1 ...7 8 9 11 12 13 ...18 Von den drei im Raum anwesenden Menschen waren ihm zwei schon aus bisherigen seiner Ausbildung bekannt, aber den dritten Mann sah er an diesem Tag zum ersten Mal. Und genau dieser Mensch sollte sein späteres Leben maßgeblich beeinflussen.
Nach zwei Stunden Befragung, Jens nannte es später nur mehr »die Inquisition«, war alles für seinen Wechsel klar und im November Dreiundsiebzig bekam er dann seine Versetzungsurkunde nach München.
Jens empfand es nie als aufregend, wenn er im Leben der Menschen rumschnüffelte, um die Berechtigten von den Unberechtigten zu unterscheiden, aber nach einer gewissen Zeit entwickelte er das, was andere als das »›Dritte Auge« bezeichneten. Seine Trefferquote war so gut, dass er äußerst selten eine ablehnende Entscheidung revidieren musste. Auffallend war, dass er in der Folgezeit immer solche Aufgaben zugeteilt bekam, an denen sich seine Kollegen bereits die Zähne ausgebissen hatten und die er erfolgreich abschließen konnte.
Seine Vorgesetzten schickten ihn auf die verschiedensten Seminare - Datenverarbeitung, Journalistische Recherche, Kryptographie, Psychologie, Geschichte und Zeitgeschichte. Je mehr Seminare er besuchte, umso größer wurde sein Ehrgeiz. An einem Teil dieser Seminare nahmen einige Kollegen seines Ausbildungsjahrgangs teil, meistens aber war er der einzige Vertreter seiner Behörde in diesen Veranstaltungen.
Sechsundsiebzig, nach knapp drei Jahren, bestand er dann auch die letzte Prüfung. Bis hierher verlief nach Ansicht von Jens Mander alles so »unspannend« und normal, dass er sich keine größeren Gedanken machte. Zwar fragte er sich manchmal, wofür die ganzen Seminare eigentlich gut waren, aber sie brachten Abwechslung in das tägliche Einerlei des Aktenstudiums.
Die Prüfung dauerte fünf Tage. Am fünften Tag, er hatte gerade seine Arbeit abgegeben und war auf dem Weg in den Innenhof des Gebäudes um eine Zigarette zu rauchen, als er den dritten Mann aus seiner Inquisition wieder traf.
Er begrüßte Jens, obwohl der zirka zwanzig Jahre jünger war, wie einen alten Freund und lud ihn auf ein Bier ein - quasi zur Feier des Tages und auf die bestandene Prüfung. Dann stellte er sich als Albert Wirner vom Bundesliegenschaftsamt vor. Seine Behörde hätte eine Niederlassung in der Münchner Luisenstraße und er sei der Büroleiter.
Noch bevor Jens wegen des Spruchs von der bestanden Prüfung nachfragen konnte, lieferte Wirner schon mal eine plausible Erklärung.
„Jens? Ich darf Sie doch Jens nennen“, und ohne auf eine Erwiderung zu warten, „Jens, wir sind auf der Suche nach geeigneten neuen Kollegen und da habe ich Ihren Ausbildungsleiter um einen Gefallen gebeten: Korrektur und Bewertung Ihrer Prüfungsarbeiten außerhalb der Prüfungsordnung durch einen Verwaltungsjuristen unserer Behörde. Zusätzlich und vor allen anderen Prüfungsteilnehmern“, er grinste Jens an.
„Der Kollege ist der Ansicht, dass die vier Prüfungen so gut gewesen seien, dass Sie in der fünften Prüfung auch mit einem leeren Blatt bestehen würden und deshalb bin ich hier.“
Jens war sprachlos und auf höherem Niveau verwirrt.
„Jens, ich will ganz offen mit Ihnen reden: wir suchen neue Mitarbeiter mit speziellen Fähigkeiten, die zusätzlich zu ihrer Arbeiten für uns bestimmte Sachen erledigen. Vertraulich und ohne Aufsehen.“
Jens war noch immer platt, hatte sich aber doch soweit im Griff, dass er so was wie ein „Womit kann ich Ihnen helfen?“ über seine Lippen brachte. „Gesinnungsschnüffelei? Kollegen ausspionieren?“
Albert Wirner begann zu lachen. „Nö“, meinte er nur. „Viel einfacher und weniger aufregend. Einfach Ihrer Arbeit nachgehen und und das tun, was Sie sonst auch machen: die Hintergründe und Zusammenhänge rausfinden.“
Jens Mander fiel ein Stein vom Herzen, obwohl er immer noch ein mulmiges Gefühl in der Magengegend hatte. Zwischenzeitlich hatten sie Manders Stammkneipe ›Zum Clown‹ in der Schellingstraße erreicht, sich in eine Ecke gesetzt und ihr bestelltes Bier erhalten.
Nach dem ersten Schluck aus dem Glas beruhigte sich auch Jens‘ Magennerven und auch sein Selbstvertrauen kam wieder.
„Wie haben Sie sich das vorgestellt?“, wollte Jens wissen.
Albert Wirner hatte offensichtlich mit dieser Frage gerechnet und begann Jens das Vorhaben ausführlich zu erklären. Seine Dienststelle würde Jens als Mitarbeiter in verschiedene Firmen vermitteln. Dort solle er dann die Augen offen halten und checken, ob alles legal abläuft.
„Um Deine Karriere brauchst Du Dir keine Sorgen machen, da haben wir ein Auge drauf“, dozierte Wirner weiter. „Wir steuern Deine Einsätze und Deinen Aufstieg.“
Jens Mander bekam urplötzlich Kopfschmerzen. Die wildesten Gedankenfetzen jagten ihm durch den Kopf und das Bedürfnis nach einem Schnaps wurde immer größer. Genauso überraschend, wie das Gespräch begonnen hatte, endete es auch: Albert Wirner winkte die Kellnerin an den Tisch, verlangte die Rechnung und bezahlte.
„Du kannst es Dir ja nochmals überlegen“, meinte er. „Komm am Sonntag an den Chiemsee zu einer Veranstaltung der LASSEN HEDIN Stiftung. Bis dahin hast Du Zeit, Dir die Sache zu überlegen und uns Deine Entscheidung mitzuteilen. Und - “, er machte eine bedeutungsvolle Pause, „häng‘s nicht an die große Glocke.“
Nachdem Albert Wirner das Lokal verlassen hatte, saß Jens noch ziemlich lange vor seinem Bier. »Ja, Nein, vielleicht oder doch«, murmelte er vor sich hin. Plötzlich stand er auf, kramte zwei Zehnpfennigstücke aus seiner Hosentasche, ging zur Musikbox, warf das Geld in den Schlitz und wählte die neunundvierzig. Er hatte den Ausgang noch nicht ganz erreicht, als die Musik einsetzte. Zu den ersten Takten von »Gimme some lovin’« der Spencer-Davis-Group verließ er das Lokal.
Als Jens Mander zwei Tage nach dem Gespräch mit Albert Wirner auf dem Parkplatz des Schulungsheims der Stiftung stand, hatte er seine Entscheidung getroffen.
Das Schulungsheim bestand aus einer alten Villa und einem modernen Neubau und passte so gar nicht in die idyllische Umgebung des Chiemsees. Nachdem Jens sich orientiert hatte, meldete er sich am Empfang. Wirner hatte ihm keine Informationen darüber gegeben, nach wem er fragen sollte oder mit wem er verabredet war. Offensichtlich waren aber am Empfang entsprechende Instruktionen hinterlegt worden, denn man schickte ihn in den Altbau ins Kaminzimmer.
Das Kaminzimmer war für seine Begriffe beeindruckend riesig. Um einen freistehenden Kamin in der Mitte des Raums waren mehrere Ledersofas und Sessel drapiert. Riesige, vom Boden bis zur Decke reichende Fenster ermöglichten dem Besucher einen herrlichen Blick auf die Landschaft. Auf einem der Sessel hatte eine Person Platz genommen; im Gegenlicht konnte Jens aber nur die Umrisse erkennen.
„Hallo Jens. Schön dass Du gekommen bist“, hallte die Stimme des Unbekannten entgegen. „Komm und setz Dich zu mir.“
Jens kam die Stimme bekannt vor, konnte Sie aber nicht sofort zuordnen und so ging er auf die Schattengestalt zu. Je näher er der Gestalt kam umso mehr ließ der Gegenlichteffekt nach und kurz, bevor er die Person erreichte, blieb Jens wie angewurzelt stehen.
„Du? Du hier?“, kam es verblüfft über die Lippen von Jens. „Was machst Du denn hier?“
Mit allem hatte Jens Mander gerechnet, nur nicht mit seinem Cousin Germut Kärmeren. Germut war der Sohn des Bruders seiner Adoptivmutter. Jens wusste nicht viel über ihn, außer dass er bei der Bundesmarine war, irgendwo an der Nordsee wohnte, verheiratet war und drei Söhne hatte. Achja - und dass er in seiner Paradeuniform einen starken Eindruck auf seine Umgebung machte.
„Na was soll ich denn hier schon machen?“, erwiderte Germut. „Ich bin Deine Sonntagsverabredung. Aber jetzt setz Dich erst mal.“
Auf einem kleinen Beistelltisch standen eine Flasche Mineralwasser und zwei Gläser. Germut füllte ein Glas, schob es in Richtung Jens und nahm dann einen Schluck aus seiner Kaffeetasse.
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