»Hahahahaha!«
»Hihihiihihihihi!«
Und ganz unschuldig frage ich Kyra:
»Sag mal, hat er etwas mit deiner Schwester?«
»Papa! Du bist nur peinlich!«
»Verstehe! Ich verstehe schon wieder nichts!«
»Wir sollten gehen!«, sagt Kyra und zieht mich aus dem Sessel.
Von Hannah und dem Sitznachbarn ist nichts zu sehen. Aber wie gesagt: Ich kapiere ja nichts! Nur wenige Schritte vom Hotel entfernt treffen wir auf einen Freund.
»Hallo, ihr Süßen!«
»Hallo, Chris!«
»Also!«, so fängt er an, »was ich eben gesehen habe, ist zum Totlachen!«
»Was gab es denn so Spannendes, Chris?«
»Erst rennt so ne nette Schwester an mir vorbei, völlig verheult und wenige Augenblicke später kommt Helmut mit nassen Klamotten aus der Tür. Ich wusste gar nicht, dass der jetzt auf Mädels steht? Kopfschüttel!«
»Papa! Du hältst jetzt den Mund!«, bestimmt Kyra.
»Sag ich ja, ich verstehe nichts, selbst wenn ich verstehen wollte!«, und ich grinse meinen Bekannten an.
»Versteh es, wer es will!«, antwortet dieser und fragt:
»Was habt ihr Süßen vor?«
»Lass uns ins Café Gnosa gehen, etwas essen! Im „The George“ hat es nicht geklappt. Vielleicht kapier ich mit Etwas-im-Magen wieder?«, brummel ich unzufrieden.
Auf dem kurzen Weg zum Gnosa.
»Weißt du«, sage ich zu Chris, »die beiden sind eben auch an uns vorbeigerannt! Hahaha!«
»Papaaaa!«, ermahnt mich Kyra.
»Kyra, schreib deiner Schwester, dass wir sie lieben!«
»Hab ich schon gemacht!«
»Danke! Aber nicht, dass ich nichts verstehe!«
»Hab ich auch bereits geschrieben!«
»Frag sie, ob sie zu uns kommen möchte? Könnte interessant werden. Wird sich gleich herausstellen!«, und ich wende mich an Chris.
»Ich habe mit Kai ( seinem Freund ) über eure Wohnung gesprochen. Ihr wollt sie aufgeben?«
»Kai, ja, ich nicht!«, und er fährt fort:
»Ihm ist sie zu groß geworden. Er sucht was schnuckeliges kleines für uns!«
»So was hat er auch zu mir gesagt!«, nicke ich ihm zu.
»Ach Finn, dann bist DU der, der sich dafür interessiert?«
»So kann man das auch nicht ausdrücken«, und ich deute auf Kyra neben mir: »Sie ist die Auswählerin und Bestimmerin! Ich zahle nur!«
Kaum sitzen wir im Café , stößt Hannah dazu. Wieder gut drauf und gut gestylt.
»Das ist ja die Schwester, der Helmut nachger……«, jauchzt Chris auf.
»Beruhige dich, Chris. Nicht, dass du auch damit noch anfängst! Haha!«
»Ne, ne, ich steh nicht auf diesen Sport!«
»Wenn ich vorstellen darf: Hannah, die große Schwester von Kyra!«
»Also Schwester Schwester!«, äußert er.
»Jo!«
Schon kommt der Kellner und bringt uns ein paar Kleinigkeiten zu essen und tönt sofort heraus:
»Habt ihr das schon von Helmut gehört?«
»Ne, was denn?«, fragt Chris unwissend grinsend zurück.
»Kenne ich gar nicht von ihm. Irgendeine Schwester muss ihn umgedreht haben, denn er ist wie verrückt hinter einer hergerannt! Haha?«
»Oh Mann! Was ist denn hier heute los? Ich versteh gar nichts mehr?«, und ich zeige diskret auf Hannah. Offensichtlich hat er mein Zeichen verstanden, denn er mustert Hannah von oben nach unten und lacht:
»Könnt ich mir auch vorstellen, würde ich auf Mädels stehen!«
»Ihr seid ja noch schlimmer als wir!«, zwitschert Kyra dazwischen:
»Muss ja eine echte Sensation sein, wenn ein Typ hinter meiner Schwester her ist!«
»Sie nun wieder! Aaaaaah!«, und er verabschiedet sich kopfschüttelnd vieldeutig.
»Nun reicht’s aber langsam!«, bestimme ich, aber kann es selbst nicht lassen, zu sagen:
»Ich sehe schon die Schlagzeile im Hamburger Abendblatt von morgen: Sankt Georg! Mann rennt Frau hinterher! Hahaha!«
»Gähn! Papa ist wieder soooo witzig!«, kommt es aus Kyras Mund.
Hannah hat die ganze Zeit ruhig zwischen uns gesessen und nur mit dem Kopf geschüttelt und sich fraulich zurückgehalten. Ist ja auch die ältere von beiden.
»Sag mal, Chris, hat sich Kai gemeldet?«, frage ich ihn.
»Wenn ihr wollt, könnt ihr gucken kommen, hat er geappt!«
»Nach dem Essen, bitte!«
»Hab ich ihm gesagt!«
Irgendwie ist das heute nicht mein Tag, so spreche ich zu mir. Da rennt ein Mann hinter einer Frau her ( oder auch nicht? ) und wird zum Tagesgespräch. Ich möchte meinen Töchtern möglicherweise eine Freude bereiten, wenigstens andeuten, und schon wird losgeheult und so weiter. Ich verstehe wie immer nichts! Na ja, ist irgendwie auch nichts Neues. Bei den Töchtern. Eigentlich fehlt nur noch Chaos-Maria, meine Ex-Frau, um das Ei zum Rührei zu quirlen und Roland, dem in dieser Situation nur sein „ihr seid alle durchgeknallt“ einfallen würde.
Roland! Gutes Stichwort. Was macht der eigentlich? Ich hab auch schon seit vier Wochen nichts mehr von ihm gehört. Schon fummel ich mein Nokia raus und wähle seine Nummer.
»Hallo, Finn! Kann im Augenblick nicht!«, flüstert er.
»Stell dich nicht so an, du bist doch am Schlafen! Oder sitzt dir der Alte gegenüber?«
»Das nicht! Bin im Meeting!«
»Dann hast du ja Zeit für mich. Ist doch eh rein geistige Verschwendung!«, behaupte ich.
»Weißt du, hier herrscht wieder das normale Chaos und da hab ich sofort an dich gedacht und dass du jetzt hier fehlst! Haha!«
»Ja? Finn, ich kann wirklich jetzt wirklich nicht! Bis später heute Abend!«
»Tschüs!«
»Oh Mann!«, stöhne ich, »kann mir denn keiner helfen?«
Natürlich ist die vorwitzige Kyra sofort zur Stelle und deutet wedelnd mit ihrer rechten Hand etwas an:
»Die kleine „Blaue“ und Emma?«, und bricht sofort in ein Kichern aus.
»Bloß nicht!«, antworte ich ihr, »ansonsten mach ich noch den „Helmut“!«
Chris hat das nun in den falschen Hals bekommen und fragt nach:
»Finn! Was hast du denn mit Helmut? Wusste ich ja gar nicht? Muss ich gleich Kai erzählen!«
»Untersteh dich, Chris!«, antworte ich ihm.
Hannah, die weibliche Stille, sitzt mit großen Augen zwischen uns und ihr Blick pendelt ständig zwischen uns Dreien hin und her und wirkt dabei doch abwesend.
»Danke, Hannah, für die rege Beteiligung!«, fällt mir jetzt ein.
Doch anstatt den Ball aufzunehmen, fragt sie:
»Wollten wir nicht zu Kai?«
»Dann lasst uns aufbrechen!«, und ich stehe auf.
Kais Wohnung liegt in einem umgebauten alten Schulgebäude, ein bisschen nach hinten versetzt zur Langen Reihe ( Straße in St. Georg ). Das Dach hat man seinerzeit beim Umbau für neuen Wohnraum angehoben und mit Kupfer beschlagen. Dazu wurden riesige, großflächige Fenster eingesetzt, die die Raumhöhe von nahezu sechs Metern mit Licht durchfluten lassen. Eine Terrasse gibt es nicht. Dafür einen bequemen Erker über die gesamte Breite der Fensterfront. Auf der anderen Seite, die zur Alster hin ausgerichtet ist, wurden seinerzeit Balkons angesetzt. Der Umbau muss circa fünfzehn Jahre zurückliegen und so strahlt das Kupfer nicht mehr rötlich glänzend, sondern beherrschend mit seiner grünlichen Patina auf den Stadtteil hinab. Da das Gebäude nordöstlich ausgerichtet ist, fallen die frühen Sonnenstrahlen auf den Balkon und in die hinteren Zimmer, wohingegen die großen Fenster ab vormittags bis zum Abend hin mit Licht überflutet werden. Knallt die Sonne den ganzen Tag auf das Kupfer, wird es dort mehr als behaglich warm. Doch lässt sich die Wärme durch Dämmung ganz gut beherrschen. Jedenfalls, die paar Male, die ich bei Kai verbracht habe, ließ es sich dort gut aushalten. Im Alstertrakt befinden sich drei Räume und das große Bad. Dort beträgt die Deckenhöhe nur ungefähr 2.8 Meter, weil darüber eine kleine Wohnung eingebaut worden ist, wohingegen der vordere Teil über die gesamte Höhe reicht, der zur Hälfte von einer Zwischenebene geteilt ist. Zu dieser Fläche führt eine Treppe, die ihr Licht von den großen Fenstern und einem seitlichen Fensterband erhält. Dort befindet sich das sogenannte kleine, zweite Bad, das Duschbad. Begrenzt wird die Galerie zum Raum hin durch ein Glasgeländer. Unter der Galerie liegt die Küche, die damit auch den Mittelpunkt der Wohnung bildet und zum Wohnraum und Flur offen gestaltet ist. Insgesamt müssen sich schon mindestens hundertachtzig Quadratmeter zusammensammeln. Einen sehr dunklen Holzfußboden mit Heizung hatte sich Kai seinerzeit ausgewählt, und ich muss gestehen, die Wahl war richtig. Die Helligkeit und sehr hohen Wände bilden einen sehr edlen Gegensatz, oder wie es Kai immer ausdrückt, ein „schwüles Ambiente“, was immer das auch bedeuten soll.
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