1 ...8 9 10 12 13 14 ...21 Nun saß ich vor dem Lehmklumpen und sollte meiner Kreativität freien Lauf lassen. Das zumindest behauptete diese komische Öko-Schlunze, in ihrem selbstgestrickten Dress. Damit sah sie aus, wie eine halb Verweste im Leichensack. Wenn ich diese alten Weiber schon sehe, solche Schabracken, mit grauem Pagenkopf und einer Lesebrille am Goldkettchen ... Da bekomme selbst ich es mit der Angst zu tun. Die Leiterin des Töpferkurs hatte so etwas Wölfisches an sich. Wahrscheinlich war sie in ihrer Freizeit eine Lykanthropin. Und als Krönung, hieß sie auch noch Lupinia Semmeltopf. Missmutig beobachtete ich, wie sich alle, als wären sie die Verrückten, an ihrem Lehmbatzen zu schaffen machten. Ernestine durfte nicht mitkneten, sie würde mir nur den Fußboden versauen. Stattdessen saß sie auf der Töpferscheibe und ließ sich von jemandem, der Erbarmen mit ihr fand, dumm und schwindelig drehen. Schon allein vom Zusehen bekam ich Migräne. Die Wolfs-Töpferin bemerkte wohl meine Misere, weil ich den Klumpen mürrisch anblickte und mir dabei die Schläfen rieb.
»Ragnor? Schwierigkeiten mit der Kreativität? Dir wird doch irgendetwas einfallen, oder? Zum Beispiel, etwas, das dich schon heute morgen bewegt hat«, meinte sie wohlwollend.
Sofort schoss mir dieser räudige Kater ein, denn er hatte mich heute schon sowohl zum angewiderten, als auch wütenden Herumhüpfen gebracht. Und wenn das kein bewegender Moment war, fresse ich den Batzen Lehm!
»Okey-dokey«, täuschte ich innerliche Erleuchtung vor und begann zu kneten. Schnell bildete sich etwas Katzenähnliches heraus, das von der Töpferin begeistert aufgenommen wurde. Schließlich saß eine ganz passable Tonkatze vor mir. Euphorisch klatschte die Ökotante neben mir in die Hände.
»Alle mal herkommen! Nun schaut euch doch mal diese hübsche Katze an!«, jauchzte sie, und ich wäre nicht verwundert gewesen, wenn sie ein kleines Tänzchen aufgeführt hätte. Katzentanz, oder so etwas. »Komm Ragnor, lass sie uns in den Brennofen setzen. Nein, so etwas habe ich dir wirklich nicht zugetraut. Ich will nicht sagen, dass du unsensibel wärst, aber so eine filigrane Arbeit, sehr gut für deine, äh, Konstitution!«, sülzte mich diese Hippe voll.
»Halt, nee, nee!«, blockte ich ab. »Die ist doch noch gar nicht fertig! Hände weg!«, forderte ich mein künstlerisches Recht ein. Denn das Beste kam ja erst!
Wie ein Chirurg griff ich mir ein Modellierholz und traktierte damit das Tonkatzenvieh. Die Gerätschaft ließ ich stecken und nahm mir eine Modellierschlinge und stach sie mehrmals in das Kunstwerk. Danach kam der Lochschneider zum Einsatz. Letztendlich schnitt ich dem Vieh mit der Drahtschlinge den Kopf von den Schultern und legte ihn ihr vor die Katzenpfötchen.
»So, jetzt bin ich fertig, kann gebrannt werden«, kommentierte ich mein Werk, nicht ohne einer gewissen Genugtuung.
»Nein, ich weigere mich, etwas Gewalt verherrlichendes zu brennen! Ohnehin brauchen wir die Werkzeuge und das Holz würde beschädigt werden!«, mokierte sich die Lesebrillenträgerin.
Gut, dann wird das Kunstwerk Tote Katze eben niemals das Licht der Welt erblicken. So wurde es kurzerhand wieder zu einem nichtssagenden Klumpen Ton.
»Ragnor, ich verstehe nicht, wieso du die Katze nicht in ihrem vorherigen Zustand gelassen hast. Sie war doch schön!«, belaberte mich die Wölfische.
»Schön? Aber absolut nicht aussagekräftig und wenig brauchbar - in meinen Augen unnütz!«, gab ich lakonisch zu Protokoll. Für mich machte die Katze danach viel mehr Sinn.
»Wenn du auf Nützlichkeit plädierst, dann mache eben etwas davon und nicht so ein destruktives Zeug!«, belehrte sich mich weiter. Irgendwie erwartete ich schon, sie würde sich vor Aufregung mit dem Fuß hinter dem Ohr kratzen.
»Okay, wenn ich etwas Nützliches machen soll, dann brauche ich mehr Ton, und nimm mal jemand Ernestine von der Platte, ich habe keine Lust mit ihr nachher nur im Kreis zu laufen!«, gab ich zum Besten.
Da Ökotante die einzige mit sauberen Händen war, hob sie mit leicht angewiderter Miene das Socken-Monster herunter, was Ernestine brummeln ließ.
»Hier ist Ton, davon kannst du dir nehmen soviel du brauchst«, zeigte Lupinia in die Ecke, in der wirklich viel Ton lag.
»Oh, so viel Ton!«, grinste ich mit O-Ton in der Stimme. Doch man sollte den Bogen auch nicht zu sehr überspannen, sonst kam die Tussi noch auf den Gedanken, mich aus den Räumlichkeiten entfernen zu lassen. Tja, dann konnte ja nichts mehr schief gehen. Ich feuchtete mir die Hände an und warf den ersten Klumpen auf die Töpferscheibe und brachte ihn schon mal etwas in Form. Wenn Radegundis mir holt war, würde daraus sogar etwas werden, falls ich nicht an totalem Gedächtnisverlust litt. Zum Glück war es eine mechanische Töpferscheibe, denn mit einer motorisierten hatte ich bisher noch nicht gearbeitet. Ja, das Dreck-, Matsch- und Kacke-Spiel war bei uns im Dorf quasi immer die lehrreiche Vorschule des Töpferns gewesen. So bekamen wir schon mal das richtige Fingerspitzengefühl für Material und Motorik. Oder dachtet ihr, wir benutzten keine Teller und futterten unsere Speisen direkt von der Tischplatte? Damit es auch selbst nach der heftigsten Feier, hinterher noch immer genug Irdenes im Hause gab, musste jeder von uns mal an die Töpferscheibe. Seltsam, was so ein Brocken Lehm für Erinnerungen weckte. Und wie der Doc sagte, mussten diese Erinnerungen nicht immer negativer Natur sein. Ohnehin bin ich ein pragmatischer Typ, was eindeutig von meiner Mutter stammte. Und da ich für meinen neuen Hausstand noch dringend ein Essgeschirr brauchte, konnte ich mir gleich eines vor Ort werkeln. Natürlich esse ich nicht, aber man benötigt doch mal einen Teller, oder eine Tasse für einen Gast. Und die Zwerge würden voraussichtlich noch sehr oft zu Besuch kommen. Also, warum nicht etwas ganz Individuelles herstellen? Massenware gibt es doch schon zu Genüge. Mein erster Teller wurde wieder von mir platt gemacht, weil er noch ein wenig krungelig war. Doch der zweite Versuch klappte, und im nu hatte ich sechs Teller geformt. Gerade wollte ich mit den tiefen Tellern beginnen, als die Unterrichtsstunde schon vorüber war. Hätte ich nicht erst so eine blöde Katze modelliert, wäre ich schon wesentlich weiter. Aber morgen stand wieder Töpfern auf dem Plan und dann würde ich sehr bald das gesamte Service fertig bekommen. Zumindest war ich zufrieden, als mein erstes - seit 600 Jahren - eigenes Geschirr zum Vortrocknen im Regal stand. Klar, damals, als ich noch ein großer Macker im Dienste des Lord Seraphim war, besaßen wir natürlich feinstes Chinesisches Porzellan. Nur kam das sehr selten bei uns auf den Tisch. Bei den wilden Kindern? Sollte es etwa den weiten Weg über die Seidenstraße genommen haben, damit mir anschließend meine Rüpel-Kinder das Geschirr zerdepperten? Ohnehin waren die Tassen so klitzeklein, dass ich da niemals meinen Finger durch den Tassenhenkel bekam. Mit anderen Worten: Es sah zwar ganz hübsch aus, war aber im Grunde genommen völlig unpraktisch. Da lobe ich mir doch etwas Rustikales!
Im Gang wartete schon Diemal auf mich und grinste über beide Backen.
»Es steht 1:1! Du töpferst eindeutig besser als dein Socken-Monster.«
»Das lag vielleicht daran, weil sie nicht zum Zug gekommen ist. Aber ich habe echt keinen Bock, das Vieh zuhause zu baden«, gab ich zu Gehör. »Findest du nicht auch, dass die Kursleiterin wie ein Wolf aus einem Märchen aussieht? So wie der Wolf, der sich als Großmutter verkleidete. Der aus Rotkäppchen«, bemerkte ich.
»Hm, vielleicht liegt es an ihrer Mono-Augenbraue? Aber du bist auch zum Fürchten. Diese Katzennummer, die du da vorhin abgezogen hast. Mann! Das war echt ganz schön krank. Die drei kleinen Elfen, die gemeinsam an ihrem Ton gearbeitet haben ... Davon hat sich eine direkt in ihr Kunstwerk übergeben«, lachte Diemal. »Wir haben nun Pause. Was machst du jetzt?«, fragte sie mich.
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