichts-Roland! Sie ist allein und mit dir hat es nicht geklappt!«
»Leider, Finn! Sie ist noch so jung und will einiges erleben, was ich ihr zurzeit nicht bieten kann. Bullen sind immer im Dienst!«
»Solltest Lotto spielen. Damit kann man zu Kohle kommen, weißt du ja.«
»Du ja, Finn. Bei mir klappt es so nicht!«
»Du solltest die Hoffnung nicht aufgeben!«
»Die stirbt zuletzt, wie du weißt! Aber als Beamter verdient man sicheres Geld!«
»Roland, ich wollte dich auch nicht traurig machen. Ich weiß, wie sehr du an ihr hängst! Mein Bester: Wie hast du gesagt! Sie ist noch jung. Das wird sich auch noch ändern… Und wenn du in Pension gehst, könnt ihr noch ein paar glückliche Jahre miteinander verleben! Haha!«
»Unverbesserliches Lästermaul, Finn!«
»Also mach’s gut. Und bis bald. Zum Einzug kommst du!«
»Ja, klar komme ich und bleibe ein paar Tage!«
»Wir freuen uns! Tschüs!«
Der Umzug: In den nächsten Wochen ist viel zu erledigen. Ich kümmere mich um den Verkauf meiner Wohnung. Das geht zurzeit trotz der hohen Preise im Handumdrehen. Und schon ist es geschehen: verkauft!
Schnell einige ich mich mit dem Nachmieter über die Renovierung und weiterhin auf einen lockeren Termin für die Übergabe. Und ich muss sagen, das ging viel leichter als erwartet. Der Typ ist mir vor Freude fast an den Hals gesprungen. Wenn der nicht so ein Gebammel zwischen den Beinen gehabt hätte, wäre ich verleitet gewesen, an Kyra zu denken. Immer wieder jauchzte er etwas von „genau was und wo ich es mir vorgestellt habe“ und „was er so alles verändern möchte und wo er und sein Freund schlafen wollen“ und …… fast war ich geneigt, ihm zu sagen: Toll Junge! Finde ich auch sehr interessant. Am besten schreibst du deine Freudengesänge auf, lässt sie in Schweinsleder binden und hängst sie dir als Prachtband über das Bett. Dann kannst du sie abends mit deinem Freund gemeinsam singen! Aber ich bin ein lieber Papi und deshalb sage ich so etwas nicht! Denken ist aber erlaubt!
Was mich betrifft: Auch ich will einige Arbeiten an der neuen Wohnung vornehmen, das heißt muss ich vornehmen lassen. Kyras und Hannahs Wünsche müssen berücksichtigt sein, und auch ich hab so eigene Vorstellungen. Denn Kais Wandbemalungen erscheinen mir mehr als schwülstig. Ich bin geneigt, diesen „Neubarock beziehungsweise „Ehää, ehää“-Stil a la St. Georg“ zu taufen, wohingegen ich eher Anhänger der italienischen Mode und damit der Kunst des Weglassens in „Altweiß“ zuzuordnen bin.
Jedenfalls findet in St. Georg „Schwul, Hipp und Schräg“ zu einer herrlichen Komposition zusammen. Und dass angeblich schwule Männer schicken Frauen hinterherrennen, der sogenannte „Helmut-Stil“, ist nicht mit verkehrter Welt zu bezeichnen. Selbsthilfe- und Yogagruppen oder Nachahmen von Vogelstimmen sind dieser eher zuzuordnen ( Hannah bezeichnet eine solche Äußerung von mir mit „unprofessionellem Verhalten“). Letztlich werden wir drei unseren kleinen Kosmos in der neuen Wohnung bilden und sicherlich darin für genügend Abwechslung sorgen. Und gewiss wird die eine oder andere Person auch wieder ihre Rolle spielen. Apropos Rolle spielen! Was ist eigentlich mit meiner Maria, meiner Ex. Lange nichts mehr von ihr gehört! Ach, ich werde sie jetzt einfach mal anfunken.
Sms:„Hallo Maria! Was machst du?“
Sms zurück: „Geht dich nichts an, Blödmann! Und außerdem spreche ich nicht mehr mit dir!“
Sms:„Hast du gerade getan, Schätzchen!“
Sms zurück:„Oberblödmann! Was willst du?“
Sms:„Ich wollte dir nur mitteilen: Wenn du wieder mit deinem kleinem Köfferchen vorbeikommen möchtest, notier dir unsere neue Adresse!“
Sms zurück:„Hat man dich Pädo aus der alten Wohnung herausgeworfen?“
Sms:„Ich muss an die Familie denken und hab mir was Größeres zugelegt!“
Sms zurück:„Pädos gehören in den Knast!“
Sms:„Ist ein Edelknast! Dafür muss dein TomTom viele Po-Implantate einsetzen!“
Sms zurück:„Vollblödmann!“
Sms:„Hat er also auch schon bei dir getan! Er nennt das bestimmt Butt-Lift!“
Sms zurück:„ZurrArrgKnurrRataRataZong!“
Sms:Hast du deine Tastatur auf „Duck“ umgestellt?“
Sms zurück:„Adresse, Oberpädo! Ich komme vorbei! Tschüs!“
Sms:„Nicht ohne deinen Butt-Lift! Tschüs!“
Ist doch immer wieder nett, sich mit der Ex zu unterhalten. Na ja, dann ist das auch erledigt. Irgendwie freue ich mich schon auf den nächsten Handkofferauftritt von ihr, den ich offensichtlich zu vermissen scheine. Ich werde ihr bereits in der Tür sagen, dass sich die Couch nicht am gewohnten Platz befindet, damit sie ihre kleine Preziöse nicht unerwarteterweise aus dem Fenster wirft und diese nicht jemanden wie den Dauerrenner Helmut auf den Kopf fällt und unvermutet verletzt oder sich ihre wertvollen Dessous über die Straße ergießen! Bei ihrer sogenannten Spontanität ( ein anderer Ausdruck für Wutanfall ) muss man diese Warnung stets in Betracht ziehen. Vielleicht stelle ich auch ein Warnschild in der Wohnung auf: Handkofferwerfen verboten! Wäre ja typisch Deutsch!
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