Eduards Leben hingegen verraste. Er hetzte von einem Ziel zum Nächsten. Wissbegierig, voller Tatendrang, gönnte er sich keine Pause. Ihm wurde jeder Tag zu kurz. Immer weniger schlief er, um nicht kostbare Stunden zu vergeuden.
Gleich einem Stier, stürmte er von einer Arena zur nächsten. Wer sich ihm in den Weg stellte wurde zwar nicht rücksichtslos überrannt, aber sicher besiegt. Kein Hindernis war zu groß, keine Hürde unüberwindbar. Er wollte seinen Weg gehen. Unbeirrt, aufrecht.
„War ja nicht immer ganz leicht“, sinnierte er zufrieden! Aber ich lass mich einfach nicht unterkriegen.“ Immer wieder blitzten Erinnerungen seines oft recht hektischen Werdegangs auf.
Sehr zum Bedauern des guten Meisters, wechselte er unmittelbar nach erfolgreich bestandener Gesellenprüfung in die Industrie. Ein geeignetes Sprungbrett, um seinen gesetzten Träumen ein Stück näher zu rücken.
„Industrielle Erzeugung.“ Wie Magie klangen diese Worte. Nach kurzer Zeit erkannte man auch hier seine Begabung und Fähigkeiten.
„Herr Behring, sie werden alle Positionen durchlaufen.“ Die feste Stimme seines neuen Arbeitgebers klang Vertrauen einflößend.
„Zuschnitt, Einrichten, Taschenfertigung, Kantenverstürzen, Achsel- und Seitennähte schließen, Ärmel einnähen und so weiter. Alles Dinge, die ein tüchtiger Lehrlingsausbilder mit links beherrschen muss.“ Ein herausfordernder Blick, den Eduard klar erwiderte.
Die erste Treppe seiner langen Aufstiegsleiter hatte er erreicht. Sein Eifer, sein tadelloser Ruf, nicht nur als Könner, sondern vor allem als Kumpel, eilten ihm voraus. Gerechtigkeit und Umsicht waren vorrangig.
Fred Bäumler war einst sein härtester Konkurrent in der neuen Firma.
Unerwartet, aus heiterem Himmel traf ihn eines Tages die Hiobsbotschaft.
“Ich bin schwanger!” Ein Blitzschlag. Kathi stand vor ihm, mit verheultem Gesicht, struppigem Haar. Aufgelöst. Völlig verzweifelt.
In Eds Kopf – ein wirbelndes Karussell. Er hatte eine lange Schicht hinter sich, war todmüde.
Wie konnte das passieren? Er kannte das Mädchen doch kaum. Vor zwei Monaten in einer Bar ! Sie sah nett aus, er hatte sie aus Freds Umklammerung befreit. Filmriss.
Jetzt stand sie vor ihm, war sichtlich verzweifelt. Fetzten einer wagen Erinnerung kehrten wieder. Die verrauchte Kneipe. Das adrette Töchterchen aus bürgerlichem Haus. So gab sie sich jedenfalls, als Ed bereits leicht beschwipst mit Fred Bäumler das Lokal betrat.
Fred baggerte die Kleine reichlich frech an. Sie hatte nur Augen für Eduard.
„Du kleines Miststück“, lallte Fred, „hast ja keine Ahnung was dir entgeht.“
Gierig fingerte er nach ihren prallen Brüsten, klatschte ihr auf den Hintern, versuchte sie gewaltsam in eine Ecke zu drängen. Er zerrte Fred zurück an den Tisch.
„Blöde Nutte auch!“, hatte er damals geschimpft. „Was mischt du dich überhaupt in meine Angelegenheiten. Such dir gefälligst selbst ein Mädchen. Den ganzen Abend lang gehst du mir schon auf den Nerv. Spannst mir eine nach der anderen aus. Mir reicht es.“
Plötzlich schlug er zu. Die harte Faust landete in Eds Magengrube. Überraschte Augen. Kurz darauf kippte er vorn über, schlug mit dem Kopf am Tresen auf.
„Na gut geschlafen mein Freund?“ Eine heitere Stimme weckte ihn.
Das Mädchen von gestern Abend in der Bar, saß auf der Bettkante, lächelte liebevoll, streichelte seinen Brummschädel.
„Wo bin ich?“ Die fremde Wohnung. Das zerwühlte Bett. Zwei leere Weinflaschen am knallroten Teppich. Ein Aschenbecher, voll mit abgebrannten Zigarettenkippen. Alkoholvergiftung oder Nikotinvergiftung?
Gedächtnisverlust. Seine Stimme klang rau. Der Hals kratzte. Splitternackt lag er auf den zerknautschten Lacken. Das Mädchen lachte.
„Bei mir, mein Schatz. Bei deiner Kathi. Ich habe dich mit nach Hause genommen. Du warst so hilfebedürftig. Später allerdings hätte
i c h fast Hilfe gebraucht. Du bist ja ganz rasch zur Sache gekommen, du toller Hecht.
„Haben wir miteinander geschlafen?“
„Geschlafen haben wir auch, aber erst viel später“, lachte sie schallend. Was glaubst du denn. Wir haben es immer wieder getrieben, du hast mich so herrlich geliebt und es war wundervoll.“
Entsetzt blickte Eduard auf den Wecker am Nachttisch. Neun Uhr zwanzig.
„Warum hast du mich nicht eher geweckt. Ich muss zur Arbeit.“
„Das wusste ich doch nicht, mein schöner Mann. Ruf einfach an und melde dich krank.“
Noch nie im Leben war ihm so etwas passiert.
„Unmöglich. Ich muss sofort weg.“
„Aber du kommst doch wieder. Nach der Arbeit. Versprochen.“ Sie hatte sich zärtlich an ihn gekuschelt, ihm einen leidenschaftlichen Kuss auf die Wange gedrückt. „Es war so wunderschön heute Nacht. Bitte komm wieder.“
Kathi war Freds Freundin, dem sie in blinder Hörigkeit gehorchte, seit zwei Jahren schon. Bedingungslos erfüllte sie ihm jeden noch so ausgefallenen Wunsch. Doch davon hatte Eduard keine Ahnung.
Mit neun Jahren wurde sie das erste Mal vergewaltigt, mit dreizehn schickte sie der eigene Vater auf den Strich. Jetzt war sie achtzehn. Vor zwei Jahren hatte Fred sie aus dem triefenden Sumpf herausgeholt. Endlich hatte sie ein zu Hause, ein warmes Bett, täglich eine warme Mahlzeit. Fred kaufte ihr neue Klamotten, machte sie zu einer attraktiven, verführerischen Frau, die nur von Fred ausgesuchte Freier bedienen musste.
Sie liebte Fred und er liebte sie auch, auf seine Art. Für intrigante Machenschaften allerdings musste sie widerspruchslos Willens sein. Eduard zu verführen war eine solche Situation.
Als Arbeitskollege von Fred Bäumler bestand die Gefahr, Eduard könnte ihm den schon lange geplanten Posten vor der Nase wegschnappen. Wilde Eifersucht brachte Fred auf die irrwitzige Idee, diesem Saubermann eine gehörige Portion Unannehmlichkeiten unterzujubeln.
„Immer nur die reine Weste anhaben und die anderen in Grund und Boden stampfen. Das lasse ich mir einfach nicht bieten. Dir werd ich es zeigen.“ Fluchend rannte er zu Hause herum. Sein Hirn arbeitete fieberhaft. Dann hatte er den „Freund“ zu besagter Sauftour überredet. Kathi war schon seit einigen Wochen schwanger von ihm. Jetzt wollte er Eduard den Balg unterschieben.
„Ich werde zu dem Kind stehen. Ein Vaterschaftstest wird Klarheit bringen.“
Eduard traf sich in nächster Zeit öfter mit Kathi. Er war höflich, zuvorkommend. Das Kind würde er wohl oder übel akzeptieren müssen. Er wollte sich keinesfalls binden, wollte vorwärts kommen, sein großes Ziel erreichen.
Triumph lag in Freds Augen.
„Mit einem Balg am Hals wirst du deine Zukunftspläne gewaltig zurückschrauben müssen, Freund.“ Lodernde Bosheit in der Stimme.
Der fiese Plan ging nicht auf. Eduard arbeitete mit doppeltem, ja dreifachem Eifer. Ließ sich durch gemeine Ränke nicht beirren. Immer wieder versuchte Fred seinem Konkurrenten ein Bein zu stellen, ihn bei der Geschäftsleitung in Misskredit zu bringen. Ed parierte alle Schläge mit Virtuosität.
Besuche zu Hause wurden seltener. Von Mal zu Mal verschob er angekündigte Treffen, vertröstete die Anderen, doch vor allem sich selbst. Die Zeit, die kostbare Zeit.
Weihnachten wollte Eduard mit der Familie zusammen sein. Am dreiundzwanzigsten Dezember bestieg er elegant, aufs adretteste herausgeputzt, den schnaufenden Zug. Dunkelbrauner, breitkrempiger Filzhut. Gleichtoniger, selbst gefertigter Kamelhaarmantel mit breitem Revers und flottem Dragoner. Hochmodisch. Le dernier Cris.
„Diese boxkalbenen Schlüpfer!“ stöhnte er. „Für die Witterung denkbarst ungeeignet, aber unentbehrlich.“ Die spiegelglatten Sohlen verliehen seinem sonst so selbstbewussten Auftreten einige Balanceschwierigkeiten.
Mehr schlecht als recht schlitterte er über den schlüpfrigen Boden der berstend vollen Bahnhofshalle. Auf trockenem Terrain fand er seine gewohnte Sicherheit sofort wieder. Monsieur nahm Platz, legte die Beine nonchalant übereinander, steckte sich ein Zigarillo an. Ratternd setzte sich der Zug in Bewegung. Dampfend polterte er hinaus aus dem stinkenden Ruhrpot, der Heimat entgegen. Schmutzig graue Hausmauern, drückende Rauchschwaden, machten einem glitzernden Wintermärchen Platz. Eiskristalle tanzten an den Scheiben.
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