„Das stimmt, aber diese Erfahrung muss sie selbst machen“, versuchte ich Carola zu beruhigen.
„Ja, schon, aber trotzdem habe ich mich wirklich gut mit Melanie verstanden. Derya hat sich wie eine Dampfwalze dazwischen geschoben, nach dem Motto die oder ich.“
„Klar, denn nur so ist ihr die ungeteilte Aufmerksamkeit sicher, die sie für ihre Ziele braucht.“
Wir kamen auf dem Parkplatz an und standen vor unseren betagten Autos derselben Marke. Nachdem wir noch eine Weile über deren Vorzüge, über Lehrer, Mitschüler, Hausaufgaben, Gott und die Welt und unsere Eltern geredet hatten, ihre Mutter war so alt wie ich, fuhren wir los. Auf dem Nachhauseweg stellten wir beim gegenseitigen Überholen fest, dass unser Weg bis zur Autobahnauffahrt gleich war. Einige Tage danach bekam ich völlig unverhofft einen Mitfahrer. Es war- ausgerechnet Tobi. Während einer Fünfminutenpause sprach er mich an: „Du, Frau B., du wohnst doch in U., oder?“
„Ja.“
„Meine Freundin wohnt nämlich auch da. Wenn ich bei der übernachte, kannst du mich dann morgens mitnehmen?“
Fahr doch mit dem Bus du Blödmann dachte ich, gleichzeitig erstaunt darüber, dass so einer eine Freundin hatte. Wer fiel denn darauf rein? Das kannst du nicht machen, widersprach ich mir blitzschnell, nicht in deiner Lage! Außerdem ist es unkameradschaftlich! Okay, nimm ihn mit, überredete ich mich.
„Wo wohnt sie denn?“ Er nannte mir die Straße. Dann bestimmte ich die Regeln:
„Wenn du mitfahren willst, gibst du mir abends Bescheid, nicht erst fünf Minuten vorher. Weiterhin wirst du pünktlich an der Ecke stehen, wenn nicht, fahre ich weiter.“
„Klar! Supi! Danke!“
Wir tauschten unsere Telefonnummern aus. Wider Erwarten klappte es. Mit Tobi und mir. Er rief wie verabredet abends an und stand pünktlich in seinem grünen Wollpullover winkend an der Ecke. Bei unserer ersten Fahrt verliefen die Gespräche noch etwas schleppend, doch das erledigte sich schnell. Unsere Touren zur Schule wurden sogar ziemlich spaßig, denn wenn man seine Sprücheklopferei im Keim erstickte, kam ein recht netter Junge zum Vorschein, abgesehen von seiner stinkenden Faulheit. Aber ich musste ihn ja nicht heiraten. Apropos heiraten: Eines Morgens sah ich aus welchem Haus er herauskam, und nun wusste ich wer Tobis Freundin war. Sie hatte zur Hochzeit meiner Schwägerin Blümchen gestreut. Schlagartig wurde mir klar, wie schnell die Zeit verging, denn ich hatte sie immer noch als kleines Mädchen in Erinnerung, obwohl sie mittlerweile schon studierte. Vielleicht war dies ja auch der Grund, warum mein Mitfahrer die Schulbank drückte. Fast jeder Lehrer bat uns, die Tafel in der Pause zu putzen, damit die ohnehin knappe Unterrichtszeit nicht damit verplempert würde. Diese Bitte spaltete die Klasse in zwei Lager. Auf der einen Seite die Verständnisvollen, auf der anderen Seite die Ablehnenden. Einige waren sogar völlig konsterniert und fühlten sich wie vor den Kopf geschlagen. „Wie bitte“, ereiferte sich Veronique, „die sollen ihre Tafel selber putzen, die werden schließlich dafür bezahlt.“
„Finde ich auch“, stimmte ihre Freundin Sandra ein, „ich werde doch hier nicht putzen!“
Ich war davon überzeugt, dass sie das zu Hause auch nicht machen musste. Sie war gerade zwanzig und bereits verheiratet. Gut verheiratet. Mit einem IT- Guru. Ein kluges Mädchen, sehr trendy, aber leider auch oft sehr überheblich. „Scheiß Schule“, tönte hinter mir Timo, ein gepflegtes Muttersöhnchen, „da versau ich mir womöglich noch die Klamotten. Fingerwaschen danach geht auch erst in der nächsten Pause. Das ist ja eklig.“ Bevor mir der Kragen platzte, sprang Felix auf: „Jetzt haltet mal die Luft an! Veronique, du und die meisten von uns bekommen Schul-Bafög, Bafög, dass nicht zurückgezahlt werden muss. Demnach werden wir für unseren Schulbesuch hier sogar bezahlt. Vielleicht könntet ihr alle einmal darüber nachdenken, ehe ihr euch aufregt. Wir werden die Tafel putzen! Wer ist für eine Putzliste? Wer ist für freiwillig?“ Wir entschieden uns für einen Putzprobelauf auf freiwilliger Basis. Zunächst klappte es wie am Schnürchen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich irgendwann anfing mich etwas zu drücken. Dies entging Felix nicht. „Frau B., du könntest auch mal wieder die Tafel putzen!“
„Stimmt.“
Verdammt, dachte ich, du alte Schachtel wirst von einem 19jährigen erwischt. Brav befeuchtete ich den Schwamm und reinigte die Tafel besonders gründlich. Mir imponierte, dass ihm der Altersunterschied völlig egal war und mich genauso behandelte wie seine Mitschüler, so wie ich es mir bisher vergeblich von den anderen auch wünschte. Vielleicht, dachte ich, ist es doch möglich ein kameradschaftliches Verhältnis aufzubauen, wie es in einer Klasse üblich ist, auch wenn der Altersunterschied 25 Jahre oder mehr beträgt. Mit Felix und Carola klappte es prima. Neuerdings auch mit Tobi. Und allmählich wurde auch die Distanz zwischen den übrigen Schülern und mir geringer.
Nachdem ich die Tafel für meine Verhältnisse einwandfrei gewischt hatte, kam Frau Piczynski herein. Oh je. Mathe! Die ganze Aktion hätte ich mir sparen können, denn Pi, wie die Jungs sie nannten- und welcher Name wäre treffender für eine Mathelehrerin- Pi bestand darauf, die Tafel nach ihrer patentierten Methode selbst zu reinigen, während wir in dieser Zeit mit einer Aufgabe beschäftigt wurden. „Sie rechnen, ich putze“, war der Deal. Stets benutzte sie dabei ihren eigenen Spezialwischer, den sie mit der Professionalität eines geübten Fensterputzers in eleganten Wellen über die Tafel sausen ließ, just in time mit dem Schwamm das entstehende Schmutzwasser auffangend. Die Tafel sah danach aus wie geleckt, so als könne sie es nicht erwarten mit den berühmten Mathewölkchen bemalt zu werden. Dabei dauerte die ganze Vorstellung nicht so lange wie wir rechneten. Pi schaute mitleidig auf mein Reinigungsergebnis: „Na, derjenige hätte sich wirklich die Mühe sparen können“, richtete sie an Unbekannt aus und zückte ihren Wischer. Ich bekam einen roten Kopf. Als sie sich endlich zur Tafel drehte, zuckte Felix mit den Schultern und grinste breit. Ich zeigte ihm den verbotenen Finger, konnte mir dabei aber das Lachen nicht verkneifen.
Mittlerweile hatte ich meine Eltern sowie einige Freunde über mein Schulabenteuer ins Bild gesetzt. Vielleicht informierte ich sie erst so spät, weil ich Angst hatte mich zu blamieren, oder sogar Angst, dass sie mir diese Idee ausreden könnten. Wider Erwarten fiel die Resonanz sehr positiv aus, auch wenn meine Eltern anfänglich sehr skeptisch waren. Meine Mutter überhäufte mich mit Fragen: „Kind, du bist doch früher nicht gerne zur Schule gegangen. Und was habe ich mir immer den Mund fusselig geredet. Aber jetzt? Jetzt gehst du wieder zur Schule? Wie kamst du denn auf diese Idee? Wo ist das denn? Wie ist es denn da so? Was sind denn da für Leute? Kind, aber Mathematik?“ Geduldig versuchte ich ihr meinen Schulalltag zu erklären. Meinen Vater hingegen interessierten lediglich zwei Dinge: „Warst du in der Schule fleißig“, und „wirst du jetzt schlau?“ Schlau werden und in der Schule fleißig sein, waren von nun an die Schlagworte meines Vaters, die er, vermutlich durch seine beginnende Demenz, bei unseren allabendlichen Telefonaten immerzu anbrachte. Meine Mutter erzählte mir, dass er sie im Laufe des Tages ständig damit nerve, ob ich denn auch in der Schule sei.
„Oh, wir können dann also in den nächsten drei Jahren nur während der Schulferien segeln“, ließ unser Freund Paul verlauten, „das wird teuer!“ Er hatte Recht. Über das Thema Urlaub, respektive jetzt Ferien genannt, hatte ich bisher nur mit Klaus-Willi gesprochen. Leider hatte ich meinen alljährlichen Segeltörn mit ihm, Paul und Bernd völlig vergessen. Wir vier segelten zu diesem Zeitpunkt bereits seit 15 Jahren zusammen. Die Gnade als Frau in einer Männercrew mitgenommen zu werden fußte auf mehreren Motiven: Zum einen kannte ich Paul und Bernd länger als meinen Ehemann, zum anderen war Paul als Skipper der Meinung, eine Frau an Bord würde männliche Crewmitglieder vor der sicheren Verwahrlosung erretten. Die Wahl fiel auf mich, da ich den Jungs, bedingt durch fröhliche Episoden während unserer Jugendzeit, für eine Frau ziemlich pflegeleicht erschien, außerdem war ich seefest. Unsere Törns verliefen denn auch immer sehr harmonisch, aber vor allem waren sie ausgesprochen lustig und unbeschwert. Wie konnte ich nur vergessen die neue Ferienregelung anzusprechen! Schlimmer: Mir war unser vor langer Zeit gebuchter Törn in die Türkei entfallen. Noch schlimmer: Ich musste, wenn ich dabei sein wollte, die Schule schwänzen. Guter Rat war teuer.
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