Heinrich der Löwe hatte vor vielen Jahren den Slawenzins für uns bestimmt. Danach sollte als Zins für jeden polabischen Pflug, der mit zwei Ochsen oder zwei Pferden bespannt war, drei Scheffel 1Weizen und zwölf Stück gangbarer Münzen bezahlt werden. Zusätzlich hatten wir noch einen Top Flachs zur Leinenherstellung und ein Huhn zu entrichten. Dies ist schon eine ganze Menge, was wir bisher entrichtet haben. Da gebe ich Zwentepolch recht. Aber jetzt stelle ich euch einmal die neue Steuer, die als Zehntabgabe deklariert ist, gegenüber. Der Graf zu Racisburg stellte fest, dass wir Slawen nicht im Besitz von Silberpfennigen sind. Woher sollten wir sie auch nehmen? Unsere einzige Möglichkeit an gangbaren Münzen zu gelangen ist der Verkauf unseres Viehes. Aber dann ständen wir ja irgendwann ohne Vieh da. Deshalb wollte er nun von uns je Pflug vier Scheffel Roggen haben. Ich sage euch: Ein Scheffel – oder Kuritze wie wir Polaben sagen – an Roggen mehr abzugeben, ist kein gleichgroßer Wert wie zwölf Silberpfennige, ein Top Flachs und ein Huhn zusammen. Wir stellen uns also insgesamt besser. Ich möchte deshalb, dass ihr noch einmal mit klarem Kopf darüber nachdenkt. Hat noch jemand dazu etwas zu sagen?“
„Ja, ich.“ Tolmir mit seinem dicken Bauch fiel es sichtlich schwer, sich schnell zu erheben.
„Wie kannst du den Worten dieser Eindringlinge glauben? Heute versprechen sie uns den Himmel, wie es die krastajanin gewöhnlich tun, und morgen rauben sie uns unser letztes Vieh. Das genau ist die Befürchtung, die ich eigentlich habe.“
Postwoi verstand diese Einwände. Im Innersten teilte er sie auch. Aber als Ältester des Dorfes war es seine Pflicht, beschwichtigend auf seine Untertanen einzuwirken, damit es zu keiner blutigen Auseinandersetzung käme. Denn dies, so war er sich bei den Göttern sicher, wäre der Untergang der polabischen Siedlung am trüben Wasser. Dies musste verhindert werden. Aber da kam ihm auch gleich der rettende Einfall.
„Männer, hört mir zu. Wie ihr sicher noch wisst, war ich vor wenigen Monaten auf einer Rundreise in den Dörfern unserer polabischen brots 2unterwegs. Dabei gelangte ich nach Linowe 3im Westen. Dort wo es Schleie gibt. Ich ging nach Climpowe 4im Norden. Meine Reise führte mich auch nach Wutsetse 5– das Umgehauene – im Süden. Überall dort leben schon seit Generationen unsere Brüder. Sie haben schon viel früher als wir Kontakt mit den Sachsen und Germanen gehabt. Die Starostas der Dörfer erzählten mir alle übereinstimmend, dass sie den Zehnten entrichteten. Und dies schon seit langer Zeit. Sie sind trotz des üblichen Stöhnens – welches jeder Steuerpflichtige von sich gibt – mit der Zinslast durch den Zehnten zufrieden. Denn dadurch zahlen sie letztendlich weniger als beim früheren Slawenzins. Ich bitte euch, meine Brüder. Bedenkt, dass unsere brots westlich, nördlich und südlich von hier schon länger mit Sachsen zu tun hatten. Anscheinend halten sie ihr Wort.“
Sein Blick wanderte umher. Die meisten Köpfe waren nachdenklich gesenkt. Vor allem die der sich vorher Widersetzenden. Postwois Worte hatten letztlich ihre Wirkung nicht verfehlt.
Nachdem ein Räuspern zu vernehmen war, erhob sich Zwentepolch erneut, und sprach mit klarer Stimme.
„Wer sagt uns, dass das stimmt was du uns erzählst?“ Zwentepolchs Misstrauen war hörbar.
„Ihr kennt mich, seit ihr alle hier lebt. Bin ich etwas als Lügner verschrien?“
Schweigen machte sich breit.
„Wenn das stimmt was du sagst, dann würden wir uns wahrlich nicht verschlechtern. Ich traue allerdings dem Grafen von Racisburg und den feudalen Herrschergeschlechtern im Allgemeinen nicht über den Weg. Deshalb schlage ich vor, dass wir in Ruhe alles noch einmal bedenken. Wir sollten uns morgen noch einmal hier treffen. Dann können wir eine endgültige Entscheidung beschließen.“
Postwoi nickte zustimmend. Er hatte nicht gehofft, die aggressive Stimmung seiner Männer bändigen zu können. Aber die Aussicht auf geringere Steuern ließ anscheinend ihr hitziges Blut abkühlen. Die Versammlung löste sich rasch auf.
Prabislav folgte seinem Vater vor ihre Hütte. Dieser war nachdenklich.
„Vater, was ist genau geschehen, als ich weg war?“
Mistiwoi sah seinen Sohn erst still an. Ein sorgender Blick war nicht zu übersehen.
„Als du fort warst, kam der Steuereintreiber des Grafen mit seinen Schergen angeritten. Er ließ die anwesenden Männer des Dorfes zusammenrufen und las in unserer Sprache vor, das wir ab sofort den Zehnten an Graf und Bischof zu entrichten haben. Es gab Unruhe, und der Steuereintreiber konnte nur mit Gewalt sein Pferd im Zaum halten. Dann ritt er schnell mit seinen Gefolgsleuten davon. Sie hatten sichtlich Angst um ihr Leben. Einige unserer Männer waren so außer sich vor Wut, dass sie ihre Schwerter drohend in die Luft hielten. Du weißt ja was für Hitzköpfe Zwentepolch und ein paar andere sein können. Als daraufhin die Versammlung einberufen wurde, bist du auch gekommen. Den Rest weißt du ja.“
„Genau, ich habe Zwentepolchs Befürchtungen vernommen, und teile sie. Die Siedler sind alle nur Landräuber. Wir müssen sie vertreiben.“
„Nur nicht so hitzig, mein Sohn. Denke weiter. Was würde geschehen, wenn wir die Siedler vertrieben? Andere würden kommen, und ihren Platz einnehmen. Oder noch schlimmer. Es würden Krieger gesandt, um uns zu bestrafen. Das wäre unser Untergang. Ist es das was du willst?“
Prabislav schwieg. Darüber hatte er sich noch keine Gedanken gemacht. Sein Hass hatte bisher die wahrscheinlichen Folgen wie eine Decke eingehüllt.
Zwei Tage später half Prabislav seinem Vater auf dem Acker bei der mühsamen Arbeit. Mistiwoi hatte einen Ochsen im Joch vor den Hakenpflug gespannt. Andere taten dies mit Gäulen, doch besaß er keine. Unter einem Pflug Landes verstanden die Slawen diejenige Ackerfläche, die ein Ochsenpaar oder ein Pferd am Tag zu pflügen vermochte.
Ihr Feld lag am Hang eines Hügels und hatte die Größe einer Hufe. 6Früher hatte Mistiwoi Weizen angebaut. Aber jetzt pflügte er für Roggen. Die Zehntabgabe verlangte es. Innerlich war er unsicher, ob die Ernte dieses Jahr genug bringen würde, um den geforderten Zehnten an den Bischof und Grafen entrichten zu können, und noch genügend für die Familie blieb.
Nachdem die Arbeit verrichtet war, führte er den Ochsen zurück ins Dorf. Prabislav begleitete ihn. Er drehte seinen Kopf, als er Hufgetrappel von Süden her vernahm. Er erkannte fünf Reiter, die eine Staubwolke hinter sich herzogen. Sein Vater blieb ebenfalls stehen, den Ochsen immer noch am Zügel haltend.
Bald erkannte Prabislaw zwei der Männer, die unmittelbar vor ihm anhielten. Die Pferde schnaubten. Die beiden alten Männer waren diejenigen, die mit ihm auf dem Werder gesprochen hatten. Derjenige, der seine Sprache sprechen konnte, ergriff auch nun das Wort. Die anderen vier Männer hielten sich still zurück.
„So sehen wir uns wieder.“
Die Stimme des alten Mannes klang freundlich, und war mit einem erkennbaren Lächeln an Prabislav gerichtet. Für ihn antwortete in einem keineswegs freundlichen Ton sein Vater. „Was wollt ihr?“
„Wir haben mit euch zu reden, doch gestattet, dass wir uns zuvor vorstellen. Mein Name ist Reinold. Dies ist mein Herr Konrad Wackerbart, der als Lokator vom Grafen eingesetzt ist. Wir haben mit euch zu reden.“
„Was ist ein Lokator?“
„Graf Bernhard III. aus Racisburg hat den Herrn Konrad beauftragt, Siedler für das südliche Land anzuwerben. Dafür wird er nach einer erfolgreichen Stadtgründung mit Land und Ehren entlohnt werden. Er kam und führte uns hierher, wo nun unsere neue Heimat sein soll.“
„Von wo kommt ihr denn her?“ Bisher hatte Prabislav die Herkunft der Siedler noch nicht herausfinden können. Diese Frage interessierte ihn ebenfalls.
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