Ein Jahr später wechselte Mander zur Kommunalverwaltung und nach etwas mehr als einem Jahr vom Krankenhaus zu einer Münchner EDV-Firma als Anfangsprogrammierer. Die Münchner M.B. Personalberatung, die als Tarnfirma fungierte, hatte zwischenzeitlich die Steuerung von Jens Mander übernommen und die schickten oder vermittelten ihn in die verschiedensten Firmen, um dort bestimmte Recherchen auszuführen. Auf diese Weise bereiste Jens Mander die ganze Bundesrepublik, die Schweiz und Österreich, aber auch Teile der Niederlande.
Zweiundneunzig kam es zu einem Vorfall, der die Zusammenarbeit mit der M.B. Personalberatung beendete. Die NATO musste zugeben, dass sie in Europa illegale paramilitärische Einheiten aufgebaut, ausgerüstet und unterhalten hatte. Der Kalte Krieg war vorbei und Germut Kärmeren war der Ansicht, dass die Dienste von Jens im Amt für Wehrkunde besser nutzbar wären. Sechsundneunzig führte Jens seinen letzten Auftrag im Tschechischen Kernkraftwerk ‹Jaderná elektrárna Dukovany‹ durch. Ein heftiger Streit mit Germut entbrannte über das Ergebnis des Auftrags. Von diesem Augenblick an war es eine ausgemachte Sache, dass die beiden sich feind waren. In den folgenden Jahren schlug sich Jens als freier IT-Berater und Administrator durchs Leben und übernahm nur mehr Aufträge, die nicht mit Germut Kärmeren in Verbindung standen und Zweitausendvier schied er faktisch aus, indem er nur mehr Aufträge unabhängiger Projektvermittler übernahm.
Jens Mander hatte die Frage des Kriminalobermeisters Reuter schlichtweg ignoriert, was dieser aber offensichtlich auch nicht krumm nahm. So wie Mander und Reuter in aller Gemütsruhe zum Passat gingen, um nicht zu sagen schlenderten, hätte für den unbeteiligten Beobachter der Eindruck entstehen können, dass hier zwei Freunde unterwegs waren.
Sie nahmen im Auto Platz und Reuter erledigte den Schreibkram.
Die Freiheitsglocke im Schöneberger Rathaus begann gerade ihr tägliches Mittagsläuten, als Jens die Türe zu seiner Wohnung öffnete.
Für Jens Mander war der Tag gelaufen. Am Nachmittag brachte er seine geliebte Schweizer Sennenhündin zu seiner Frau, die sich bei der Tochter in Brandenburg aufhielt und war am Abend wieder in seinem Appartement in Berlin.
Jens Mander lag immer noch auf seinem Sofa, als ihn um neun Uhr der Kalender seines Smartphone’s durch sein aufdringliches piepsen an Rahuls Geburtstag erinnerte. Während er damit haderte, dass er schon wieder eine Nacht durchgemacht hatte, machte er sich seine erste Tasse Kaffee. Dann griff er zum Telefon um Rahul zum Geburtstag zu gratulieren. Sie plauderten schon ein paar Minuten als Rahul plötzlich sagte: „Ich habe gestern noch unserem Chef gesprochen und habe da noch etwas erfahren. Vielleicht ist es ja wichtig.“ Jens hatte plötzlich das Gefühl, dass jetzt was wirklich Wichtiges kam.
„Mahavir war sonst immer ein Spaßvogel; hat viel gelacht. Aber unser Chef hat mir erzählt, dass Mahavir am Tag vor seinem Verschwinden so komisch war. In der Küche war er unkonzentriert, hat nur Fehler gemacht. Als er ihn kritisierte, hat Mahavir gleich geweint und nachdem die Küche geschlossen war, ging er entgegen seiner sonstigen Angewohnheit schweigend auf sein Zimmer.“
„Interessant“, erwiderte Jens. „Das tönt ja wirklich interessant.“
Jens stellte Rahul noch ein paar Fragen, aber dem waren keine weiteren Antworten zu entlocken und so beendeten sie ihr Telefonat mit der Verabredung, sich nach achtzehn Uhr zum Essen zu treffen.
Mit einer frischen Tasse Kaffee setzte sich Jens wieder an sein MacBook und zog seine Notizen zurate. Zwischenzeitlich waren die Benachrichtigungen zu seinen Anfragen bei der Personen-Suchmaschine eingegangen und so machte Jens Mander sich wieder ans Werk.
Zuerst überprüfte er nochmals alle Kontaktdaten der m-Face-Casting - Namen, Telefonnummern, Mail-Adressen. Diese Prozedur wiederholte er mit den Kontaktdaten, die er vom russischen Server geladen hatte. Zu einigen Namen fand er in Xing 18und zu anderen in LinkedIn 19Profile, ohne jedoch eine Verbindung zwischen den einzelnen Personen herstellen zu können.
Einem plötzlichen Einfall folgend, nahm er sich nochmals die Namensliste der russischen Firma vor. Akribisch übersetzte er jeden Namen ins Deutsche, zuerst wörtlich und zusätzlich unter Zuhilfenahme eines Thesaurus-Wörterbuchs.
Vier der fünf gefundenen Namen hatte er bereits auf diese Art bearbeitet, ohne dass sich mit dieser Methode eine Verbindung zur m-Face-Casting hätte herstellen lassen. „Das ist heute nicht mein Tag“, sagte Jens zu sich selbst. Als letzter Name stand noch Alexej Melnikow auf der Liste.
Alexej entspricht dem Deutschen Alexander und ein Alexander stand als fünfter Name auch auf der m-Face Liste. „Eins zu Null für den Gasmann“, dozierte Jens zu sich selbst. „Jetzt musste nur noch der Familienname irgendwie passen.“ Müller - er schlug im Wörterbuch nach, fand aber keine Übersetzung. Müller? Jens spielte verschiedene Varianten und Anagramme des Namens durch, aber immer gab der Vergleich mit der russischen Namensliste keine Übereinstimmung.
Jens spielte immer neue Varianten der deutschen und russischen Namen durch, ohne auch nur einen winzigen Schritt weiter zu kommen.
Immer wieder blieb er bei dem Namen Alexander Müller hängen; wie von einem Magneten angezogen - Müller. Ganz langsam kam aus der untersten Schublade seines Gedächtnisses das ans Licht, was ihn schon die ganze Zeit an dem Namen irritierte. Einen Alexander Müller hatte er mal überprüft: Russe, um genau zu sein geborener Tschetschene oder Nochtcho, wie die Tschetschenen sich selbst bezeichnen. Brüderchen Alexej war Major bei der russischen Armee und von Neunundsiebzig bis Fünfundachtzig mehrmals in Afghanistan stationiert.
Anfang Neunzig zauberte Alexej urplötzlich einen deutschen Vorfahren auf seine Ahnentafel und beantragte die Einreise in das Land seiner Vorfahren. Kurz darauf erhielt er die Deutsche Staatsangehörigkeit. Irgendein Neider hatte aber dem Verfassungsschutz die Information zugespielt, dass Alexej nicht der unbescholtene Russland-Deutsche sei und damit kam die Akte zu Jens Mander.
Nach drei Monaten intensiver Recherche konnte dann Jens den Antragsteller Alexander Müller als Alexej Melnikow identifizieren - Major bei der 103. ‚Witebsker Luftlandedivision 20‘, einer russischen Eliteeinheit, die im Dezember Neunundsiebzig zusammen mit KGB-Spezialkräften den Tajbeg-Palast 21und weitere strategische Punkte in Kabul erstürmten und Machthaber Amin töteten. Jens musste sich durch jede Menge KGB-Dreck, verdeckte Operationen und Brutalitäten wühlen. Dann stand fest: Brüderchen Alexej hatte mit seiner Ahnentafel geschummelt - nix deutsche Uroma.
Eben jener Alexander Müller, dem Jens im Jahr Zweitausendsieben während eines Projekts nochmals begegnete.
Die Recherchen hatten Jens fast den ganzen Tag gekostet und als er auf die Uhr blickte, war es schon sechzehn Uhr. Außer Kaffee und Zigarillos hatte Jens nichts konsumiert. Jens beendete seine Arbeit, begann sich ausgehfertig zu machen und begab sich auf den Weg zum verabredeten Restaurant um dort auf Rahul zu warten.
Rahul traf dann auch mit fast einstündiger Verspätung ein, aber das war Jens schon gewohnt und Lalita, Rahuls Frau, verspätete sich nochmals um eine viertel Stunde. Küsschen links und Bussi rechts und ein ›Happy Birthday‹ gleich zur Begrüßung. Dann ging es schon mit dem Essen los. Während des Essens und auch danach wurde das Thema Mahavir mit keinem Wort erwähnt, aber man merkte, dass Rahul noch etwas sagen wollte, sich aber in Lalitas Gegenwart nicht traute.
Gegen dreiundzwanzig Uhr verabschiedeten sie sich und Jens strebte wieder seinem Appartement in der Freiherr-vom-Stein-Straße zu.
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