Er: Sehen Sie! Dann nehmen Sie mein Angebot an.
Der ältere Herr stellte sich mir als ein Schriftsteller vor, dessen Namen mir allerdings nichts sagte. Es gibt so viele. Man verliert rasch den Überblick über die Neuerscheinungen. Ich zögerte lange, dann ließ ich mir das Manuskript zeigen und blätterte es nachdenklich durch. Auf dem weißen Druckpapier waren Schmierspuren um den Text herum, einen Titel gab es nicht. Augenscheinlich wurde das Leben eines Mannes dargestellt, der nicht viel hatte richtig machen können, und das wenige, bei dem er die Chance dazu gehabt hätte, hatte er ordentlich vergeigt.
Der Mensch gefiel mir. August Amgine, unbekannter Nationalität, hatte es mir angetan in seiner Unvollkommenheit, in seinem geheimnisvollen Wesen. Er schien mir ein Geworfener in der Welt, verloren in der Weite des Lebens. Seine Geschichte war geprägt von Wunderlichkeiten, denen man nicht alle Tage begegnet. Nebenbei gesagt: mir erschien die Sache zum Teil ein wenig zu unglaublich.
Unsicher blickte ich mehrfach zwischen dem Manuskript in meinen Händen, dem nach wie vor bellenden Ungetüm an der Leine und dem älteren Herrn hin und her, in dessen Augen Hoffnung glänzte. Schließlich meinte ich: Sie plagen sich schon so lange mit diesem Buch herum und ich mit meinem Hund. Tauschen wir also einmal. Ich nehme Ihnen Ihr Buch ab und Sie mir meinen Hund. Notfalls bezahle ich die Veröffentlichung aus eigener Tasche.
Er fiel mir um den Hals und ich ihm.
Es war wie ein Erlösungsschlag für uns beide.
Ich verließ die Fähre deutlich besser gelaunt, als ich sie betreten hatte. Mein Automotor brummte fröhlich, im Kofferraum hechelte Rika angespannt, als könne sie ihre erste Trainingsstunde bei dem netten Herrn gar nicht erwarten. So düsten wir frohen Mutes zu meiner Schwester, die nur wenige Kilometer von Rikas neuem Lehrer entfernt lebte. Das ist das Schöne an einer Insel – nichts ist weit von etwas anderem weg. Alles ist überschaubar und doch unbegrenzt in seinen Möglichkeiten. Ich pfiff ein Liedchen bei der Ankunft bei meiner herzensguten, aber manchmal etwas eigensinnigen Schwester, die mich nie hatte pfeifen hören und dementsprechend einen irritierten Blick aufsetzte. Ihr leicht angerunzeltes Gesicht – dabei ist sie gar nicht so alt, aber es macht wohl das Insel-Wetter – verzog sich dabei zu einer lächerlichen Fratze, der ich nichts erklären wollte. Sollte sie eben raten, was in mir und in Rika vorging. (Später habe ich es ihr natürlich doch erzählt. Der schwache Mensch kann Geheimnisse einfach nicht dauerhaft bewahren.)
Ich habe mir vorbehalten, einiges in dem Manuskript zu ändern, was mir nicht gefiel. Als Herausgeber ist das schließlich mein gutes Recht. Vieles habe ich gekürzt, anderes, das mir sinnvoll für die Handlung erschien, habe ich ergänzt. Zu Beginn fehlte mir eine gewisse Anschaulichkeit der Geschichte, die ich mich redlich bemüht habe herzustellen. Mir ist bewusst, dass ich dadurch die Wahrheit verfälscht und August Amgines Leben künstlich aufgebügelt habe, um es mir selbst schmackhafter zu machen. Nichtsdestotrotz musste ich die Änderungen vornehmen, der geneigte, geschätzte Leser wird darüber hinwegsehen.
Der Herausgeber.
Einmal, es wird schon länger her sein, da saß ich bei August in seiner mickrigen Behausung und wir hatten uns nichts zu sagen. Diese Situation ist typisch für eine Unterhaltung mit August, die weit mehr aus einem peinlichen Schweigen als aus Worten besteht. Man würde es kaum ein Gespräch nennen können, wenn nicht hin und wieder doch einmal ein kurzer Dialog über Belanglosigkeiten aufkäme.
August hatte immer die unangenehme Eigenschaft, nichts zu sagen, wenn er nichts zu sagen hatte. Damit bin ich nie gut zurechtgekommen. Solche Unterhaltungen, bei denen keiner von uns über Stunden einen Laut von sich gab, abgesehen von dem unausstehlichen Geräusch des Herunterschluckens von Kaffee, Tee, Bier oder ähnlichem, würde ich aus meiner Erinnerung gern streichen.
Trotzdem: erinnere ich mich an August, dann zuerst stets an den stummen August, der mit locker aufeinandergelegten Lippen vor mir in seinem alten DDR-Sessel sitzt, betrübt vor sich hinblickt und tut, als sei ich nicht da.
Deprimierend ist das. Schließlich konnte August sehr wohl sprechen. Er tat es eben nur nicht ständig. So häufig mir das Geplapper und Getratsche, der small talk und die lächerlichen Wochenendanekdoten der meisten Menschen auch auf den Keks gehen – Augusts Stille quälte mich. Sie folterte und traktierte mich ganze zwölf Jahre lang, denn so lange war August für mich das, was viele einen besten Freund nennen würden. Ich nenne es nicht so, denn dafür war unser geistiger Austausch einfach zu gering. Schließlich war ich für ihn zu sehr ein durchsichtiger, alberner Luftgeist, den man in seiner Wohnung duldet, weil man ihn ohnehin nie loswird (es gibt noch immer kein wirkungsvolles Rezept gegen Luftgeister); und er für mich zu sehr ein Felsbrocken. Was ist das für eine Basis für eine ordentliche Freundschaft, frage ich mich, wenn sich einer mit dem anderen schon seinem Material nach nicht verträgt? Wie soll ein Ding aus Luft ein Ding aus Stein lieben können?
Dieser Wesensunterschied war wohl unser größtes Problem.
Es gab Momente, in denen August aber plötzlich redselig wurde, in denen er sich vor mich setzte, mich offen anblickte und von sich aus zu erzählen begann. Oftmals handelte sein Erzählen von sich selbst, von seiner eigenen Vergangenheit. August war in nichts sonst Experte. Er hatte keine Ausbildung, keine Arbeit, keinen Beruf. Geduldig habe ich mir alles angehört, was er mir vorzutragen hatte, habe an den richtigen Stellen genickt, gelächelt, gezweifelt, gegähnt, gelangweilt an meiner Zigarette gezogen und gewartet, bis er endete. Das anschließende Schweigen war mir das herrlichste Erlebnis.
Vor einigen Jahren bat August mich darum, seine Geschichte aufzuschreiben. Er selbst, meinte er, könne das nicht gut tun. Schließlich würde er sich seit langem ernsthaft bemühen, das meiste davon zu vergessen. (Unter uns gesagt: den Eindruck hatte ich nicht. August war für sich selbst das einzige und das schönste Thema...warum sollte er etwas davon vergessen wollen?)
Leider hatte er mir, wie oben beschrieben, in jahrelanger Arbeit alles haarklein erzählt. Ich war also bestens über ihn im Bilde, ich war der einzige, der die Sache für ihn zu Papier bringen konnte. Das durfte ich nicht abstreiten. Niemals hat August mir gesagt, weshalb er sein Leben in geschriebener Form hinterlassen möchte. Dem ungeachtet schien es ihm ernst damit zu sein, denn er flehte und bat mich lange genug, bis ich einwilligte und sagte: Gut, ich werde sie schon irgendwann einmal aufschreiben.
Bis heute habe ich es nicht getan.
Ich habe dazu nämlich keine Lust.
Augusts Geschichte ist nicht sonderlich mitreißend, hauptsächlich ist sie wohl traurig. Traurige Geschichten liegen mir nicht. Ich schreibe von Natur aus nur Lustiges. Mit traurigen Sachen kann man nicht gut Geld verdienen. Besonders nicht mit traurigen Geschichten, in denen nicht viel passiert. Lieber Leser, Dir wird also klar, warum ich mich bis jetzt nicht dazu herablassen konnte, den Kram zu verschriftlichen, den August mir in seiner kurzangebundenen und unkreativen Art dargelegt hat.
Ich schreibe bis jetzt , weil ich jetzt keine Wahl mehr habe. Der Geldmangel zwingt mich, nun doch zu August und seinen deprimierenden Erlebnissen zu greifen. Denn unglücklicherweise ist August in der letzten Woche gestorben. Außer mir kannte er keinen, deswegen hat er mir seinen bescheidenen Besitz hinterlassen. Es handelt sich immerhin um ein akzeptables Bankkonto und eine kleine Eigentumswohnung (ein Zimmer) in der Innenstadt. Der Leser erkennt sofort, dass mir nichts anderes übrig bleibt – ich muss, so sehr es mir auch widerstrebt, alle Bedingungen von Augusts Testament erfüllen, um das Erbe zu erhalten.
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