Danach lässt Minutoli noch drei Kapitel folgen, zwei schwierige: ,Die Gründe der Verarmung und Entvölkerung’, ,Maßregeln der Regierung zur Förderung des Wohlstandes der canarischen Inseln und seine Beurteilung dieser Maßregeln’ und ein weinseliges: ,Schluß’.
Es fällt ihm schwer: „Mit einem Gefühl der Wehmut geht der Verfasser zu dem Inhalte dieses Abschnittes über. Die Extreme berühren sich vielfach im Leben.“ Und man liest nicht leicht über diese Zeilen: „Das Schicksalsbuch läßt Menschen im Überfluß leben und andere in der Not verkommen. Ist es aber eine Ironie des Weltschicksals, oder sind es warnende Fingerzeige von oben - wenn der Reichtum sich neben dem Elende, wenn der Überfluß sich neben der äußersten Entbehrung bettet, wenn an den Palast sich die Erdhütte anlehnt? Geht nicht so schnell und gleichgültig bei dem Unglücklichen vorüber! Beruhigt Euch nicht mit dem Gedanken, daß ihr ja an seinem Elende nicht schuldig seit! Disputiert euch nicht vor, daß andere berufen seien, der Armut unter die Arme zu greifen und rühmt Euch nicht der Pfennige, die ihr dem Bettler mißmutig hinwerft! Es gibt viele Unwürdige; aber der Hunger tut weh und Bitten wird vielen schwer; und wir haben immer noch genug um Elenden abgeben zu können und wir sind berufen, wir alle ohne Unterschied, ein jeder in seiner Weise, um darüber nachzudenken und dazu beizutragen, die Not des Einzelnen zu lindern und die Lage ganzer notleidender Klassen, je nach unseren Mitteln und Kräften bessern zu helfen.“
„Man kann es nur aufrichtig beklagen, wenn die vernachlässigte Volkserziehung viele Begriffe unentwickelt und unklar gelassen und den Glauben an Hexen und böse Geister bewahrt hat. Gegen den bösen Blick vergräbt man noch heute Bockshörner an Weinbergen; hängt den Pferden Amulette an die Stirnriemen, oder zieht die Beinkleider verkehrt an. Auf den Jahrmärkten kann man immer noch solche Amulette öffentlich kaufen und jede Ortschaft hat ihren Animero oder Geisterbanner.“
Als weiteren Grund für die Verarmung der Bevölkerung nennt er den Tagelohn, der in Naturalien entrichtet wird, in barem Geld nur ausnahmsweise auf den Lande. Auf Fuerteventura hatte er einen überaus reichen Gutsbesitzer kennen gelernt: „’Diese [Arbeiter] verlangen mehr, als ich zu geben gewohnt bin und dabei verlangen sie noch einen Teil des Tagelohn in barem Gelde’. ,Nun’, sagte ich, ,das scheint mir nicht ganz so unbillig; da der Tagelohn so äußerst gering, das Getreide billig und den Palmaer Arbeiter die Verwertung des Lohngetreides nur mit Opfern möglich sein wird. Übrigens steht ja die geringe Mehrausgabe auch in gar keinem Verhältnisse mit dem Werte der nach der Arbeit zu erwartenden Cochenille-Ernte’. ,Das weiß ich sehr wohl’, erwiderte er. ,Aber das ist mir ganz gleichgültig. Ich gebe nicht mehr und ich bezahle nicht anders, als mein Vater und Großvater getan. Und ehe daß ich einen Cuarto (ein Dreier) zum Tagelohn zulege, oder bar zahle, mag die ganze große schöne Cactusplantage unbenutzt bleiben. Ich kann es aushalten.’“
Und noch einen Grund: „Der Grundbesitz auf den canarischen Inseln ist mit geringen Ausnahmen unter dem Adel der Provinz geteilt... Verpachtungen kleiner Parzellen finden am häufigsten statt. Sie werden immer nur auf einige Jahre geschlossen... Die Medianeros oder Halbmeier sind im Grunde nichts als Knechte und es ist dafür gesorgt, daß die Pachtbedingungen so lästig sind und ihnen nebenbei durch den Verpächter oder vielmehr dessen Unterbeamte so willkürliche und drückende Verpflichtungen auferlegt werden, daß sie sich auf die Dauer nicht erhalten können und nur die Zahl der Notleidenden und Auswanderer vermehren. In guten Jahren können diese Familien bestehen. Die guten Jahre gehören aber auf den Canarien, mindestens auf den östlich belegenen Inseln, zu den Ausnahmen; und da in schlechten Jahren dem Pächter gar nichts bleibt, nicht einmal das Notwendigste zum mageren Leben und zur neuen Saat, so muß er dann entweder mit Weib und Kind den Hof verlassen, oder er macht noch einen eben so bedenklichen Versuch, durch Entnehmen von Vorschüssen seinen unfehlbaren Ruin vorzubereiten. Die kurze Pachtzeit; der häufige Wechsel der Pächter; die wegen Mangel an hinreichender Düngung auch nun unvollkommene Bestellung des Ackers; das Unbestelltbleiben vieler Parzellen, alles dies wirkt natürlich auf Bodencultur und Rente nachteilig - während gleichzeitig die Pächter darüber zu Grunde gehen.“
Zum Gesetz zur Förderung eines freieren Handelsverkehrs vom Juli 1852 lagen Minutoli „über den Schiffsverkehr, über den Wert der Importation und über den Tabaks-Consume im Hafen von Santa Cruz de Tenerifa bis zum 10. Oktober 1853 amtliche Notizen vor“, die eine Steigerung des Schiffsverkehrs nachwiesen.
„Die von der Regierung angeordneten und eingeleiteten Maßregeln zur Belebung des Ackerbaues und der Industrie, wie solche oben angeführt sind, werden sich als sehr zweckmäßig bewähren. Insbesondere steht in der überhand nehmenden Cochenillezucht und Fischerei eine Quelle bedeutender Einnahmen den Inseln zu Gebot und hierdurch wird ein bedeutender Verkehr mit dem Auslande unterhalten werden... Weniger kann bei der Lage der Dinge von der Besserung und Ausdehnung der Communal-Anstalten erwartet werden, so lange die Armut der Gemeinde und Überbürdung mit Abgaben einen scheinbar gegründeten Vorwand zur Aufrechthaltung des jetzigen Standes der Dinge abgeben werden... Ähnlich gestaltet es sich mit dem Bestreben, der geistigen Verarmung und dem sittlichen Verfall durch die Heranbildung eines tüchtigen Priesterstandes entgegen zu wirken.“
„Zu den im Übrigen zur Beförderung eines freieren Verkehrs beitragenden Mitteln, gehört die größere Frequenz von Reisenden, welche teils aus Interesse für die Naturschönheiten und Naturwissenschaften, teil aus Gesundheitsrücksichten, teils zur Anknüpfung von irgend welchen Verbindungen, die Inseln mittelst der erleichterten Kommunikationsmittel besuchen.“
„Trotz solcher vielleicht verbreiteten Ansichten, darf man die Hoffnung auf Erfolg nicht aufgeben. Wenn bei den reichen Grundbesitzern die Überzeugung immer mehr werktätig werden muß, daß ihr eigener Vorteil mit dem materiellen Wohlbefinden und mit dem guten sittlichen Zustande ihrer Arbeiter wesentlich verknüpft ist, wenn die Regierung den Gegenstand von der richtigen Seite aufzufassen und mit der notwendigen Geschicklichkeit und Nachdruck durchzuführen weiß; denn ich wünsche nur, daß es ihr klar werde, wie der gegenwärtige Zustand ein unbilliger und unhaltbarer ist, wie ohne seine Abhülfe die erwarteten Resultate nicht allein nicht zu erreichen, sondern in ihrer Allgemeinheit ganz unmöglich sind.“
Zum Schluss seines Werkes: „Es war ursprünglich meine Absicht auf einigen Bogen ein Kapitel einzuschalten, ausschließlich bestimmt, um meinen Lesern eine Schilderung der über alle Beschreibung hinausreichenden, unendlich schönen, ich möchte sagen, paradiesischen Natur zu geben und in der Schilderung die Einfachheit, Herzlichkeit und gewiß nirgends übertroffene Gastfreiheit der Bewohner der canarischen Inseln zu verweben... Allein ich mußte mir sagen, daß der Stoff zu mächtig ist.“ Minutoli beschränkt sich dann darauf, zu beschreiben, was er beschreiben wollte.
In DIE CANARISCHEN INSELN, IHRE VERGANGENHEIT UND ZUKUNFT gibt Minutoli für seinen Aufenthalt dort das Jahr 1853 an. Er besuchte La Palma, auf der er viel Elend sah, „häufig müssen die Bewohner ihre Zuflucht zu Brot nehmen, das aus Roggenmehl und Farrenkrautwurzeln gemischt ist“.
Teneriffa: Der ganze gegen Norden und Westen belegene Teil besitzt einen Überfluß an Wasser, fördert die reichlichsten und edelsten Früchte, Pflanzen, Weine und Bäume... Auf dieser Insel haben sich Waldungen erhalten, welche als Eigentum der Gemeinden mehr forstwirtschaftlich behandelt werden müßten. Leider sind aber Bäume edler Art, welche früher in großer Menge auf der Insel vorhanden waren, wie Cedern und Palmen, canarische Fichten und Drachenbäume, fast gänzlich verschwunden.
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