Gott soll neunundneunzig Namen haben, das meinen viele Menschen, denn er soll neunundneunzig gute Eigenschaften besitzen. Ich darf genauso viele Namen haben. Aber sie bezeichnen nur schlechte Eigenschaften. Er und ich — der Eine und die Vielen. Nur einer kann es mit mir aufnehmen: Er. Nur einer kann es mit ihm aufnehmen: Ich.
Deshalb meinen einige, dass ich sogar ein Bruder Gottes sei. Ich bin der alte Ahriman, der Gegner von Ahura Mazda, dem Gott des Propheten Zoroaster, ein arger Geist, der Ahura Mazda das Universum und besonders die Menschen streitig macht. Der Gegner des Mithras, nämlich der Skorpion, der versucht zu verhindern, dass der gute Samen des geschlachteten Stiers auf die Erde fällt und eine neue Schöpfung hervorbringt. Ich soll die Schlange sein, die sich um Mithras schlängelt; Apophis, die sich der Himmelfahrt der Barke der Sonne, des Sonnengottes Re entgegenzustellen versucht. Ich bin der Drache, der aus dem Chaos steigt. Ich bin die Bestie, die die Seelen der schlechten Menschen frisst.
Man beschreibt mich wie einen höllischen Sadisten, der die Verdammten etwa mit dem Kopf nach unten in einen Kessel mit brennendem Öl wirft, ihnen den Kopf oder die Arme abschlägt, sie mit einem Dreizack spießt. Ganze Kirchenwände sind mit solchen Fresken übermalt worden, und ich stehe da, immer in der Mitte des Geschehens.“
„Kompliment“, Maria Magdalena beglückwünschte Satan, „eine tolle Einführung deiner Persönlichkeit. Besser hätte ich es nicht gekonnt.“
„Eines kann ich mir nicht erklären“, meinte Satan, „wie Seelen, die angeblich geistig und körperlos sein sollen, immer noch Arme, Köpfe und Beine haben. So werden sie nämlich auf Fresken dargestellt. Reinste science fiction.“
„Was ist das?“, fragte Maria Magdalena.
„Das kannst du noch nicht verstehen, du bist zu jung. Ich bin älter, als ich heute bin, weil ich bereits alle künftigen Tage erlebt habe“, sagte der Teufel.
Maria Magdalena musste eine Bemerkung loswerden. „Irgendwie finde ich die Vorstellung lustig. Auf der einen Seite der gute Geist, den man auch Gott nennt, auf der anderen der böse Geist, den man Satan, den Antagonisten, nennt. Jeder von ihnen hat neunundneunzig Namen und Eigenschaften. Neben jedem von ihnen stellen sich kampfbereit jeweils sieben Erzengel oder sieben Dämonen. Jeder Erzengel und jeder Dämon befehligt unzählige gleich gesinnte Engel oder Teufel. Der Kosmos ist hälftig geteilt, rechts das Licht und das Gute, links die Finsternis und das Böse. Beide Hälften des Kosmos bekämpfen sich seit einer Ewigkeit, und diese ewige Zeit reicht nicht aus, auf dass eine von ihnen die andere besiegt. Unschön ist dabei nur die Rolle, die wir arme Menschen spielen.“
„Du kennst ja Johannes, der ein Offenbarungsbuch geschrieben haben soll“, sprach Satan. „Eigentlich hat ein anderer den Text geschrieben und nicht Johannes, aber das tut nichts zur Sache. Dort werde ich als siebenköpfiger Drache beschrieben. Man hat meine sieben Namen gekannt und daraus hat man sich sieben Köpfe ausgemalt. Am Ende der Zeiten, steht da geschrieben, soll der Erzengel Michael, ein weiterer Bruder von Raphael, auf einem feurigen, geflügelten Pferd reitend, mit dem Kriegsruf ‚Wer ist wie Gott?’ gegen mich antreten, mich bezwingen und meine sieben Köpfe abschlagen. Da er den Kriegsruf auf Hebräisch aussprechen wird, lautet dieser ‚Mi cha el’. Und so nennt man ihn schon jetzt mit vorauseilendem Wissen ‚Michael’. Leider weiß der Schreiberling der Offenbarung des Johannes nicht, wann das Ende der Zeiten sein wird. Und so genieße ich mein Dasein in der dunklen Hälfte des Universums, zurzeit in einer schönen florentinischen Kirche und in einem angenehmen Gespräch mit einer schönen Frau.“
„Das soll alles ich sein“, fügte Luzifer hinzu. „Und ich verhalte mich entsprechend. Was habe ich für eine Alternative, als mich so zu verhalten, wie die Menschen sich mich wünschen? Das ist also meine vorläufige Antwort auf deine Frage, wer ich bin. Nicht die Menschen sind arm dran, wie du eben behauptetest, sondern ich und — ich gestehe es ungern — auch der arme Gott, weil ihr euch auch über ihn eine ganze Menge Unsinn zusammenreimt.“
„Sehr beeindruckend, deine Kenntnisse!“, sagte Maria Magdalena. „Ich habe eine ganze Menge gelernt. Leider weißt du selbst nicht, wer du bist. Ich will versuchen mich langsam an dein Wesen oder Unwesen vorzutasten. Vielleicht wissen wir beide später besser Bescheid.“
3
„Von Jesus hast du die ganze Zeit nicht gesprochen“, sprach Maria Magdalena weiter. „Bei deiner Beschreibung der zwei Hälften des Universums, der einen Hälfte, in der Gott herrscht, und der zweiten Hälfte, in der du deine erloschene Fackel im Dunkel herumträgst, hast du seinen Namen vergessen, oder vielleicht verschwiegen, weil er dir wohl Schwierigkeiten bereitet. Was denkst du über ihn?“
Satan, der einstige Luzifer, mit dem Familiennamen Dämon, ‚Teufel’ im Volksmund, und dem Vornamen Beelzebub, hatte Jesus gar nicht vergessen, eher verdrängt und verschwiegen. Er war sich, als Jesus in Palästina lebte, lange nicht sicher gewesen, wer Jesus wirklich war. War er wirklich der Messias, ein Prophet, sogar ein Sohn Gottes?
Er antwortete Maria Magdalena, er hätte damals ihre gleichnamige Maria von Magdala gefragt, ob sie schon mal von diesem Jesus gehört hätte. Ja, sie hätte von ihm wohl gehört, gesehen hätte sie ihn aber noch nicht, er wäre noch nicht hier vorbei gekommen und deshalb hätte sie noch nicht das Vergnügen gehabt, ihn kennenzulernen.
„Aber du kennst ihn wohl sehr gut. Seit einiger Zeit flirtest du in deinem Florentiner Kloster mit ihm“, grinste der Teufel Maria Magdalena an. „Du nennst ihn deinen Gott und deinen Freund, ja deinen Gemahl.“
„Das ja, ich dachte aber, du könntest über ihn aus der Zeit reden, als er in Palästina lebte“, wendete Maria Magdalena ein.
„Es gibt komplizierte Persönlichkeiten. Ich zum Beispiel bin ich eine solche, weil keiner genau weiß, woran man bei mir ist“, sagte der Teufel. „Und du bist auch eine solche Persönlichkeit. Mal bist du die Karmelitin Maria Magdalena, mal Maria von Magdala? Jesus war auch nicht ganz einfach einzuordnen. Es war für mich schwierig zu sagen, was Jesus wirklich war. Damals war es so. Heute habe ich wohl eine Meinung über ihn. Auch der Teufel kann sein Wissen im Laufe der Zeit erweitern, wenn er zielstrebig nach der Wahrheit sucht.
Fangen wir damit an: Dieser Jesus ging mir zu Beginn unserer Bekanntschaft wegen der Angeberei seiner Mitläufer einfach auf die Nerven. Ich dachte: Die Menschen betrachten ihn als Propheten, sogar als einen ‚Sohn Gottes’, also als einen Bruder von mir — da wären wir also wenigstens zu zweit. Er verspricht, die Welt vom Bösen zu befreien — und er meint bestimmt hauptsächlich mich. Soll er es nur versuchen. Nach der bestehenden Weltordnung — sollte er tatsächlich ein anderer Gottessohn und im Auftrag meines Gegenspielers tätig sein — wäre er dann in die mir zugedachte Hälfte des Universums, in die Hemisphäre der Finsternis, eingedrungen.
Um mehr über ihm zu erfahren, habe ich ihn, als er gemächlichen Schritts durch die Gegend lief und mit mächtigem Mundwerk den Zuhörern, die ihm zujubelten, Glück und Seligkeit versprach, auf die Probe gestellt.“
Der Teufel erzählte Maria Magdalena, wie er Jesus in Versuchung bringen wollte. Dreimal, an drei verschiedenen Stellen versuchte er das.
„Das erste Mal war es in der Wüste, nachdem Jesus vierzig Tage lang gar nichts — nicht mal Manna — gegessen hatte. Ich forderte ihn auf, Steine zu Brot zu verwandeln. Er hatte sich ja vor seinen Jüngern gebrüstet, er könnte es. Und später soll er es auch theatralisch vorgeführt haben, um seinen hungrigen Zuschauer zu essen zu geben und sie damit zu beeindrucken. Weil er aber von mir, vom Dämon, wie mich die Leute dort nannten, keine gute Meinung oder gar keine große Ahnung hatte, stellte er sich auf die Hinterbeine. Er wollte nicht richtig auf meine Frage eingehen.
Читать дальше