Aber diesmal waren es keine Händler und Kaufleute, die vorbei zogen und wieder verschwanden. Diesmal waren es Siedler, die für immer bleiben wollten. Von der Landzunge her waren die von Ochsen gezogenen Karren auf den Werder gelangt. Sie standen verstreut auf den Wiesen herum. Sogleich hatten sich die Männer nach ihrer Ankunft an die Arbeit gemacht. Es waren über hundert, die sogleich anfingen den Eichberg abzuholzen. Von den Stämmen wurden die ersten behelfsmäßigen Hütten auf den Wiesen gebaut. So hatten die Siedler erst einmal eine Unterkunft für die Nacht und die kommende kalte Jahreszeit.
Als das geschehen war, ging die Rodung des Eichberges weiter. Die Baumstümpfe wurden mit Ketten und Seilen umschlungen, sodass sie mit vereinter Ochsenkraft aus dem Erdreich gezogen werden konnten.
An anderen Stellen, wo kein Baumbewuchs vorherrschte, wurde durch kontrollierte Brandrodung die Vegetation beseitigt.
Nach wenigen Wochen sah der Eichberg wie ein kahlgeschorener Kopf aus. Prabislav sah von seinem Platz fasziniert zu. Er kannte dies nicht. Deshalb war er täglich auf den Crusekenberg gekommen, um seine Neugierde zu befriedigen. Sein Bruder dagegen hatte nach nur wenigen Tagen das Interesse an den neuen Nachbarn verloren, und war im Dorf geblieben.
Prabislav verfolgte von seinem Platz aus, wie auf der Spitze des Eichbergs eine rechteckige Fläche begradigt wurde. Was darauf entstehen sollte, verstand Prabislav zu der Zeit noch nicht. Danach machten die Arbeiter sich daran, Straßen um den Berg herum anzulegen. Dabei gingen sie nach Plan vor. Die Fläche auf der Spitze nahmen sie als Ausgangspunkt. Da sie sich an die örtlichen Gegebenheiten halten mussten, konnte keine gänzlich kreisrunde Straße um den Mittelpunkt entstehen.
Nachdem die Straßen in groben Zügen angelegt waren, konnten die Männer daran gehen, die Häuser zu bauen. Langsam nahm dieses, in Prabislavs Augen, große Dorf Gestalt an.
Wie Prabislav sah, riss der Zustrom an Siedlern nicht ab. Fast täglich kamen neue Familien hinzu. Es schien beinahe so, als ob der Bau dieser Stadt geplant gewesen sei, denn es waren alle benötigten Berufe anwesend. Niemand war unnütz. Jeder wusste seine Aufgabe aufs beste auszuführen – Tischler, Steinmetze, Maurer, Zimmerleute, Bäcker, Schmiede. Er sah, wie im Norden des Werders eine neue Holzbrücke an der schmalsten Stelle zum Festland errichtet wurde. Dieser Holzbrückenbau ging in Prabislavs Augen sehr zügig voran. Für ihn war es ein Wunder.
Bald wurden von Norden her Waren und Materialien zum Bau der Stadt herangeführt. Ihm entgingen auch nicht die auf dem See heranfahrenden Boote, welche Materialien für die Häuser heranbrachten. Einige waren mit Steinen beladen und lagen äußerst tief im Wasser.
Häuser aus Stein kannte Prabislav nicht. Er sah deshalb täglich ungläubig zu, wie sie wuchsen. An irgend einem Tag konnte er sich nicht mehr zurückhalten. Es trieb ihn einfach dichter heran, um es mit eigenen Augen aus der Nähe zu sehen. Er verließ seinen sicheren Beobachtungsposten und stieg den steilen Crusekenberg an der östlichen Seite hinab. An einer schmalen Stelle überwand er den Graben und versteckte sich danach hinter den Büschen der Wiese. Schließlich wartete er ab, ob ihn jemand gesehen hatte. Vor ihm grasten die mitgebrachten Tiere der Siedler frei. Dahinter sah er um den Berg herum die Häuser entstehen. Er entschloss sich noch dichter heranzugehen.
Dabei lief er durch die grasenden Schafe hindurch, seinen Blick stets nach vorne auf die unbekannten Häuser gerichtet. Dadurch gebannt, vergaß er alles um sich herum.
Plötzlich wurde Prabislav von hinten gestoßen, sodass er nach vorne strauchelte und fiel. Er landete auf dem Bauch, die Arme von sich gestreckt mit dem Gesicht im Gras, sodass er nicht sehen konnte, wer der Angreifer war. Aber umdrehen konnte er sich auch nicht mehr, denn sogleich hatten sich zwei Gestalten auf seinen Rücken geworfen und seine Arme auf diesem so verschränkt und festgehalten, dass er sich nicht mehr bewegen konnte.
Prabislav hörte Stimmen und laute Rufe in einer Sprache, die er nicht verstand. Dann kamen die Stimmen immer näher, während Ameisen aus dem Gras versuchten auf sein Gesicht zu krabbeln. Er vermochte nur zu pusten und den Kopf zu schütteln, so gut es eben ging.
Endlich löste sich der schmerzhafte Griff, und er konnte sich umdrehen und aufrichten. Schnell massierte er seine Arme, während er sich umsah.
Viele Menschen waren herbeigelaufen und gafften ihn an. So viele wie hier zusammenstanden, hatte er noch nie in seinem Leben auf einem Fleck gesehen. Es waren weit mehr, als in seinem Polabendorf lebten. Die Leute redeten alle durcheinander, aber er verstand kein Wort. Die Sprache klang so fremd und härter als die slawische. Verdutzt sah er sie an. Obwohl er sie nicht verstand, wusste er doch, dass sie ihn nicht gerade höflich begrüßten.
Ein Mann trat vor und ergriff das Wort. Alle verstummten und lauschten den Worten, die er an Prabislav in der fremden Sprache richtete. Prabislav verstand noch immer kein Wort. Also antwortete er dem Mann in seiner Sprache, dass er nicht wisse warum er hier festgehalten werde, und was die Menschen von ihm wollten.
Der Mann machte ein verstehendes Zeichen und winkte einen anderen älteren Mann zu sich. Sie sprachen ein paar Worte, worauf der Hinzugewinkte sich zu Prabislav bückte und ihn vorwurfsvoll in polabisch ansprach.
„Was tust du hier, und wer bist du?“
„Ich bin Prabislav, und will mir nur ansehen, wie ihr die steinernen Hütten baut.“
Der alte Mann glaubte ihm nicht. Verächtlich ließ er es Prabislav wissen.
„Das glauben wir dir nicht. Wie ein Dieb hast du dich angeschlichen. Du wurdest dabei gesehen, wie du unser Vieh stehlen wolltest.“
Als Prabislav das vernahm, fühlte er plötzlich einen dicken Kloß im Hals. Er wäre nie auf die Idee gekommen, für einen Viehdieb gehalten zu werden. Was die Siedler gewöhnlich mit Viehdieben taten, sagten sie ihm gleich.
„Ich wollte kein Vieh stehlen.“
„Du lügst. Wir haben genau gesehen, wie du dich wie ein Dieb angeschlichen hast. Bei uns herrscht die Sitte, Viehdiebe am nächsten Baum aufzuknüpfen. Wegen deiner jungen Jahre werden wir nicht von unserer Tradition abweichen. Also steh auf, da hinten ist ein großer Baum mit einem kräftigen Ast. Der wird für dich ausreichen. Ein Seil wird schon geholt.“
Der Mann erhob sich und gab in seiner Sprache Anweisungen. Prabislav verstand die Welt nicht mehr. Was hatten diese fremden Menschen nur für Sitten? Er verstand nicht, dass sein junges Leben nun schon beendet sein sollte. Sein Vater würde sicherlich traurig und enttäuscht von ihm sein. Deshalb brachen bei ihm alle Dämme, und er zog den alten Mann mit feuchten Augen am Gewand.
„Ich schwöre beim obersten Gott Radegast , dass ich nicht beabsichtigte, Vieh zu stehlen. Hat jemand gesehen, wie ich auch nur ein Tier angefasst habe? Nein, denn ich wollte euch nur beim Bau der steinernen Hütten zusehen. Das war alles. Deshalb bin ich nähergekommen.“
Der alte Mann horchte auf, da er sich mit den slawischen Sitten auskannte.
Wenn ein Slawe schwor, dann war dies schon etwas Besonderes und Außergewöhnliches, und ehrlich gemeint. Denn für die Polaben, und auch für die anderen slawischen Völker, hieß schwören gleichzeitig sich verschwören gegen den rächenden Zorn der Götter. Wenn er dies tat, so musste dem Jungen also zu glauben sein. Aber sie glaubten ihm noch nicht gänzlich.
„Warum hast du dich denn angeschlichen wie ein Dieb? Wer sich so anschleicht wie du hat Böses im Sinn. So ist es nun mal. Warum bist du nicht wie ein ehrlicher junger Mann aufrecht durch unsere Straßen gegangen? Niemand hätte dich verjagt, oder dir Unrecht zugefügt.“
„Weil ich euch nicht kannte, und eure Sitten. Ich hatte Angst davor, von euch verjagt oder getötet zu werden. Ich wollte euch nur zusehen, wie ihr die steinernen Häuser baut.“
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