„Sie sind ein unverschämter Schmeichler.“
„Übrigens heiße ich Karl.“
Sheryll betrachtete ihn mit zusammengepetzten Augen. „Ich suche einen Karl“, flüsterte sie.
Karl lachte herzhaft. „Dann werde ich mich unter dem Bett verstecken und Sie dürfen mich suchen.“
Lachend gingen sie zu dem Pagen, der mit dem Gepäck im Aufzug wartete. Er drückte die Sieben und der Aufzug schwebte hoch. Sie folgten der Uniform durch den teppichgedämpften Flur. Die Karte entriegelte die Tür mit sanftem Klick. Sheryll war vom ersten Zimmer begeistert. „Das ist traumhaft!“, rief sie.
Der Page zog sich mit Verbeugungen zurück und nickte Sheryll diskret zu.
Viertel nach acht Uhr gingen sie, Hände haltend, durchs gemeinsame Bad ins andere Zimmer. Dieses wirkte so exquisit wie das erste, obwohl es durch seine Einrichtung als das Gegenteil des ersten Zimmers angesehen werden konnte.
„Entscheiden Sie, welches Zimmer Sie wollen.“
„Ich würde gern dieses nehmen“, entschied sie.
Karl ging zurück und brachte ihre Reisetasche, um sie aufs Bett zu legen.
„Sollen wir zu Abend essen oder wollen wir arbeiten?“
Sheryll überlegte kurz. „Wenn Sie nicht allzu großen Hunger haben, würde ich gern arbeiten. Dann kann ich auch mehr frühstücken.“
„Ich hoffe, dass sich diese Alternative lohnt. - Beginnen wir in meinem Zimmer.“
„Ich spreche von Arbeit“, erwiderte sie mit kritischem Blick.
Die erste Stunde saßen sie nebeneinander am Tisch. Sie merkte, wie ihr Projekt eine stabile Richtung erhielt. Noch war sie nicht sicher, dass es dadurch auch eine überzeugende Form gewann. Die zweite Stunde der gemeinsamen Arbeit fand sie auf Karls Bett. Der Seidenrock hing auf einem Bügel und Karls Hose lag über der Stuhllehne. Gelegentliche Küsse lockerten die Arbeitsatmosphäre auf. Als sie zur dritten Arbeitsstunde in Sherylls Zimmer gingen, trugen sie nur noch Höschen. Die Arbeit war konzentriert, obwohl die fast nackten Körper viel Abwechslung bieten konnten. Die Entscheidung war getroffen, dass sie die Nacht in einem gemeinsamen Bett verbringen wollten.
Mit Beginn der vierten Stunde hatten sie die bestehende Präsentation abgearbeitet und eine zweite Version mit ergänzenden Texten erstellt. Sie lagen nackt aufeinander und diskutierten weiter. Es war lange nach Mitternacht, als sie entschieden, dass sie in Sherylls Bett die Stunden bis zum Frühstück verbringen wollten.
Morgens standen sie nebeneinander an den beiden Waschbecken, um sich die Zähne zu putzen.
„Was bin ich doch für ein unvernünftiges Mädchen, wo ich diese wichtige Präsentation vor mir habe.“
„Liebe ist nie vernünftig!“
„Was ist, wenn ich mir Vorwürfe mache, weil ich nicht ausgeschlafen bin?“
„Komm unter die Dusche. Wir können uns nebenher waschen.“
„Nein“, rief sie erschreckt und mit entschiedener Stimme. Sie folgte ihm doch in die Dusche. „Vielleicht ist es das letzte Mal, und darauf zu verzichten, würde ich mir noch weniger verzeihen.“
Karl war stolz und hatte dennoch ein schlechtes Gewissen. Er wusste, dass er unter allen Bedingungen ehrlich sein wollte, aber er hatte verschwiegen, dass er in der Jury saß, die auch ihr Projekt beurteilte. War er ein Betrüger? Er hätte ihr gern seinen Namen gesagt, aber damit hätte er sich wahrscheinlich verraten, denn die Namen der Jurymitglieder waren kein Geheimnis.
Sie hatten ausgiebig gefrühstückt und verließen gut gelaunt das Hotel.
„Werden wir uns wiedersehen?“, wollte sie wissen.
„Garantiert! Ich rufe dich an. Köln ist nur ein Katzensprung.“
Sie fragte nicht nach seiner Karte. Es wäre jedoch sonderbar, seine Telefonnummer auf einen Zettel zu schreiben. Er wollte seine Teilnahme an der Jury absagen.
„Wirst du am Bahnhof warten, wenn ich zurückfahre?“, flehte sie.
„Ich werde dann im Flieger nach München sitzen.“
Sie warteten auf ein Taxi. Sie küssten sich. Karl zog eine Karte aus seiner Jackentasche und reichte sie ihr. Er musste so handeln, weil er sich andernfalls schäbig vorgekommen wäre. Ihr Blick auf die Karte wurde Entsetzen. Erblasst starrte sie ihn an, die braunen Augen schielten auf seine Nasenspitze. Karl erkannte das Schwinden ihrer Körperkraft. Die hintere Tür des Taxis wartete neben Sheryll. Er fing die Frau auf, bevor sie zu Boden ging.
„Was ist mit dir?“, rief er erschreckt.
Karl bugsierte den kraftlosen Körper auf die Rückbank und stieg von der anderen Seite ins Taxi.
„Zum Kramlich-Werk“, sagte Karl und der Wagen fuhr los.
Ihr Kopf lag in seinem Schoß, als sie die Augen aufschlug. Wieder Entsetzen, aber diesmal kontrolliert.
„Fass mich nicht an!“, zischte sie hysterisch. „Du bist mein Vater.“
Karl zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Sehr langsam arbeitete sein Gehirn. Es sortierte Frauen, die er vor … Mechanisch half er ihr, sich im Sitz aufzurichten.
„Wie alt bist du?“
Sie betrachtete ihn angeekelt. „Du hast es mit deiner Tochter gemacht.“
„Woher weißt du, dass ich dein Vater bin?“
„Meine Mutter hat mir vor neun Jahren gesagt, dass mein Vater Karl Beutler heißt und Architekt ist.“
„Wie alt bist du?“
„Fünfundzwanzig.“
Karl lächelte: „Dann war ich bei deiner Zeugung - zweiundzwanzig. – Nicht dass ich das für unmöglich hielte, aber damals war ich zu einer Studienarbeit in Johannesburg. Kommt deine Mutter aus Süd-Afrika?“
Sheryll schwieg und kaute auf der Unterlippe.
„Wie hieß deine Mutter vor sechsundzwanzig Jahren?“
„Sarah Bratton. Sie war nie verheiratet.“
Karl überlegte und sie betrachtete ihn. Ihr Gesicht hatte seine frische Farbe zurückgewonnen. Die dunklen Ringe unter ihren Augen wirkten nicht mehr kränklich, sondern verrieten übernächtigte Lebensfreude.
„Vor neun Jahren erhielt ich in London einen Architekturpreis und die Ehrendoktorwürde.“
Ein zaghaftes Lächeln eroberte ihr Gesicht. Sie senkte den Kopf an seine rechte Schulter.
„Verzeih mir. - Meine Mutter muss deinen Namen in der Zeitung gelesen haben und dachte wahrscheinlich, dass ein deutscher Name meine Neugier beenden werde.“
Karl betrachtete Sheryll zermürbt. „Ich sollte bei der Jury sein, die deine Arbeit beurteilt. Ich werde absagen, weil ich befangen bin.“
Sheryll streichelte seine Wangen. „Stelle dir vor, wie viele Weichen das Schicksal für uns gestellt hat. Wir mussten uns kennenlernen, und ich bin froh, dass es so war, wie es ist.“
Das Taxi durchfuhr die Pforte der Kramlich-Werke und blieb vor dem Bürogebäude stehen.
„Fahren Sie mich bitte zum Flughafen.“
„Bleib bei mir. Verlasse mich jetzt bitte nicht“, bat sie.
Karl stieg aus und bezahlte das Taxi. Sie suchte seine Hand und packte sie mit aller Kraft ihrer schlanken Finger. Ihre Stimme war kaum verständlich. „Durch die Lüge meiner Mutter sind wir an diesem Punkt angekommen. Seit meinem sechzehnten Lebensjahr suche ich dich. Ich darf dich nicht gleich wieder loslassen.“
Karl lächelte. Sie gingen auf die große Schiebetür zu, die sich öffnete. Vor der Tür küssten sie sich. Karl zog den Rollkoffer, auf dem zwei Taschen gestapelt lagen.
„Ich will dich auch nicht loslassen. Auch ich habe dich gesucht.“
„Und die Frau am Bahnhof?“
„Du wirst Veronika, meine Sekretärin, kennenlernen. Sie ist eine wunderbare Frau. Ich bin noch nie verheiratet gewesen.“
Der Taxifahrer schaute seinen Fahrgästen nach, die Hand in Hand in die Empfangshalle eintraten. Die verspiegelten Glasscheiben glitten zusammen und verdunkelten die Sicht. Drei Schritte später waren sie unsichtbar.
Die Umkehrung des Spiegels
Diese Geschichte des Grauens wurde 2009 in der Anthologie „Von einigen die auszogen das Gruseln zu lehren“ des PERSIMPLEX-Verlags veröffentlicht..
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