„Fahren Sie nur bis Frankfurt, oder fliegen wir zusammen nach München?“, wollte er wissen.
Sein Lächeln war so frei und ohne Hintergedanken, dass sie antwortete: „Nur bis Frankfurt. Ich muss morgen ein Projekt vorstellen.“
„Ich bleibe auch eine Nacht in Frankfurt. – Aber ich will Sie nicht bei Ihrer Arbeit stören.“
Sheryll betrachtete den Mann, der, mit übergeschlagenem Bein, wie ein Dressman, auf dem Polster saß. Sie überlegte, ob sie ihn als Störung betrachten solle. Schließlich war sie überzeugt, dass ihr ein Gespräch aus einer mentalen Krise helfen könne. Sie warf einen scheuen Blick auf ihre Armbanduhr.
„Sie stören mich nicht. Wir haben nur noch vierzig Minuten, dann müssen wir uns wieder trennen“, sagte sie.
Das Gespräch begann als Zuggespräch. Sheryll wollte wissen, ob er viel reise. Er bemerkte ihren englischen Akzent und fragte, wo sie herkomme und wo sie arbeite. Damit war für Karl die Plauderei beendet und wurde zum ernsthaften Gespräch.
„Ich arbeite in einer Planungsfirma in Köln“, sagte sie. „Und was arbeiten Sie?“
„Ich bin Professor an der Kunsthochschule und arbeite auch privat.“
Karl studierte ihr Gesicht, das absolut symmetrisch und überaus sympathisch war. Sie reichte ihm eine Geschäftskarte, die er geschickt fallen ließ, dass sie sich für ihr Missgeschick entschuldigte und sich danach bückte. Ihr Ausschnitt öffnete sich erwartungsgemäß und zeigte Brüste, die seine Erwartung übertrafen. Als sie hoch schaute, um ihm die Karte zu reichen, erschrak sie über das unbewegte Gesicht, aus dem ein graues Augenpaar brannte. Karl konnte weibliches Staunen nicht aus der Fassung bringen. Sein zustimmendes Lächeln schmeichelte den meisten Frauen.
„Sheryll Bratton“, las er laut. „Arbeiten Sie gern bei dieser Firma? Sind Sie ein Partner von „Hubschmitt und Partner“?“
Die strenge Frisur drehte sich verneinend nach links und rechts. In diesem Moment spürte Karl Trockenheit in seiner Kehle.
„Ohne Gewinn dieses Auftrags ist unsere Mannschaft zu groß. Verstehen Sie, wie wichtig für mich der Erfolg ist?“
Karl überlegte einige Sekunden, wie wichtig Erfolg für ihn war. Erfolg macht sexy! Er liebte junge, offene Frauen mehr als geniale Männer, sich selbst vielleicht ausgenommen.
„Wo haben Sie so verdammt gut Deutsch gelernt?“
Ihr Lächeln brachte ihn fast um den Verstand. „In meinem Bücherregal stehen sechs Harry-Potter-Bände - alle auf Deutsch.“
„Und ich habe sieben englische Bände.“
Beide lachten herzhaft. Dann breitete sich entspannter Ernst auf Karls Gesicht aus. „Darf ich einen Blick auf ihr Projekt werfen? Als Künstler kann man immer noch lernen.“
„Was sollten Sie von mir lernen können? Aber setzen Sie sich neben mich.“ Sie erhob sich aus ihrem Sitz und schob sich auf den Platz am Fenster. Karl sog am Geruch ihrer Körperwärme.
Sheryll öffnete die Präsentation. Karl wusste, dass er die Arbeit bereits gesehen hatte und morgen als Jurymitglied sein Urteil verkünden werde. Er kannte die Stärken und Schwächen des Projekts. Was ihm gefiel, war eine Ausstrahlung, die er „unglaubliche Frische“ nannte.
„Erzählen Sie mir, worum es geht“, bat er.
Sie sprach über das Projekt, zeigte Bilder und Pläne. Er machte vorsichtige Einwendungen, wo er bereits Probleme erkannt hatte. Sheryll und Karl diskutierten heftig. Sie waren bei der zehnten Präsentationsfolie, als der Zug abbremste und geschmeidig im Hauptbahnhof einrollte. Beide starrten sich erstaunt an.
„Wir sind am Ziel“, sagte sie.
„Oder bereits auf einem neuen Weg.“
„Wir hätten einen langsamen Zug nehmen sollen, dann könnten wir weiterdiskutieren.“
„Sheryll, wir könnten uns einbilden, in einem Schlafwagen zu liegen, dann hätten wir bis zum Wecken Zeit.“
Sie stiegen in ein Taxi. Als das Taxi losfuhr merkten sie, dass sie weiterhin nebeneinandersaßen. Sie betrachteten sich erstaunt. Er legte eine Hand auf ihre Hand. Karl nannte sein Fahrtziel. Sie schwieg lange, bis sie sich mit leichter Gesichtsröte an Karl wandte.
„Wie meinen Sie das mit dem Schlafwagen? Ich hoffe, dass ich etwas falsch verstanden habe.“
Sanft lächelnd studierte er die junge Frau, die alle seine Forderungen erfüllte. Er wog seine möglicherweise zu schnell gefasste Meinung und betrachtete sie noch einmal. >Bin ich zu voreilig<, fragte er sich. >Bin ich bereits zu alt?<
Karl lächelte mit diesem Blick, den er schon oft erfolgreich getestet hatte. „Wenn Sie aus meinen Worten entnommen haben, dass ich Sie für eine perfekte Frau halte, dann bekenne ich mich schuldig. Aber Sie haben recht, dass der >Schlafwagen< zweideutig interpretiert werden kann, weshalb ich mich Ihrer Kritik unterwerfen muss.“ Er legte eine kleine Pause ein, zuckte gespielt ungelenk mit den Schultern. „Ich habe eine Suite mit zwei Zimmern reserviert. Ich würde Ihnen gern das eine Zimmer überlassen und wir könnten weitersprechen.“
Sheryll blickte schweigend aus dem Fenster. Sie musste Karls Worte verdauen. Seine Einladung war mehr als ein Angebot zu einer Tasse Kaffee. Dass sie nicht sofort abgelehnt hatte, betrachtete sie als bedenkliche Gefühlsverwirrung. Schließlich war sie hin- und hergerissen zwischen zwei konträren Wünschen: Sofort aussteigen oder bis zum Wecken sprechen. Sie war sich sicher, dass sie sprechen wollte, aber sie schwieg.
Karl wandte den Kopf zu ihr. Der Nacken gefiel ihm, der Sitz ihres eleganten Kostüms gefiel ihm, der Dunst ihrer Poren verwirrte ihn. Sie schaute in Fahrtrichtung, sodass Karl noch den geraden Rücken ihrer Nase bewundern konnte. Das Grübchen ihrer linken Wange war eingesunken, als ob sie innerlich kicherte.
„Das von Ihnen entworfene Firmenlogo ist gelungen. Den Namen Kramlich mit einem Kranich zu symbolisieren ist genial. Der diagonale Flug symbolisiert Aufstieg, aber ich würde den Vogel in einen diagonalen Rahmen setzen, innerhalb des äußeren Rahmens. Die Farbe des Kranichs gelb, der innere Rahmen rot und außen schwarz. – Sie verstehen: Schwarz, Rot, Gold.“
Sheryll schwieg.
„Natürlich ist das Logo angesichts des Gesamtprojekts ohne Bedeutung, aber durch solche Kleinigkeiten fühlen sich die Kunden verstanden.“
Die Taxifahrt dauerte noch zwanzig Minuten. Sie presste die Lippen aufeinander, starrte auf das Geschehen vor der Motorhaube. Karl suchte vergeblich nach einer Reaktion. Der große Hotelblock näherte sich viel zu schnell und Karl bedauerte das Ende der Fahrt.
„Darf ich Ihnen einen Abschiedskuss geben?“, fragte er schüchtern.
Sie wendete den Kopf. Ihre Augen spiegelten Schreck, Bedauern, Erlösung. Karl verwirrte diese Reaktion, aber er machte, was ihm seine Eingebung befahl. Er küsste Sheryll. Sie legte die Arme um seinen Hals.
Als das Taxi anhielt, sagte sie: „Ich will mich nicht verabschieden.“ Danach wischte sie mit einem Papiertaschentuch leuchtendes Kirschrot von Karls Lippen.
Karl änderte die Zimmerreservierung. Ein livrierter Page erhielt eine Schlüsselkarte. Sheryll wartete in einem dunkelroten Sessel, damit sie die Atmosphäre genießen konnte. Eigentlich liebte sie Hotels nicht, weil sie meist allein reiste. Dann erschreckte sie das Leben zwischen Plüsch und Sterilität. Karl lächelte herüber und sie degustierte seine schmeichlerische Zuneigung. Er eilte mit ausgestreckten Händen zu ihrem Sessel.
„Kommen Sie, wir schauen, ob wir dort oben wohnen wollen.“
Sie reichte ihm beide Hände, an denen er sie sanft aus der Tiefe des roten Samtes zog. Erstaunt blickte sie in sein Gesicht hoch.
„Ich habe Schuhe mit halbhohen Absätzen angezogen, damit ich nicht so groß wirke, wenn ich morgen meine Präsentation mache.“
Er lachte: „Selbst wenn Sie auf dem Bauch liegen, überragen Sie die meisten Männer.“
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